Podcast-Interview ·

Mama und Sohn auf Weltreise – ein Jahr mit nur einem Rucksack

Ein Jahr, ein Kind, ein Rucksack. So hatte Clara ihre Weltreise überschrieben, als sie im November 2021 mit ihrem damals noch im Kindergartenalter befindlichen Sohn aufbrach. Eine feste Route gab es nicht. Dafür eine Wohnung zur Zwischenmiete, eine Auslandskrankenversicherung, wichtige Dokumente in mehrfacher Ausführung – und die klare Vereinbarung: Wenn ihr Sohn nicht mehr reisen möchte, fahren sie nach Hause.

Aus dem ersten Flug nach Sansibar wurde eine Reise über mehrere Kontinente. Die beiden waren unter anderem in Tansania, Südafrika, Mexiko, Kolumbien, Portugal, Singapur, Malaysia, Thailand, Neuseeland und Australien unterwegs. Sie begegneten offenen Menschen, lernten mit wenig Besitz auszukommen und fanden immer wieder neue Lösungen, wenn Grenzen geschlossen waren oder ein Plan plötzlich nicht mehr funktionierte.

In Folge 12 des NomadKids Podcasts sprechen wir mit Clara darüber, wie sie die Reise als alleinerziehende Mama vorbereitet hat, warum der Vater ihres Sohnes eine wichtige Rolle spielte, welche Situationen sie unterwegs wirklich forderten – und weshalb die Rückkehr nach Deutschland auf eine ganz andere Art schwierig war.

NomadKids direkt auf Spotify anhörenDer Player wird erst nach Zustimmung zu externen Medien geladen.

Der letzte Schubs kam im Lockdown

Clara war schon vor der Weltreise viel unterwegs. Ein klassischer Urlaub war nie so richtig ihr Ding. Als das Leben im Lockdown plötzlich auf wenige Quadratmeter zusammenschrumpfte, wurde aus dem lange vorhandenen Kribbeln ein konkreter Entschluss.

Statt zu Hause darauf zu warten, dass die Welt wieder normal wird, wollte sie mit ihrem Sohn los. Für ein Jahr, wenn es beiden damit gut geht. Ihr Sohn konnte die Länge dieser Zeit damals natürlich noch nicht wirklich einschätzen. Deshalb bezog Clara ihn Schritt für Schritt ein, sprach offen mit ihm und bastelte einen Countdown, an dem er jeden Tag einen Abschnitt bis zum Abflug abschneiden konnte.

Mit jeder eingelagerten Kiste wurde die Wohnung leerer. Spielsachen verschwanden, die Abschiede in der Kita rückten näher. Trotzdem blieb die Aufregung positiv. Erst als beide nachts zum Flughafen aufbrachen, wurde aus der Idee endgültig Wirklichkeit.

„Ich hatte mir vorgenommen, für ein Jahr unterwegs zu sein. Natürlich auch immer mit der Option: Wenn er das nicht möchte, dann kommen wir zurück.“

Alleinerziehend reisen heißt nicht, alles allein zu tragen

Clara und der Vater ihres Sohnes waren zu diesem Zeitpunkt kein Paar mehr. Seine Reaktion war deshalb eine ihrer größten Sorgen – und wurde zu einer der wichtigsten Voraussetzungen für die Reise. Er unterstützte die Idee, sah die Erfahrungen, die sein Sohn gewinnen würde, und besuchte die beiden während des Jahres insgesamt viermal. Zu Beginn reisten sie sogar mehr als zwei Monate gemeinsam.

Clara spricht sehr bewusst davon, dass diese Konstellation nicht selbstverständlich ist. Getrennte Eltern müssen als Team funktionieren, Entscheidungen gemeinsam tragen und den Kontakt zum Kind auch über große Entfernungen gestalten. In ihrem Fall waren die Bedingungen gut: Der Vater konnte zeitweise remote arbeiten, digitale Gespräche hielten die Verbindung und die Treffen unterwegs gaben allen gemeinsame Zeit.

Auch im Beruf blieb eine Tür offen. Claras Agentur unterstützte ihre Pläne und ermöglichte ihr nach der Rückkehr den Wiedereinstieg. Die Berliner Wohnung durfte sie mit Zustimmung des Vermieters zwischenvermieten. So musste sie ihr bisheriges Leben nicht vollständig auflösen, bevor sie herausfinden konnte, wohin die Reise sie führen würde.

Einverständniserklärung, Geburtsurkunde und Zugriff ohne Internet

Wer allein mit einem Kind Grenzen überquert, sollte die Unterlagen nicht erst am Flughafen zusammensuchen. Clara hatte eine Einverständniserklärung des Vaters dabei und ließ die Geburtsurkunde ins Englische übersetzen. Ausweise und wichtige Dokumente kopierte und scannte sie.

Entscheidend war nicht nur, was sie mitnahm, sondern auch wie sie es aufbewahrte: online, in einer App und zusätzlich lokal auf dem Handy. So konnte sie selbst ohne Internet darauf zugreifen. Dass Mutter und Sohn denselben Nachnamen tragen, machte Grenzkontrollen in ihrem Fall einfacher. Schwierigkeiten mit der Einverständniserklärung hatte sie unterwegs nicht.

Komplizierter war die Zeit vor der Abreise bei deutschen Behörden. Ihr Sohn war noch im Kindergarten, sollte aber während des geplanten Reisejahres schulpflichtig werden. Die Kommunikation zwischen Kita-, Jugend- und Schulamt verlief laut Clara holprig. Schließlich wurde vermerkt, dass die Familie nicht mehr in Berlin wohnen würde; eingeschult wurde ihr Sohn erst nach der Rückkehr.

Wichtige Unterlagen für Alleinreisende mit Kind

Clara hatte eine Einverständniserklärung des anderen Elternteils, eine ins Englische übersetzte Geburtsurkunde sowie Kopien und Scans der Ausweise dabei. Speichert wichtige Dokumente zusätzlich lokal auf dem Handy, damit ihr auch ohne Internet darauf zugreifen könnt. Welche Form und Beglaubigung nötig ist, hängt vom Reiseland und eurer familiären Situation ab – prüft deshalb vor jeder Reise die aktuellen offiziellen Vorgaben.

Die Route entstand unterwegs

Anfang November wollten Clara und ihr Sohn zunächst ins Warme, ohne für den ersten Flug ein Vermögen auszugeben. So fiel die Wahl auf Sansibar. Der Vater begleitete sie durch Tansania bis nach Südafrika. Dann breitete sich die Omikron-Variante aus, Grenzen schlossen und bisher denkbare Wege fielen weg.

Mexiko wurde zur nächsten großen Station. Bei der Einreise erhielten Mutter und Sohn 180 Tage Aufenthalt, blieben letztlich aber ungefähr drei Monate. Dort konnten sie langsamer werden, zeitweise Alltag entwickeln und andere Reisende treffen. Genau diese Begegnungen bestimmten oft, wie lange sie an einem Ort blieben oder mit wem sie ein Stück weiterzogen.

Nach Monaten eigener Entscheidungen ließ Clara die vier Wochen in Kolumbien von einer Reisegesellschaft organisieren. Fahrer, Transfers und Unterkünfte standen fest. Für sie war das kein Verlust an Freiheit, sondern eine dringend nötige Pause vom permanenten Planen für zwei Menschen.

In Portugal trafen sie erneut den Vater und luden ihre Akkus auf. Danach ging es weiter nach Südostasien. Thailand öffnete sich gerade wieder, die Reise führte über Singapur und Malaysia dorthin. Indonesien war geplant, scheiterte für den mitreisenden Vater aber an dessen vorläufigem Reisepass. Also wurde aus Plan A kurzerhand Neuseeland.

Dort mieteten sie einen Wohnwagen und bereisten vier Wochen lang beide Inseln. Zum Abschluss reisten Clara und ihr Sohn noch einen Monat durch Australien, bevor sie – wie versprochen – vor Weihnachten nach Deutschland zurückkehrten.

Ein Rucksack verändert den Blick auf Besitz

Ein großer Rucksack für Clara, ein kleiner Rucksack mit Spielsachen für ihren Sohn und ein Daypack: Mehr Gepäck sollte es nicht sein. Das funktionierte auch deshalb, weil die Route überwiegend durch warme Regionen führte. Einen spontanen Abstecher nach Island hätte die Garderobe nicht hergegeben.

Für ihren Sohn wurde das begrenzte Gepäck zu einer sehr greifbaren Lektion. Ein Fußball konnte eine Zeit lang mitreisen. Vor dem nächsten Flug musste er aber wieder gehen. Statt Dinge einfach zurückzulassen, verschenkte er sie an andere Kinder auf Spielplätzen. Auch beim nächsten Matchbox-Auto war die Frage schnell klar: Möchte ich es wirklich so sehr, dass ich es selbst weitertragen will?

Materiell fehlte den beiden wenig. Clara hätte sich höchstens manchmal Platz für all die Muscheln, Steine und Stöcke gewünscht, die Kinder unterwegs zuverlässig sammeln. Vermisst wurden eher vertraute Kleinigkeiten wie Käse oder deutsche Brötchen.

„Er hat relativ schnell gelernt, dass man auch auf Dinge verzichten kann, und er ist auch sehr schnell ins Teilen gekommen.“

Die unsichtbare Arbeit reist mit

Eine Weltreise klingt nach endloser Freizeit. Claras Abende sahen anders aus. Wenn ihr Sohn schlief, dokumentierte sie den Tag, teilte Bilder mit der Familie und plante den nächsten Morgen, den nächsten Ausflug oder den nächsten Schlafplatz. Für Netflix oder Bücher blieb kaum Zeit.

Das Alleinreisen war anstrengend, weil sie dauerhaft ansprechbar und für jede Entscheidung verantwortlich war. Gleichzeitig empfand sie den Reisealltag oft als entspannter als das Leben in Deutschland. Termine, Job, Einkauf und die vielen Erwartungen des gewohnten Alltags fielen weg. Die Konflikte zwischen Mutter und Sohn verschwanden nicht – aber es gab weniger äußeren Druck.

Clara erlebte, wie flexibel ihr Sohn wurde. Neue Unterkünfte, andere Kulturen oder unerwartete Planänderungen warfen ihn nicht sofort aus der Bahn. Für sie entstand daraus keine romantische Geschichte, in der immer alles leicht war. Eher das Vertrauen, dass beide gemeinsam Lösungen finden können.

Sicherheit: aufmerksam sein, ohne von Angst gesteuert zu werden

In Kolumbien und Mexiko gab es Gegenden, in denen Clara besonders aufmerksam war. Wenn ein Taxifahrer empfahl, direkt ins Museum zu gehen und anschließend wieder ein Taxi zu nehmen, hörte sie darauf. Wertvollen Schmuck oder eine Uhr trug sie unterwegs nicht.

In Südafrika gerieten Clara, ihr Sohn und dessen Vater in eine unangenehme Situation: Männer wollten ihnen einen angeblich notwendigen „Walking Pass“ verkaufen. Beraubt oder mit einer Waffe bedroht wurden sie nicht, doch der Moment zeigte, wie schnell Armut, Unsicherheit und das eigene Auftreten als vergleichsweise wohlhabende Reisende aufeinandertreffen können.

Clara erzählt auch von kulturellen Grenzüberschreitungen, die für ihren Sohn unangenehm waren. Menschen fassten seine blonden Haare an oder wollten Fotos machen. Als er älter war, bestärkte sie ihn darin, klar Nein zu sagen, wenn er nicht berührt oder fotografiert werden wollte.

Die Situation, in der Clara tatsächlich Angst hatte, kam jedoch nicht durch einen Menschen. In einem thailändischen Süßwasserfluss wurde sie dreimal von einem Kugelfisch gebissen. Die Wunden bluteten stark und mussten medizinisch versorgt werden. Weil der Guide kaum Englisch sprach und nur von einem „Blowfish“ sprach, blieb zunächst die Sorge, ob von dem Biss eine Vergiftungsgefahr ausging. Später konnte sie Entwarnung geben, die Wundversorgung beschäftigte sie aber noch länger.

„Man muss mutig sein, man muss mit Bedacht durch die Straßen laufen, aber in gefährlichen Situationen waren wir glücklicherweise nicht.“

Mutter und Sohn wurden ein noch engeres Team

Clara und ihr Sohn hatten schon vor der Abreise eine enge Bindung. Während der Reise waren sie jedoch oft 24 Stunden am Tag zusammen. Ihr Sohn erlebte, dass er sich auf sie verlassen konnte. Gleichzeitig wurde er mangels anderer Gesprächspartner manchmal zu dem Menschen, mit dem Clara beim Abendessen über die Erlebnisse des Tages und „Gott und die Welt“ sprach.

Unterwegs sah er, dass ein eigenes Kinderzimmer und viele Spielsachen nicht überall selbstverständlich sind. Clara wollte daraus keine belehrenden Vergleiche machen. Stattdessen schauen beide bis heute Bilder an und sprechen über das Erlebte. Wenn ein Wunschzettel sehr lang wird, können sie an die Zeit anknüpfen, in der wenig Besitz vollkommen ausgereicht hat.

Nicht jede einzelne Erinnerung muss dabei dauerhaft abrufbar sein. Für Clara liegt der Wert auch darin, welche Haltung und Anpassungsfähigkeit in dieser prägenden Zeit entstanden sind.

Heimkommen zwischen Überraschung und Ernüchterung

Die Rückkehr verbanden die beiden mit einer Überraschung: Claras Mutter hatte Geburtstag und wusste nicht, dass Tochter und Enkel bereits wieder in Berlin waren. Zwei Tage lang räumten sie heimlich die Wohnung ein, dann standen sie vor ihrer Tür.

Nach Monaten in warmen Ländern war das graue, kalte Berlin im November trotzdem ein harter Kontrast. Bald freuten sich beide wieder über eine eigene Küche und feste Routinen. Gleichzeitig waren Haushalt, Bettenmachen und Verpflichtungen plötzlich zurück. Das Hamsterrad wartete schon.

Noch schwieriger war eine andere Erfahrung. Clara hatte erwartet, dass Freunde viele Fragen stellen, Fotos sehen und lange Abende mit ihren Geschichten verbringen wollten. Diese Gespräche blieben weitgehend aus. Während sie selbst mit einem Jahr voller Erlebnisse zurückkam, war der Alltag der anderen einfach weitergelaufen.

Diese Ernüchterung brauchte Zeit. Sie änderte aber nichts an ihrem Blick auf die Reise: Geld kann in ein Haus, ein Auto oder eben in Erlebnisse fließen. Für Clara war die Weltreise eine Investition fürs Leben.

Weniger im Gepäck, weniger im Kopf

Heute lebt Clara mit ihrem Sohn in Münster. Mit der Schule sind größere Reisen schwieriger geworden, deshalb stehen eher Wochenenden, Ferien und Ziele in Europa im Mittelpunkt. Ob beide noch einmal für ein halbes Jahr oder länger aufbrechen, ist offen. Ihr Sohn fragt jedenfalls regelmäßig danach.

Anderen Alleinreisenden rät Clara nicht, sofort ein Jahr um die Welt zu fliegen. Zwei Wochen auf Teneriffa, nur die ersten Nächte buchen und danach weitersehen, können ein guter Anfang sein. Wichtig ist ihr, nicht jeden möglichen Zwischenfall vorab im Kopf durchzuspielen.

Ihr eigentliches Mitbringsel von der Reise passt in einen einzigen Satz:

„Weniger ist mehr – weniger im Gepäck und weniger im Kopf.“

Der Rucksack füllt sich unterwegs ohnehin. Vielleicht nicht mit Dingen, aber ganz sicher mit Momenten, Begegnungen und dem Wissen, gemeinsam mehr zu schaffen, als man sich vor dem Abflug zugetraut hätte.

Ihr könnt optionale Dienste einzeln erlauben. Die Auswahl lässt sich jederzeit über „Cookie-Einstellungen“ im Footer ändern.