Teilzeit reisen mit Kindern – monatelang im Wohnmobil, im Winter zu Hause
Ein halbes Jahr reisen, ein halbes Jahr zu Hause: Was erst einmal nach einem Leben zwischen zwei Welten klingt, ist für Anja und Pascal ein ziemlich durchdachtes Familienmodell. Mit ihren beiden kleinen Töchtern sind sie mehrere Monate am Stück im Wohnmobil unterwegs. Wenn der Sommer vorbei ist, tauschen sie den Camper gegen eine möblierte Ferienwohnung im Fränkischen Seenland.
Keine eigene Wohnung, die während der Reise leer steht. Kein endgültiger Abschied vom Zuhause. Und auch kein ortsunabhängiges Online-Business, das unterwegs irgendwie zwischen Kinderbetreuung und Stellplatzsuche funktionieren muss.
In Folge 10 des NomadKids Podcasts erzählen Anja und Pascal, wie sie Elternzeit, Beruf, Familienalltag und lange Wohnmobilreisen miteinander verbinden – und warum sich die ersten Wochen im Camper durchaus chaotisch anfühlen dürfen.
Am ersten Tag waren wir eigentlich schon mit dem Gedanken: Wir werden es wahrscheinlich nur bis zur deutschen Grenze schaffen und dann direkt wieder umdrehen.
Vom Reisen zu zweit zur ersten Elternzeit im VW-Bus
Reisen gehörte für Anja und Pascal schon zu ihrem Leben, bevor sie sich Ende 2018 kennenlernten. Beide waren zuvor jeweils einmal rund um den Globus unterwegs gewesen. Dass Anja auf fast allen Profilbildern von Pascal die jeweiligen Orte erkannte, war beim Kennenlernen dann offenbar kein ganz schlechtes Zeichen ;)
2020 kam ihre erste Tochter Olivia zur Welt. Beide nahmen gleichzeitig ein Jahr Elternzeit und beschlossen, diese gemeinsame Zeit nicht ausschließlich zu Hause zu verbringen. Als Olivia ungefähr sechs Monate alt war, starteten sie im VW-Bus Richtung Balkan.
Ein entspannter Start war das allerdings nicht. Olivia schrie in ihren ersten Monaten viel, und beide zweifelten, ob eine lange Reise unter diesen Bedingungen wirklich eine gute Idee war. Ihr pragmatischer Gedanke: Ob das Baby zu Hause schreit oder an einem freien Stellplatz, ändert an der Situation zunächst wenig.
Aus dem vorsichtigen Versuch wurden etwa viereinhalb bis fünf Monate auf dem Balkan. Olivia machte die Reise gut mit. Und als die Familie im Spätsommer beziehungsweise Frühherbst zurückkehrte, stand fest: Das machen wir wieder.
Elternzeit und Elterngeld als Türöffner
Anja arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Friseurin und einer weiteren Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin im Gefahrstoffmanagement eines Naturkosmetik-Unternehmens. Pascal ist seit vielen Jahren bei der Bayerischen Landespolizei und arbeitet als Dienstgruppenleiter. Beide sind also nicht selbstständig und können ihre Arbeit nicht einfach ins Wohnmobil verlegen.
Für ihr Reisemodell waren deshalb zwei Instrumente entscheidend: Elternzeit schafft die freie Zeit, Elterngeld federt zumindest einen Teil der finanziellen Lücke ab.
Beim ersten Kind konnten sie ein gemeinsames Jahr nehmen. Später wurden die Reiseblöcke kürzer. Das neue, größere Wohnmobil musste finanziert werden, das Elterngeld lief nicht unbegrenzt weiter und irgendwann wurde der Kontostand zum klaren Limit. Ihre letzte große Tour dauerte fünf Monate. Danach ging Pascal wieder arbeiten, während die Familie das finanzielle Polster für die nächste Reise aufbaute.
Das klingt weniger romantisch als „Wir leben einfach unseren Traum“. Aber genau darin liegt die Stärke ihres Modells: Es basiert nicht darauf, dass Geld keine Rolle spielt. Anja und Pascal rechnen aus, was möglich ist, setzen einen zeitlichen Rahmen und kommen zurück, bevor die Reisekasse leer ist.
Irgendwann ist der limitierende Faktor der Kontostand, der dann mit reinspielt – wie bei jedem von uns, denke ich.
Im Sommer Wohnmobil, im Winter Ferienwohnung
Bei ihrer ersten langen Reise behielten Anja und Pascal ihre kleine Mietwohnung als Rückfallebene. Falls das Unterwegssein mit Baby gar nicht funktionieren würde, könnten sie jederzeit zurück.
Mit dem finanzierten Wohnmobil änderte sich die Rechnung. Eine Wohnung das ganze Jahr zu bezahlen, obwohl sie monatelang leer steht, wäre zusammen mit der Fahrzeugrate zu teuer geworden. Die Lösung fanden sie direkt in ihrer Heimatregion.
Das Fränkische Seenland ist im Sommer eine gefragte Ferienregion. Im Winter stehen laut Pascal viele Ferienwohnungen leer. Genau dann braucht die Familie ein Zuhause. Sie vereinbarten deshalb mit Vermietern einen saisonalen Mietvertrag: Im Herbst ziehen sie in eine möblierte Ferienwohnung, im Frühjahr endet der Vertrag und die Wohnung steht wieder Feriengästen zur Verfügung.
Ein Lagerraum gehört ebenfalls zur Lösung. Dort bewahren sie den Großteil ihres Hausstands auf. Was sie auf Reisen benötigen, bleibt im Camper. Nach der Rückkehr wird das Wohnmobil ausgeräumt, ein Teil der Sachen wandert in die Ferienwohnung – und für einige Monate lebt die Familie wieder in einem ganz normalen Zuhause.
So müssen sie weder dauerhaft Miete für eine ungenutzte Wohnung zahlen noch vollständig auf eine Homebase verzichten. Das Modell funktioniert natürlich nicht überall gleich gut. In einer stark saisonalen Urlaubsregion passen die Bedürfnisse der Vermieter und der Familie aber erstaunlich gut zusammen.
Kann ein saisonales Wohnmodell zu euch passen?
Schaut nicht nur nach klassischen Mietwohnungen. In Ferienregionen können möblierte Unterkünfte außerhalb der Hauptsaison eine Alternative sein. Klärt Vertragszeitraum, Lagerfläche, Nebenkosten und den festen Auszugstermin frühzeitig – und rechnet die Gesamtkosten immer zusammen mit Fahrzeugrate, Stellplätzen und laufenden Reisekosten.
Fünf Monate Atlantikküste, Irland und Schottland
Nach der ersten Balkantour folgte zunächst eine knapp zweimonatige Reise, für die Urlaub und Überstunden zusammengelegt wurden. Die nächste große Tour plante die Familie wieder mit Elternzeit und dem zweiten Kind – erneut mit einem Start, als das Baby ungefähr sechs Monate alt war.
Die Route begann dort, wo eine vorherige Mittelmeertour geendet hatte. Über Zentralfrankreich und die Pyrenäen ging es durch Nordspanien an die Atlantikküste und anschließend wieder Richtung Norden. Die Familie bereiste Frankreich, setzte nach Südengland über, fuhr durch Wales und nahm die Fähre nach Irland.
Irland begrüßte sie mit sehr viel Wasser von oben: An 17 von 19 Tagen regnete es. Anja hatte irgendwann genug vom Regen, Pascal blieb trotzdem Irland-Fan. Danach folgten noch vier Wochen Schottland. Insgesamt waren die fünf Monate schneller vorbei, als es sich vor der Abreise vermutlich angefühlt hatte.
Zu ihren europäischen Favoriten zählen Anja und Pascal Griechenland, Schottland und Norwegen. Besonders begeistert sprechen sie außerdem vom Balkan und von Albanien: von der Offenheit der Menschen, den Stränden im Süden und der Kombination aus Meer und Bergen.
Frei stehen, wenn die Familie Ruhe braucht
Vom VW-Bus wechselte die Familie zu einem größeren, autarkeren Wohnmobil. Nicht, weil Campingplätze grundsätzlich tabu wären. Anja und Pascal treffen dort durchaus gern andere Reisende. Meistens suchen sie aber lieber ruhige Plätze in der Natur.
Der wichtigste praktische Helfer bei der Stellplatzsuche ist für Pascal Park4Night. Über die App findet die Familie sowohl Ver- und Entsorgungsstationen als auch bewertete freie Stellplätze. Frankreich, Spanien und Portugal empfiehlt er besonders Familien, die Camping abseits klassischer Campingplätze ausprobieren möchten.
Dabei gilt natürlich: Frei stehen ist nicht überall erlaubt. Lokale Regeln, Beschilderungen und Schutzgebiete haben immer Vorrang. Ein Eintrag in einer App ersetzt nicht den Blick auf die Vorschriften vor Ort.
Familienreise ist ein anderer Takt
Wer ohne Kinder reist, kann spontan bis zum Sonnenuntergang weiterfahren. Mit kleinen Kindern schaut die Familie am späten Nachmittag auf die Uhr, sucht rechtzeitig einen Stellplatz und beginnt mit der Abendroutine.
Auch im Camper selbst musste sich jeder Ablauf erst finden. Wer bereitet das Frühstück vor? Wer beschäftigt in dieser Zeit die Kinder? Wo steht welches Teil? Und wie verhindert man, dass vier Menschen gleichzeitig in einem sehr kleinen Raum dasselbe tun wollen?
Beim ersten Mal mit zwei Kindern dauerte es laut Anja ungefähr einen Monat, bis die Routinen wirklich saßen. Diese Chaosphase gehört für beide dazu. Sie raten nicht dazu, einfach stoisch weiterzumachen, sondern verschiedene Abläufe auszuprobieren, sich im engen Fahrzeug Raum zu geben und Aufgaben nacheinander statt gleichzeitig zu erledigen.
Es gibt eine Chaosphase, wenn ihr das zum ersten Mal macht. Unvermeidbar. Aber eigentlich ist das, was ihr vorhabt, richtig cool.
Irgendwann wissen die Kinder, wie der Morgen abläuft. Jeder Handgriff sitzt, jedes Ding hat seinen Platz und das Camperleben wird vom Ausnahmezustand zum Alltag. Nicht sofort. Aber ziemlich zuverlässig, wenn man sich die nötige Zeit gibt.
Warum ein Babyalter von sechs Monaten für sie gut funktionierte
Beide großen Reisen starteten, als das jeweilige Baby ungefähr sechs Monate alt war. Für Anja und Pascal war das ein gutes Zeitfenster: Die Kinder waren nicht mehr ganz neugeboren, ließen sich noch viel tragen und waren noch nicht so mobil, dass sie beim kurzen Umdrehen bereits vom Platz verschwunden waren.
Das ist ihre persönliche Erfahrung, keine allgemeingültige Regel. Jedes Kind, jede Geburt und jede Familie sind anders. Trotzdem nimmt ihr Beispiel ein wenig Druck aus der Suche nach dem „perfekten“ Alter. Entscheidend war bei ihnen weniger eine magische Monatszahl als die Bereitschaft, langsam zu starten und im Zweifel wieder umzudrehen.
Nicht jede Skepsis muss zur eigenen Angst werden
Vor der ersten Balkantour reagierte das Umfeld teilweise deutlich. Mit einem kleinen Kind nach Albanien? Jeden Tag eine neue Umgebung? Das könne doch nicht gut sein.
Heute können Anja und Pascal auf eigene Erfahrungen verweisen. Damals hatten sie diese Sicherheit noch nicht. Sie fuhren trotzdem los – und hätten es im Nachhinein bereut, all die Begegnungen, Landschaften und die erlebte Gastfreundschaft verpasst zu haben.
Gerade Orte, an die sie ohne große Erwartungen kamen, überraschten sie positiv. In Belgrad etwa war die Orientierung nicht immer einfach. Also mussten sie Menschen ansprechen und um Hilfe bitten. Statt ein Problem zu bleiben, wurde genau das Teil des Erlebnisses.
In größeren Städten schlossen sie sich außerdem Free Walking Tours an. Lokale Guides führen dabei meist gegen Trinkgeld durch ihre Stadt und vermitteln weit mehr als die bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Für Anja und Pascal war das eine gute Möglichkeit, auch unbekanntere Orte mit mehr Kontext kennenzulernen.
Europa reicht für den Anfang vollkommen
Eine Panamericana-Reise reizt die beiden. Der Plan existiert gedanklich bereits, doch dafür müssten die Kinder älter und die finanziellen Möglichkeiten größer sein. Im Moment bietet Europa für ihre Familie genau den passenden Rahmen.
Und dafür braucht es nach ihrer Erfahrung kein besonders teures Fahrzeug. Ein VW-Bus oder Selbstausbau kann ausreichen, solange die Familie darin schlafen, essen und bei schlechtem Wetter notfalls kochen kann. Wer mehr Komfort möchte, fährt regelmäßiger auf Campingplätze. Wer noch unsicher ist, beginnt nicht mit sechs Monaten, sondern mit einer kürzeren Tour.
Die wichtigste Botschaft der beiden ist angenehm unspektakulär: ausprobieren. Nicht alles im Voraus buchen. Schauen, was unterwegs funktioniert. Und zurückfahren, wenn es nicht passt.
Ein Stück Reisealltag für zu Hause
Aus fast jedem Land nimmt die Familie etwas Kleines mit – oft kein Souvenir, sondern einen Geschmack. Griechischer Salat oder Tomate-Mozzarella holen Erinnerungen an frühere Stellplätze zurück an den heimischen Tisch.
Unterwegs bestellen sie deshalb gern landestypische Gerichte und lassen sich vom Service im Restaurant etwas empfehlen, statt automatisch das Vertraute zu wählen. Auch das gehört zu ihrem Reisestil: nicht nur Landschaften sammeln, sondern sich auf das einlassen, was Menschen vor Ort selbst essen und empfehlen.
Teilzeitreisen bedeutet für Anja und Pascal also nicht, sich zwischen Freiheit und Zuhause entscheiden zu müssen. Sie wechseln bewusst zwischen beidem. Einige Monate dichtes Familienleben im Wohnmobil, danach Winteralltag in einer Wohnung, Arbeit und Sparen für den nächsten Aufbruch.
Vielleicht ist genau das der interessanteste Gedanke aus dieser Folge: Ein reisendes Familienleben muss nicht dauerhaft sein, um sich frei anzufühlen.
Anja und Pascal findet ihr auf Instagram unter @wir.vier.und.das.meer.