Podcast-Interview ·

Selbstbestimmt leben, lernen und arbeiten als Reisefamilie

Seit 2019 ist das Wohnmobil für Hanna und ihre Familie nicht einfach ein Reisefahrzeug. Es ist ihr Zuhause. Ihre Kinder waren drei und sechs Jahre alt, als sie loszogen. Heute kennen sie das Leben unterwegs besser als ein klassisches Zuhause mit festen Zimmern, Terminen und immer demselben Ausblick vor der Tür.

Zwischendurch hat die Familie genau das ausprobiert: ein Reihenhaus in Dänemark, eigene Kinderzimmer, Vereine und einen Alltag an einem festen Ort. Nach zwei Wintern stand fest, dass sie wieder losziehen möchten – diesmal sogar mit zwei Wohnmobilen.

In Folge 24 des NomadKids Podcasts sprechen wir mit Hanna von Vagabundenliebe über Freilernen, Minimalismus, ortsunabhängiges Arbeiten und die Frage, warum ein Haus mit 90 Quadratmetern plötzlich enger wirken kann als ein Wohnmobil.

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Drei Monate Zeit – und plötzlich wurde aus dem Wunsch ein Plan

Der Wunsch zu reisen war schon lange da. Hanna und ihr Mann Marc hielten eine Weltreise aber zunächst für etwas, für das man sehr viel Geld braucht. Dabei gab es in ihrem Umfeld längst Berührungspunkte mit dem Leben im Wohnmobil. Nur der Gedanke, es selbst zu machen, war noch nicht wirklich greifbar.

Mit den Kindern änderte sich der Blick auf den eigenen Alltag. Die Familie lebte kindergartenfrei, beschäftigte sich mit Freilernen und zog ohnehin ungefähr jedes Jahr um. Als in Sachsen bereits ein Jahr vor der Einschulung der entsprechende Brief kam, blieben nur etwa drei Monate, um den geplanten Schritt umzusetzen.

„Und dann war der Punkt, wo wir gesagt haben: Okay, wenn nicht jetzt, wann dann.“

Sie lösten ihren Haushalt auf, meldeten sich in Deutschland ab und zogen ins Wohnmobil. Marc konnte seine damalige Anstellung zunächst aus dem Homeoffice weiterführen. So wurde aus einer großen Idee ein Übergang, der trotz aller Konsequenz praktisch machbar blieb.

Loslassen kann sich ziemlich befreiend anfühlen

Für Hanna war der Start keine Flucht vor der Schule. Reisen wollten sie ohnehin. Dass sich dieser Lebensstil mit dem Freilernen verbinden ließ, war für die Familie ein zusätzlicher Gewinn.

Mindestens genauso wichtig war das Loslassen. Besitz, Verträge, Versicherungen und all die Dinge, die in einem festen Zuhause selbstverständlich wirken, durften plötzlich hinterfragt werden.

„Das hat sich einfach sehr befreiend angefühlt.“

Natürlich muss nicht jede Familie alles auflösen, um länger zu reisen. Aber Hannas Erfahrung zeigt, wie hilfreich die Frage sein kann: Was brauchen wir wirklich – und was behalten wir nur, weil es eben schon immer da war?

Die Entscheidung fühlte sich auch deshalb weniger endgültig an, weil für sie von Anfang an klar war: Zurückgehen wäre möglich. Diese innere Erlaubnis nahm dem Aufbruch einen Teil seiner Schwere.

Familienalltag im Wohnmobil: 50 Prozent Struktur, 50 Prozent Freiheit

Hat eine reisende Familie überhaupt feste Abläufe? Hanna fragte dazu ihre fast zwölfjährige Tochter. Ihre Antwort: „50-50.“

Das trifft den Alltag der Familie ziemlich gut. Es gibt Orientierung und wiederkehrende Routinen, aber keinen eng getakteten Stundenplan. Feste Reisepläne haben sich eher als Stressfaktor erwiesen. Ohne morgendlichen Schul- oder Kindergartenbeginn muss niemand um sieben Uhr aus dem Bett, nur weil der Kalender es verlangt.

Ganz ohne Absprachen funktioniert es trotzdem nicht. Hanna und Marc arbeiten beide. Deshalb teilen sie ihre Arbeitszeiten so auf, dass nicht beide gleichzeitig beschäftigt sind und immer ein Elternteil für die Kinder ansprechbar bleibt.

Die Kinder entscheiden bei wichtigen Fragen mit. Für Hannas Sohn, der sich kaum an die Zeit vor dem Wohnmobil erinnert, ist das Fahrzeug schlicht sein Zuhause. Das Leben in Dänemark war für ihn deshalb eher die ungewohnte Variante: Plötzlich musste man Sachen packen, wenn man wegfahren wollte – statt sein Zuhause einfach dabeizuhaben.

Warum die Familie künftig mit zwei Wohnmobilen reist

Ein 7,5-Tonnen-Wohnmobil klingt erst einmal nicht nach Platzmangel. Doch Kinder werden größer, Bedürfnisse verändern sich und nach der Zeit mit eigenen Zimmern in Dänemark war klar: Alle wünschen sich mehr Rückzug.

Das bisherige Wohnmobil zu verkaufen, kam nicht infrage. Die Familie kennt es gut, es funktioniert zuverlässig und ist emotional längst mehr als ein Fahrzeug. Statt auf ein noch größeres Modell umzusteigen, renovierten sie ein zweites, kleineres Wohnmobil.

Die Aufteilung soll mehrere Probleme gleichzeitig lösen:

  • Die Kinder bekommen eigene Rückzugsbereiche.
  • Hanna und Marc haben jeweils einen eigenen Haushalt und persönlichen Raum.
  • Eines der Fahrzeuge kann als ruhiger Arbeitsplatz dienen.
  • Das kleinere Wohnmobil eignet sich für Einkäufe und Städte, während das große stehen bleiben kann.

Hanna fährt mit ihrer Tochter im neuen Fahrzeug, Marc mit dem Sohn im bisherigen Wohnmobil. Die Kinder können wechseln, Schlafplätze sind ausreichend vorhanden. Das Modell ist ungewöhnlich – für diese Familie aber eine sehr konkrete Antwort auf gewachsene Bedürfnisse.

Freilernen heißt nicht: Eltern wissen immer alles

Freilernen folgt bei Hanna keinem Stundenplan mit Deutsch, Mathematik und Sachkunde in festen Blöcken. Stattdessen beobachten die Eltern, was die Kinder gerade beschäftigt, machen passende Angebote und greifen Fragen aus dem Alltag auf.

Mit ihrer Tochter liest Hanna beispielsweise das Kinderbuch „Regiert Geld die Welt?“. Daraus entstehen Gespräche über Wirtschaftsmodelle, Geld, die industrielle Revolution und gesellschaftliche Zusammenhänge. Andere Lernmomente beginnen beim kochenden Nudelwasser, bei Natron oder bei einer Frage kurz vor dem Einschlafen.

Lesen, Schreiben und Rechnen entwickeln sich nach Hannas Erfahrung im Alltag. Manchmal fragen die Kinder gezielt nach einer Erklärung, dann vergeht wieder längere Zeit ohne sichtbares Üben – und plötzlich ist ein neuer Schritt da.

„Irgendwie lebt das Leben so vor sich hin, und da passieren diese Dinge.“

Das bedeutet nicht, dass Eltern nur zuschauen. Sie müssen aufmerksam sein, Interessen erkennen, passende Materialien finden und auch selbst lernen. Wenn niemand sofort erklären kann, warum der Himmel blau ist, wird gemeinsam nach einer guten Antwort gesucht. Entscheidend ist nicht, alles zu wissen, sondern zu zeigen, wie man Wissen findet und ein schwieriges Thema altersgerecht bespricht.

Freundschaften unterwegs und die Frage nach Sozialisation

Eine der häufigsten Fragen an Freilerner-Familien lautet: Was ist mit der Sozialisation?

Hannas Kinder sitzen nicht jeden Tag mit derselben Gruppe Gleichaltriger in einem Klassenraum. Dafür sind sie geübt darin, offen auf neue Menschen zuzugehen und schnell Kontakte zu knüpfen. Manche Begegnungen bleiben kurz, andere entwickeln sich zu Freundschaften, die über Distanz weitergehen. Wenn es besonders gut passt, organisiert die Familie Wiedersehen oder reist eine Zeit lang gemeinsam weiter.

Hanna beobachtet zugleich, dass ihre Kinder Bindungen teilweise weniger schnell vertiefen. Vielleicht ist das ein Schutz vor dem nächsten Abschied. Sie bewertet das nicht vorschnell als gut oder schlecht, sondern sieht beide Seiten.

Besonders wichtig findet sie, dass ihre Tochter sich für eine Freundschaft nicht verbiegen muss. Wenn es mit einem Kind nicht harmoniert, wartet am nächsten Ort eine neue Begegnung. Und wenn es passt, lässt sich der Kontakt heute auch über Ländergrenzen hinweg halten.

Dänemark war lange ein möglicher Plan B, weil Homeschooling dort legal möglich ist und die Regelungen nach Hannas Schilderung auch freies Lernen zulassen. Als die Familie 2023 reisemüde wurde und die Kinder sich eigene Zimmer und regelmäßige Hobbys wünschten, probierten sie das sesshafte Leben aus.

Bewusst kamen sie im Winter. Nach dem ersten Winter schien das Wetter noch machbar. Nach dem zweiten wussten alle: Das ist nicht ihr Ort.

Es lag nicht nur an Kälte, Regen und Matsch. Der Alltag mit Haus und festen Terminen fühlte sich überraschend unflexibel an. Die Kinder konnten zwar Vereine und Hobbys ausprobieren. Gleichzeitig bedeutete das fast jeden Tag Fahrten, feste Zeiten und weniger Spontaneität. Hanna fuhr nach eigener Aussage in einem Jahr auf der kleinen Halbinsel mehr Kilometer mit dem Auto als sonst in einem Jahr mit dem Wohnmobil.

Auch das 90-Quadratmeter-Reihenhaus wurde schnell voll. Im Vergleich zu anderen Haushalten vielleicht noch minimalistisch – für die Familie aber bereits zu viel.

„Uns hat dieser ganze Platz erdrückt.“

Das Haus nannten sie ihr „Absprunghaus“. Es sollte den nächsten Schritt erleichtern: entweder in ein dauerhaftes Leben in Dänemark oder wieder hinaus. Genau das hat es getan.

Kein Scheitern, sondern eine ziemlich wertvolle Antwort

Die Zeit in Dänemark war für Hanna kein Fehlversuch. Die Familie weiß jetzt, welche Hobbys den Kindern wichtig sind und kann überlegen, wie sich diese unterwegs weiterführen lassen. Die Kinder haben dort sogar mit dem Tauchen begonnen – auch mit Blick auf ihren Wunsch, irgendwann am Great Barrier Reef zu tauchen.

Gleichzeitig haben alle erfahren, wie sich ein fester Alltag anfühlt. Eine Base kann sich Hanna weiterhin vorstellen, aber eher ohne Haus und dauerhafte Verpflichtungen. Der Traum von einem Hof mit Selbstversorgergarten ist nicht verschwunden. Er passt nur gerade noch nicht zu dem ebenso großen Wunsch, mehr von der Welt zu sehen.

„Es war gut, dass wir hier waren, aber es ist auch gut, dass wir wieder gehen.“

Manchmal liefert ein Ort eben keine neue Heimat, sondern Klarheit. Und auch das ist ein ziemlich gutes Ergebnis.

Ortsunabhängig arbeiten: Freiheit entsteht selten über Nacht

Heute arbeitet Marc als Webdesigner, Hanna im Online-Marketing und in der strategischen Begleitung von Menschen, die sich ein selbstbestimmteres Arbeitsleben aufbauen möchten. Der Weg dorthin war geplant, aber nicht geradlinig.

Marc arbeitete früher in einer Bar und begann mit 30 noch einmal eine Ausbildung im Medienbereich. Danach verhandelte er eine Homeoffice-Lösung. Schon bevor die Familie reiste, fielen dadurch täglich rund drei Stunden Fahrtzeit weg.

Hanna startete 2021 im Online-Bereich mit einem Behördenratgeber. Darin ging es um praktische Fragen zur Abmeldung, zu Kindergeld, Steuern und Krankenversicherung. Aus den Folgefragen ihrer Leserinnen und Leser entwickelte sich ihre heutige Arbeit rund um Online-Business, Strategie und Unternehmensaufbau.

Ihre Geschichte ist deshalb kein „Laptop aufklappen und frei sein“-Märchen. Sie haben über Jahre Kompetenzen aufgebaut, Arbeitsmodelle verändert und viele kleine Schritte gemacht.

Der erste Schritt muss noch nicht die ganze Reise lösen

Überlegt nicht nur, welcher ortsunabhängige Job sofort perfekt wäre. Fragt euch zuerst, welcher konkrete Schritt mehr Freiheit schafft: eine Weiterbildung, ein Homeoffice-Tag, weniger Fahrtzeit, ein kleines digitales Angebot oder geringere Fixkosten. Bei Hanna und Marc entstand das mobile Leben nicht auf einmal, sondern aus mehreren bewusst vorbereiteten Veränderungen.

Heimat ist nicht mehr Hamburg oder Bayern

Zu Beginn der Reise hätte Hanna Hamburg als Heimat bezeichnet, Marc Bayern. Heute sind diese Orte vor allem Herkunft und Erinnerung.

Heimat ist für Hanna inzwischen die Familie selbst – besonders ihre Kinder. Das passt zu einem Leben, in dem sich Landschaften, Länder und Stellplätze verändern, während die wichtigsten Menschen bleiben.

Diese Definition klingt vielleicht romantisch. Im Gespräch wird aber deutlich, dass sie ganz praktisch gewachsen ist: Das Wohnmobil ist für den Sohn Zuhause, die Familie organisiert Arbeit und Lernen gemeinsam, Entscheidungen werden miteinander getroffen. Heimat ist kein Punkt auf der Karte, sondern etwas, das mitfährt.

Zwischen Online-Arbeit und Smartphone-Hassliebe

Ein selbstbestimmtes Leben im Wohnmobil ist nicht automatisch offline. Im Gegenteil: Hanna und Marc verdienen ihr Geld im Internet. Gleichzeitig wünschen sie sich, dass ihre Kinder nicht selbstverständlich in eine Welt aus Smartphones und Social Media hineinrutschen.

Hanna spricht sehr offen darüber, dass sie selbst keine perfekte Lösung hat. Auch sie gerät in den Scroll-Modus, ärgert sich darüber und legt das Handy wütend weg. Genau diese Ehrlichkeit macht das Thema greifbar: Die Technik ermöglicht das ortsunabhängige Arbeiten und erzeugt zugleich eine Abhängigkeit, die sie kritisch sieht.

Ihre fast zwölfjährige Tochter besitzt kein Smartphone und möchte aktuell auch keines. Ein Tablet für bestimmte Lerninhalte nutzt sie durchaus. Es geht der Familie also nicht um ein pauschales Technikverbot, sondern um die Frage, welche Rolle Geräte im Alltag einnehmen sollen.

Eine fertige Antwort gibt es in dieser Folge nicht. Aber vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn Kinder erleben, dass Erwachsene ihren eigenen Medienkonsum hinterfragen, statt so zu tun, als hätten sie ihn vollkommen im Griff.

Was von diesem Gespräch bleibt

Hannas Familie hat kein allgemeingültiges Modell für selbstbestimmtes Leben gefunden. Sie hat ihr eigenes immer wieder angepasst.

Das Wohnmobil löste den festen Wohnsitz ab. Das zweite Wohnmobil schafft nun neue Rückzugsräume. Dänemark bot legales Freilernen und regelmäßige Hobbys, wurde aber trotzdem nicht zur Heimat. Lernen entsteht aus Interessen und Alltag, braucht aber aufmerksame Eltern. Online-Arbeit ermöglicht Freiheit und bringt gleichzeitig neue Abhängigkeiten mit.

Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke dieser Folge: Selbstbestimmung bedeutet nicht, einmal die perfekte Entscheidung zu treffen. Es bedeutet, ehrlich hinzuschauen und die Richtung zu ändern, wenn das gewählte Leben nicht mehr passt.

Zum Schluss teilt Hanna einen ihrer Lieblingssprüche:

„Du sollst nicht spielen Geige am Ohr von taubem Esel.“

Ihre Übersetzung für Familien mit großen Plänen: Nicht jede Diskussion muss geführt und nicht jeder Mensch überzeugt werden. Die eigene Energie ist oft besser darin investiert, den nächsten echten Schritt zu machen.

Mehr über Hanna und ihre Familie findet ihr bei Vagabundenliebe und auf Instagram unter @vagabundenliebe.

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