Podcast-Interview ·

Open-End-Weltreise mit Kindern: Wie Housesitting das Reisen bezahlbar macht

Ein fremdes Haus, ein paar Tiere und Menschen, die euch nach einem kurzen Kennenlernen ihren Schlüssel überlassen: Housesitting klingt beim ersten Mal vielleicht ein bisschen ungewöhnlich. Für Kathi und Mahran ist es längst ein wichtiger Teil ihres Reiselebens.

Seit August 2023 sind die beiden mit ihren zwei Töchtern auf Open-End-Weltreise. Mehr als ein halbes Jahr verbrachten sie in Australien, außerdem waren sie unter anderem auf Hawaii, in Mexiko, Chile, Peru und Asien unterwegs. Statt jede Nacht im Hotel zu bezahlen, wohnen sie immer wieder als Housesitter in echten Zuhause – vom großen Haus in Portugal bis zum mehrstöckigen Anwesen in England.

In Folge 25 des NomadKids Podcasts sprechen wir darüber, wie aus einer dreimonatigen Reise ein Leben ohne festen Rückkehrtermin wurde, wie Housesitting mit Kindern wirklich funktioniert und warum Lernen unterwegs nicht nur am Schreibtisch stattfindet.

NomadKids direkt auf Spotify anhörenDer Player wird erst nach Zustimmung zu externen Medien geladen.

Von drei Monaten Mittelamerika zur Open-End-Weltreise

Vor dem dauerhaften Reisen lebte die Familie in einer Kleinstadt in Unterfranken. Mahran war angestellt, Kathi kümmerte sich überwiegend um die damals anderthalb und dreieinhalb Jahre alten Töchter und arbeitete zeitweise als Krankenschwester.

Der entscheidende Impuls kam während einer ursprünglich auf drei Monate begrenzten Reise durch Mittelamerika im Jahr 2021. Je näher die Rückkehr rückte, desto weniger wollten sie wieder in ihren alten Alltag. Gleichzeitig begegneten ihnen Menschen, die länger unterwegs waren. Plötzlich wirkte ein anderes Lebensmodell nicht mehr wie eine theoretische Idee, sondern wie eine echte Möglichkeit.

Mahran suchte sich eine vollständig remote machbare Stelle. In den folgenden anderthalb bis zwei Jahren pendelte die Familie zwischen längeren Reisen in Europa und ihrem Zuhause in Deutschland. Doch das Zurückkommen fühlte sich zunehmend wie eine Pflicht an: Während sie unterwegs gern geblieben wären, warteten daheim Rasen, Behördengänge und all die kleinen Aufgaben eines festen Wohnsitzes.

In Spanien lernten sie schließlich andere Reisefamilien kennen – auch Familien mit älteren Kindern. Dort konnten sie sehen, dass dauerhaftes Reisen mit Kindern tatsächlich funktionieren kann. Innerhalb von vier Monaten organisierten sie ihren Aufbruch. Am 1. August 2023 ging es los.

„Wir wollen jetzt nicht nur Teilzeit reisen, sondern wir wollen komplett die Bande nach Deutschland lösen.“

Ganz ohne Basis sind sie trotzdem nicht: Das geerbte Zweifamilienhaus gehört ihnen zur Hälfte, ihre Wohnung ist untervermietet. Auf dem Dachboden lagern Erinnerungsstücke. Ein Luxus, wie sie selbst sagen – wobei sie die meisten Dinge unterwegs kaum vermissen.

Wie ortsunabhängiges Arbeiten für die Familie funktioniert

Eine Open-End-Reise braucht nicht nur Mut, sondern auch ein Einkommen. Für Mahran war Remote-Arbeit grundsätzlich nicht neu: Schon im Vertrieb hatte er viel aus dem Homeoffice gearbeitet. Für das dauerhafte Reisen gründeten Kathi und Mahran gemeinsam eine Firma.

Zunächst arbeitete er als Freelancer für seinen früheren Arbeitgeber weiter. Nach und nach kamen weitere Kunden hinzu. Heute unterstützt er Unternehmen dabei, Vertriebsprozesse zu optimieren und übernimmt je nach Auftrag auch Teile des Vertriebs. Kathi hilft im Backoffice sowie bei Grafiken und Layouts.

Das Einkommen macht die Reise möglich, ohne dass die Familie sich als besonders wohlhabend beschreibt. Entscheidend ist vielmehr, dass Lebensstil und Ausgaben zusammenpassen. Gerade Unterkünfte sind auf einer Langzeitreise ein großer Kostenblock – und genau dort verändert Housesitting die Rechnung.

Housesitting mit Kindern: Zuhause auf Zeit statt Hotel

Kathi stieß in einem Familienreiseblog auf Housesitting. Die Familie war nicht mit einem riesigen Reisepolster gestartet und suchte nach einer Möglichkeit, Unterkunftskosten zu reduzieren. Sie verglichen mehrere Plattformen, erstellten ein Profil und schrieben erste Gastgeber an. Die ersten Zusagen kamen schnell.

Zum Zeitpunkt des Interviews hatten sie bereits etwa 27 oder 28 Housesits absolviert. Dabei wohnen sie kostenlos im Zuhause der Gastgeber und kümmern sich im Gegenzug um Haus und Tiere.

Der größte Vorteil ist nicht nur das gesparte Geld. Gerade als Familie entsteht für einige Wochen ein Alltag mit Küche, Kinderzimmern, Nachbarschaft und manchmal Garten. Statt jeden Tag touristisches Programm zu machen, kann man einkaufen, arbeiten, lernen und ankommen.

Was Kathi und Mahran besonders beeindruckt, ist das Vertrauen. Häufig lernen sie die Eigentümer vorher nur in einem kurzen Videogespräch kennen. Vor Ort folgt eine Einführung, wenig später fährt die Familie los und überlässt ihnen das gesamte Zuhause.

„Wir kommen als Fremde hier rein, werden rumgeführt und meistens fahren die Leute dann nach einer halben Stunde, Stunde.“

Die Erfahrungen sind überwiegend sehr positiv. Sie treffen interessante Menschen und wohnen oft an besonderen Orten. In Portugal saßen sie in einem Haus mit sieben Schlafzimmern und sieben Badezimmern, in England in einem Haus mit geschätzt zehn bis fünfzehn Zimmern auf drei Etagen.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Vor allem Sauberkeit wird von Gastgebern und Housesittern manchmal unterschiedlich definiert. Und Tiere können eine Überraschung sein: Neben einer Eidechse in San Francisco gehörten zwei riesige irische Wolfshunde zu ihren ungewöhnlicheren Mitbewohnern. Die fast 70 Kilo schweren Hunde hielten sich selbst offenbar trotzdem für Schoßhündchen.

So bekommt ihr gute Housesits als Familie

Kathi und Mahran haben verschiedene Plattformen ausprobiert. Am besten funktioniert für sie TrustedHousesitters, weil die Profile viele Fotos und konkrete Informationen zu Tieren, Haus und Umgebung enthalten. So lässt sich vor einer Bewerbung besser einschätzen, ob ein Sit zur Familie passt. Auch Nomador und australische Plattformen haben sie getestet.

In ihrer Bewerbung stellen sie alle vier Familienmitglieder einzeln vor. Sie erklären offen, wer sie sind, welche Erfahrungen sie mit Tieren haben und wie ihr Alltag aussieht. Referenzen sind gerade am Anfang wichtig: Kathi und Mahran verlinkten deshalb auch ihren Instagram- und Airbnb-Account, um bereits vorhandene positive Bewertungen sichtbar zu machen.

Außerdem bieten sie direkt einen Videocall und den Austausch per WhatsApp an. Das schafft Nähe, bevor jemand den Schlüssel zum eigenen Zuhause übergibt.

Unser Tipp für den ersten Housesit

Bewerbt euch nicht mit einem allgemeinen Standardtext. Stellt jedes Familienmitglied kurz vor, nennt eure konkrete Tiererfahrung und erklärt, warum genau dieser Sit zu euch passt. Bietet früh ein Videogespräch an und nutzt vorhandene Bewertungen – zum Beispiel von Airbnb – als Vertrauenssignal. Klärt dabei auch Aufgaben, Arbeitszeiten, Sauberkeit und Übergabe so konkret wie möglich.

Für eine reisende Familie ist auch die Dauer wichtig. Ein Sit von drei oder vier Tagen klingt nett, bedeutet aber viel Organisation: ankommen, einweisen lassen, arbeiten, putzen, packen und schon wieder weiterfahren. Kathi und Mahran bevorzugen deshalb längere Aufenthalte. So bleibt unter der Woche genug Ruhe für Arbeit und Lernen.

Sechs Monate Australien – viele Housesits und eine „wilde Hilde“

Australien war ursprünglich gar nicht langfristig geplant. Die Familie saß in Malaysia, war reisemüde von Asien und wollte eigentlich zurück nach Europa. Dann hörten sie von guten Housesitting-Möglichkeiten in Australien, fanden einen passenden Sit und flogen nach Perth.

Im englischsprachigen Raum gibt es besonders viele Angebote. In Australien konnten sie mehrere Housesits für fast drei Monate im Voraus buchen. Das war attraktiv, weil Hotels und andere Unterkünfte dort teuer sind und längere Sits mehr Alltag ermöglichen.

Sie blieben schließlich mehr als ein halbes Jahr. Für ihre Roadtrips kauften sie einen Nissan Pathfinder und tauften ihn „wilde Hilde“. Damit fuhren sie unter anderem von Perth entlang der Südküste und später weiter Richtung Sydney. Zwischen den Housesits übernachteten sie auch in Hotels und Ferienwohnungen.

Das Visum wurde zwischendurch zur Zitterpartie. Ihr ursprüngliches Visum erforderte nach drei Monaten eine Ausreise. Deshalb beantragten sie aus Australien heraus ein anderes Visum, das teurer war als ein Antrag von außerhalb. Die Entscheidung kam erst ungefähr eine Woche vor dem Zeitpunkt, an dem sie hätten ausreisen müssen. Am Ende wurde das Visum erteilt.

Die Geschichte zeigt auch: Eine längere Reise entsteht nicht immer aus einer perfekten Route. Manchmal führt ein passender Housesit in ein Land, in dem man dann viel länger bleibt als gedacht.

Lernen unterwegs zwischen Online-Schule, Museen und Mythologie

Die ältere Tochter war bereits schulpflichtig, bevor die Familie Deutschland endgültig verließ. Für ein Reisejahr erhielten sie zunächst eine Befreiung von der Schule. Nach der späteren Abmeldung organisierten Kathi und Mahran das Lernen selbst.

Die Kinder nutzen eine Online-Schule, Lern-Apps und Unterrichtsmaterialien aus Deutschland. Zeitweise kamen Online-Privatlehrer für einzelne Fächer dazu. Besonders wichtig sind Kathi die Grundlagen: lesen, schreiben und rechnen.

Daneben wird der jeweilige Ort zum Lernraum. Die Familie besucht Museen, historische Stätten und kulturell bedeutende Orte. Als sich die ältere Tochter für griechische Geschichte und Mythologie interessierte, planten sie mehrere Monate in Griechenland ein. Geschichten über Herkules dort zu lesen, wo die Sagen verortet sind, ist eben etwas anderes als nur eine Seite im Schulbuch aufzuschlagen.

„Wir versuchen halt immer, mit ihnen thementechnisch Sachen durchzuarbeiten.“

Völlig strukturlos möchten die Kinder trotzdem nicht lernen. Beide wünschten sich feste Termine. Der Online-Unterricht an zwei beziehungsweise drei Tagen pro Woche gibt ihnen Orientierung, ohne den Reisealltag komplett durchzutakten.

Familienalltag ohne starren Rhythmus

Auch auf Weltreise gibt es Alltag. Frühstück, Arbeit und Lernzeiten gehören genauso dazu wie an einem festen Wohnort. Der Unterschied liegt für Kathi und Mahran vor allem in der Flexibilität – und in der gemeinsamen Zeit.

Früher arbeitete Mahran zeitweise eine Autostunde entfernt und hatte lange Dienste. An manchen Tagen fuhr er los, bevor die Kinder aufstanden, und kam zurück, nachdem sie im Bett waren. Unterwegs ist er trotz seiner Arbeit viel präsenter.

Feste Lernphasen nach dem Frühstück oder am Abend gibt es immer wieder, aber keinen über Monate unveränderten Stundenplan. Mal nimmt die Arbeit mehr Raum ein, mal weniger. Bei einem längeren Housesit entstehen leichter Routinen, während häufige Ortswechsel mehr Energie kosten.

Und auch die Bedürfnisse der Kinder verändern sich. Die jüngere Tochter kennt überwiegend das Reiseleben. Bei der älteren wurde mit neuneinhalb Jahren der Wunsch nach Freundschaften stärker, die nicht nach wenigen Tagen wieder enden. Deshalb plante die Familie mehrere Monate in La Herradura in Spanien – einem Ort, an dem viele Reisefamilien zusammenkommen und die Kinder ein Schulprojekt besuchen können.

Langsamer reisen, bevor die Reisemüdigkeit kommt

Spontanität klingt wunderbar, bis ständig die nächste Unterkunft, ein Flug, ein Mietwagen und der Transfer dazwischen organisiert werden müssen. Nach vielen Ortswechseln in Südamerika waren Kathi und Mahran planungsmüde. Erst nach 19 Monaten reisten sie erstmals wieder nach Deutschland.

Danach entstand durch mehrere Housesits ein grobes Gerüst für die kommenden Monate. Gleichzeitig wollten sie sich bewusst längere Lücken offenhalten. Denn dauerhaft schnell weiterzureisen, nur weil man es kann, macht aus Freiheit irgendwann eine neue To-do-Liste.

Längere Autofahrten teilen sie gern in kleine Etappen. Aus fünf Stunden Strecke werden zwei Zwischenstopps an einer Stadt, Burg oder einem anderen Ziel. So fühlt sich der Fahrtag eher wie ein Ausflug an und weniger wie verlorene Zeit.

Ihre Wahrnehmung von Entfernungen hat Australien trotzdem nachhaltig verändert:

„La Herradura, Nazaré, das sind ja nur sieben Stunden. Ach, das machen wir mal einfach als Wochenendausflug.“

Nicht alles bis zum letzten Schritt planen

Kathi und Mahran glauben nicht, dass sie für immer so weiterreisen werden. Einen Termin für das Ende oder den einen Ort zum Sesshaftwerden gibt es aber nicht. Vorstellbar wäre ein Modell mit einer Homebase für einen Teil des Jahres und mehreren Reisemonaten – in einem Land, in dem sich Lernen und Reisen flexibel verbinden lassen.

Die wichtigste Erkenntnis aus ihrer bisherigen Reise ist ohnehin keine konkrete Plattform, Route oder Packliste. Vor dem Aufbruch hatten sie viele Hürden im Kopf: Wie viel Rücklage braucht man? Was passiert bei einem Unfall? Ist die medizinische Versorgung unterwegs gut genug?

Sie haben Ärzte in mehreren Ländern besucht und erlebt, dass vieles auch außerhalb Deutschlands gut funktioniert – manches, etwa Terminvergaben oder mobiles Internet, sogar unkomplizierter. Ihre Erfahrung bedeutet nicht, dass Vorbereitung überflüssig ist. Auslandskrankenversicherung, Visa und ein tragfähiges Einkommen gehören weiterhin auf die Liste. Aber irgendwann kann noch ein weiterer Plan auch zur Ausrede werden.

„Wenn man Lust hat, an seinem Leben was zu ändern und vielleicht die weite Welt zu entdecken, dann einfach ab einem gewissen Punkt sagen: Es geht jetzt los.“

Vielleicht ist das die beste Zusammenfassung dieser Folge: Housesitting kann eine Weltreise deutlich bezahlbarer machen. Remote-Arbeit kann das Einkommen sichern. Eine Online-Schule kann Struktur geben. Aber kein Werkzeug nimmt einem den Moment ab, an dem man die Entscheidung tatsächlich treffen muss.

Kathi und Mahran findet ihr mit ihrer Familie auf Instagram unter @handinhandunterwegs.

Ihr könnt optionale Dienste einzeln erlauben. Die Auswahl lässt sich jederzeit über „Cookie-Einstellungen“ im Footer ändern.