Podcast-Interview ·

Ein Jahr Weltreise mit Kindern – von Patagonien bis Bora Bora

Einmal Patagonien, Bora Bora, die Cookinseln und Tasmanien, bitte. Was wie eine ziemlich ambitionierte Wunschliste klingt, wurde für Mine und Olli mit ihren Kindern Neila und Levi tatsächlich zur Reiseroute. Ein Jahr lang waren die vier unterwegs – zunächst mit dem eigenen Wohnmobil durch Europa, später mit Flugzeug, Mietwagen und Camper einmal um die Welt.

Der Weg dorthin begann aber nicht mit einem perfekt ausgearbeiteten Plan. Er begann mit einer Entscheidung. Schule, Jobs, Wohnung und Finanzierung wirkten zunächst wie riesige Hürden. Sobald feststand, dass sie wirklich losziehen würden, ließ sich plötzlich eine nach der anderen lösen.

Im NomadKids Podcast sprechen wir mit Mine und Olli über Elternzeit, die abgelehnte Schulbefreiung, Lernen unterwegs und das Familienleben rund um die Uhr. Und natürlich über jene Orte, die selbst nach einem ganzen Jahr voller Traumziele geblieben sind.

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Der Samen für die große Reise

Mine und Olli waren schon als Paar viel unterwegs. Als die Kinder kamen, reisten sie einfach gemeinsam weiter. Der entscheidende Moment war eine viermonatige Elternzeitreise im Jahr 2019. In Neuseeland probierten sie das Reisen im Wohnmobil aus – anfangs durchaus mit Respekt vor dem engen Raum.

Doch das mobile Zuhause passte erstaunlich gut zu ihnen: Die Kinder schliefen jeden Abend im selben Bett, alles Wichtige war dabei und Pausen richteten sich nach Hunger und Müdigkeit statt nach einem starren Zeitplan.

Das war für uns so das ultimative Gefühl von Freiheit.

Diese Erfahrung ließ die Familie nicht mehr los. Im Sommer 2022, während einer Reise durch Schweden, wurde aus dem wiederkehrenden Gedanken eine konkrete Entscheidung: Sie würden noch einmal auf Weltreise gehen – diesmal für ein ganzes Jahr.

Am Anfang standen dieselben Fragen, die wahrscheinlich fast jede reisewillige Familie kennt. Was passiert mit den Jobs? Wie lässt sich die Reise bezahlen? Was wird aus der Wohnung? Und wie soll das mit einem schulpflichtigen Kind funktionieren?

Mine und Olli beantragten 13 Monate Elternzeit. Bei ihren großen Arbeitgebern ließ sich die berufliche Pause problemlos umsetzen. Die Wohnung behielten sie bewusst als Sicherheitsnetz und ließen Freunde, die Vermieterin und eine Nachbarin regelmäßig nach dem Rechten sehen. Für die Kinder bedeutete das: Nach der Rückkehr warteten ihre vertrauten Zimmer auf sie.

Wenn die Schule nicht mitspielt

Für Sohn Levi, damals noch im Kindergartenalter, klang die Reise sofort nach Abenteuer. Neila beschäftigte dagegen vor allem, dass sie ihre Klasse und ihre Freundinnen zurücklassen würde. Die Familie sprach lange vor dem Start offen mit beiden Kindern darüber und legte den Aufbruch bewusst auf den Beginn der Sommerferien. So gab es einen klaren Abschluss des Schuljahres, bevor etwas Neues begann.

Die Gespräche mit der Schulleitung verliefen weniger leicht. Eine Befreiung vom Unterricht wurde abgelehnt. Die Familie entschied sich daraufhin für eine Abmeldung aus Deutschland: Olli und Neila meldeten ihren Wohnsitz ab, Mine und Levi blieben gemeldet.

Wichtig ist dabei: Im Gespräch schildern Mine und Olli ausschließlich ihren persönlichen Weg. Welche Folgen eine Abmeldung für Schulpflicht, Krankenversicherung, Kindergeld, Steuern oder Arbeitsverhältnisse hat, hängt von der individuellen Situation ab. Bei ihnen war die Kindergeldfrage zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht abschließend geklärt.

Unterwegs änderte Neila selbst den ursprünglichen Plan. Eigentlich sollte sie nach der Reise in die vierte Klasse zurückkehren. Dann wollte sie lieber gemeinsam mit ihren Freundinnen in die fünfte Klasse wechseln. Mit Schulheften für Deutsch, Mathematik und Englisch arbeitete die Familie deshalb den Stoff der vierten Klasse in einem kompakten Durchlauf durch.

Warum brauche ich da so viel Zeit in der Schule für das Gleiche, was wir hier zu Hause in einer halben Stunde machen?

Diesen Satz hatte Neila schon während der Corona-Zeit nach einem Schultag gesagt. Auf der Reise erlebten ihre Eltern erneut, wie konzentriert Lernen im direkten Eins-zu-eins-Austausch sein kann. Ob der Express-Durchlauf langfristig funktioniert, wollten sie nach der Rückkehr bewusst abwarten.

Schule und Abmeldung frühzeitig klären

Eine Schulbefreiung, Abmeldung oder Beschulung unterwegs ist keine pauschale Lösung. Sprecht früh mit Schule und zuständigen Behörden und prüft die Folgen für Meldeadresse, Versicherung, Kindergeld und Steuern in eurem konkreten Fall. Die Erfahrung einer anderen Familie ersetzt keine individuelle rechtliche Beratung.

Drei Monate Europa – und dann einmal um die Welt

Ursprünglich sollte Kanada den Anfang machen. Weil dort im August Hauptsaison war und die Preise das Budget stark belastet hätten, änderten Mine und Olli den Plan. Sie starteten mit dem eigenen Wohnmobil und fuhren drei Monate durch Europa: unter anderem durch Slowenien, Kroatien, Montenegro, Albanien, Nordmazedonien, Griechenland, Bulgarien, Serbien und Bosnien.

Im November ging es per Flug nach Costa Rica. Danach folgten Chile und Argentinien mit Feuerland und Patagonien, ein Zwischenstopp in Panama und die Weiterreise über die USA nach Französisch-Polynesien. Von Tahiti, Moorea und Bora Bora führte die Route zu den Cookinseln und anschließend über Neuseeland und Australien nach Indonesien und Malaysia. Zum Abschluss holte die Familie das Wohnmobil noch einmal für Polen und Schweden.

Nicht jedes Land war monatelang im Voraus gebucht. Costa Rica planten sie Etappe für Etappe, und je länger die Reise dauerte, desto spontaner wurden sie. Auf Bora Bora wussten sie selbst beim Auschecken noch nicht, wo sie am Abend schlafen würden.

Diese Freiheit hatte allerdings eine Kehrseite: Nach einem vollen Tag mit Ausflügen und Kindern abends noch die nächste Unterkunft zu suchen, fühlte sich irgendwann nicht mehr spontan, sondern schlicht anstrengend an. Deshalb plante die Familie phasenweise mehrere Wochen voraus oder blieb bewusst eine Woche an einem Ort.

Man findet immer was. Man findet immer was zum Übernachten.

Das war eine der überraschenden Erkenntnisse für Mine, die sich selbst als strukturierte Planerin beschreibt. Gleichzeitig lernten beide, dass Flexibilität nicht bedeutet, jeden Tag neu entscheiden zu müssen. Manchmal ist die entspannteste spontane Entscheidung eben, doch einen Camper zu mieten und die tägliche Unterkunftssuche sein zu lassen.

Patagonien: Wind, Weite und knackendes Eis

Kurz vor Weihnachten kam die Familie in Santiago de Chile an. Nach Weihnachtsmärkten bei 30 Grad und einigen Tagen in Valparaíso flogen sie nach Punta Arenas und fuhren mit einem Mietwagen weiter Richtung Feuerland.

Patagonien war einer der wenigen Abschnitte, die sie bewusster vorplanten. Unterkünfte und Mietwagen sind dort begrenzt, besonders in und um den Torres-del-Paine-Nationalpark. An den touristischen Hotspots waren Übernachtungen teuer, außerhalb davon empfanden Mine und Olli die Preise als moderater. Ihr grober Rahmen lag meist zwischen 100 und 150 Euro pro Nacht.

Die Landschaft wechselte zwischen endloser Steppe, langen Straßen und den großen Naturmomenten, für die sie gekommen waren: Torres del Paine, das Fitz-Roy-Massiv, Ushuaia und der Perito-Moreno-Gletscher. Vor dem Eis wurden die Kinder gebeten, ganz still zu sein. Dann hörten sie das Knacken und Schieben des Gletschers.

Vor diesem riesen Gletscher einmal zu stehen und zu lauschen – das war so mein persönliches Highlight.

Für längere Wanderungen suchte die Familie Strecken aus, die für alle machbar waren. Bis etwa zehn Kilometer funktionierten gut – mit Picknick, Geschichten und einer zuverlässig gefüllten Snackbox. Natürlich gab es trotzdem das obligatorische „Nicht schon wieder wandern“. Nach den ersten zehn Minuten waren Käfer, Raupen und erfundene Wölfe dann oft spannender als die müden Beine.

Bora Bora: Ein Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Mine träumte seit ihrer Kindheit von Bora Bora. Der markante Berg, die Lagune, diese Farben – all das hatte sie seit Jahren im Kopf. Als die Familie von Moorea nach Bora Bora flog, kamen ihr die Tränen.

Ich war so überwältigt von diesen Farben und von dem Wasser und zu wissen, dass ich da jetzt wirklich angekommen bin, worauf ich mein Leben lang so gefühlt gewartet hatte.

Vier Tage verbrachten sie in einem besonderen Hotel. Bora Bora war für Mine kein Ziel, das man einmal abhakt und dann erledigt ist. Ihr Fazit nach der Reise: Sie müsse nicht einmal, sondern mindestens zweimal im Leben hin.

Und trotzdem waren es anschließend die Cookinseln, die die Familie auf eine ganz andere Art festhielten.

Die Cookinseln und das Gefühl, einfach zu bleiben

Zwei Wochen verbrachten die vier dort – länger als zunächst geplant. Die Insel war klein genug, um sie in etwa 40 Minuten zu umrunden. Nach kurzer Zeit kannten sie Wege, Orte und Menschen. Statt die nächste Sehenswürdigkeit anzusteuern, ließen sie sich treiben.

Da ist der Stress einfach nicht so groß. Die genießen einfach ihr Leben, die sind verdammt dankbar dafür, dass sie das Meer haben, dass sie die Natur haben, dass sie da leben dürfen – und das hat total abgefärbt auf uns.

Sie zogen noch einmal um, blieben länger und fuhren als Familie spürbar herunter. Direkt vor dem Strand schwammen Schildkröten in der Lagune. Mine, die Schildkröten liebt, ging dort jeden Tag schnorcheln.

Bora Bora war der emotional erfüllte Kindheitstraum. Die Cookinseln waren das unerwartete Gefühl, für einen Moment nicht nur Gast zu sein. Genau deshalb lassen sich beide Erlebnisse für die Familie kaum gegeneinander aufwiegen.

Warum am Ende alle Tasmanien sagten

Australien wurde mit rund zwei Monaten zu einem der längsten Abschnitte der Reise. Von Brisbane ging es zunächst nach Byron Bay. Danach fuhr die Familie mit dem Camper die Ostküste bis Cairns und Port Douglas hinauf, besuchte Cape Tribulation und flog über Sydney weiter nach Tasmanien.

Die Insel war eher ungeplant in die Route gerutscht. Weil dort langsam der Herbst begann, entschieden sie sich gegen einen Camper und für einen Mietwagen mit festen Unterkünften. Nach vielen Wochen unterwegs waren warme Räume und für die Kinder auch mal eine Badewanne eine ziemlich gute Aussicht.

Tasmanien überraschte alle: einsame Strände, klares Wasser, Natur, Ruhe, Restaurants und Weingüter. Wenn die Kinder nach ihrem Lieblingsort gefragt wurden, war die Antwort eindeutig:

Wo hat es euch am besten gefallen? Tasmanien. Wo machen wir den nächsten Urlaub? Tasmanien. Wohin wollen wir auswandern? Tasmanien.

Mine blieb Bora Bora besonders nah, Olli nannte Australien sein Highlight – doch als gemeinsamer Familienfavorit stand Tasmanien ganz oben.

24/7 Familienzeit ist nicht jeden Tag romantisch

Die Kinder waren füreinander gute Spielkameraden und konnten stundenlang gemeinsam abtauchen. Neila vermisste dennoch ihre Freundin und hielt per Sprachnachricht Kontakt. Unterwegs entstanden neue Freundschaften: Eine auf Bora Bora kennengelernte Familie trafen sie später in Neuseeland und Australien wieder.

Abschiede blieben schwer. Gleichzeitig half die Aussicht, sich im nächsten Land vielleicht wiederzusehen.

Auch für die Eltern war das intensive Zusammensein nicht immer leicht. Vier Menschen, vier Bedürfnisse, Reiseplanung und keine verlässliche Pause: Das gehört genauso zu einer Langzeitreise wie Lagunen und Gletscher.

Man sitzt viel Zeit zusammen. Jeder hat so seine eigenen Bedürfnisse. Jeder hat so seinen eigenen Kopf.

Manchmal hätten Mine und Olli sich eine halbe Stunde Kindergarten oder Schule gewünscht, einfach um die Gedanken zu sortieren. Hinzu kamen ausgefallene Flüge, eine verpasste Fähre, ein platter Reifen und Krankheiten. Eine Situation, in der sie die Reise abbrechen wollten oder sich ernsthaft bedroht fühlten, gab es nach ihrer Aussage aber nicht.

Gespart, verkauft und bewusst nicht gearbeitet

Nach der ersten Weltreise 2019 begann die Familie, erneut Geld in einen Reisetopf zu legen. Zusätzlich verkauften sie Dinge, die sie während des Jahres nicht brauchen würden. Auch gut gelaufene Aktien trugen zur Finanzierung bei. Der größte Teil des Budgets war jedoch klassisch angespart.

Unterwegs zu arbeiten hatten sie anfangs durchaus erwogen. Sie entschieden sich dagegen, weil längere Aufenthalte passende Unterkünfte erfordert und gleichzeitig gemeinsame Zeit gekostet hätten. Stattdessen wollten sie reisen, solange das Ersparte reichte. Das Wohnmobil blieb als günstigere Reserve für den Schluss.

Ein weiterer Baustein waren gesammelte Flugmeilen. Die Flüge nach Costa Rica und zurück von Singapur bezahlte die Familie nach eigener Aussage weitgehend mit Meilen; zusätzlich fielen jeweils rund 120 Euro an Gebühren an.

Bei Einreisen begegnete ihnen außerdem das Thema Weiterreisenachweis. Mehrmals wurden sie am Check-in nach einem Ausreiseticket gefragt und nutzten kurzfristig reservierte sogenannte Onward-Tickets. Solche Angebote und die jeweiligen Einreisebestimmungen sollte man aktuell und genau prüfen – entscheidend sind immer die offiziellen Vorgaben des Ziellandes und der Airline.

Was von diesem Jahr bleibt

Zwei Monate vor dem Ende überlegten Mine und Olli ernsthaft, ob sie noch ein Jahr verlängern könnten. Unterwegs hatten sie Routinen gefunden und sich an diesen anderen Modus gewöhnt. Trotzdem kehrten sie zurück.

Wie es weitergeht, war zum Zeitpunkt des Gesprächs offen. Auswandern können sich beide grundsätzlich vorstellen; Neuseeland ist für Mine ein Traumziel. Gleichzeitig wird ihre Tochter älter. Freundschaften, Schule und ein eigener Alltag werden wichtiger. Die Familie möchte diese Bedürfnisse nicht einfach dem nächsten großen Reisetraum unterordnen.

Was aber ziemlich sicher ist: Irgendetwas wird wieder passieren.

Denn dieses Jahr hat nicht nur eine Liste von Traumzielen erfüllt. Es hat gezeigt, dass große Pläne nicht auf einmal lösbar sein müssen. Elternzeit, Wohnung, Schule, Budget und Route wurden Schritt für Schritt geklärt. Nicht immer perfekt, nicht ohne offene Fragen – aber gut genug, um loszugehen.

Mine und Olli findet ihr auf Instagram unter @worldtrip_family und auf ihrer Website worldtrip-family.de.

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