Podcast-Interview ·

Von Kanada bis Panama – mit Baby und zwei Kleinkindern im Wohnmobil

Drei Kinder, fünf, vier und acht Monate alt. Ein 6,70 Meter langes Wohnmobil. Und eine Route, die von Kanada über die USA und Mexiko bis nach Panama führen soll.

Ini und Patty von Grow Family Life sind nicht losgefahren, weil ihr Leben zu Hause grundsätzlich schlecht war. Im Gegenteil: Sie hatten ein Haus auf dem Dorf, viele Tiere und arbeiteten an ihrem Traum vom Selbstversorgerleben. Aber dieser Traum kostete sie immer mehr von dem, was ihnen als Familie am wichtigsten wurde: gemeinsame Zeit.

In Folge 20 des NomadKids Podcasts sprechen wir darüber, warum aus einer vierwöchigen Thailandreise plötzlich ein ganz neuer Lebensentwurf entstand, wie Elternzeit eine Langzeitreise möglich machte und warum das Familienleben auf wenigen Quadratmetern weder Dauerurlaub noch Dauerkrise ist.

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Als der Traum vom eigenen Hof zu viel Zeit kostete

Ini und Patty lebten mit ihren Kindern auf dem Dorf. Zum Alltag gehörten nicht nur Haus und Garten, sondern auch Schafe, Schweine, Hühner und Gänse. Patty arbeitete Vollzeit, zusätzlich gab es einen Nebenjob und ein Nebengewerbe. Ini kümmerte sich um die Kinder und den Hof.

Auf dem Papier klang das nach dem Leben, das sie sich gewünscht hatten. In der Realität trafen sie sich oft erst gegen zehn Uhr abends auf dem Sofa, erzählten sich kurz vom Tag und gingen schlafen. Nach jedem Kind merkten sie deutlicher, wie viel Kraft und vor allem wie viel gemeinsame Zeit dieses Modell kostete.

Der Tod von Inis Vater brachte schließlich eine schmerzhafte Klarheit:

„Das Leben, das ist so, so kurz. Und wenn wir was ändern wollen, dann müssen wir das einfach jetzt machen.“

Mit drei noch kleinen Kindern gab es außerdem ein Zeitfenster, bevor die Schulpflicht neue Rahmenbedingungen schaffen würde. Nicht alles war sofort gelöst. Aber aus dem ewigen „Was wäre, wenn?“ wurde zum ersten Mal eine echte Entscheidung.

Thailand wurde zum unerwarteten Testlauf

2023 reiste die Familie vier Wochen mit Rucksäcken durch Thailand. Eigentlich war zuvor eine längere Tour mit Wohnwagen nach Griechenland geplant gewesen, die nach dem Trauerfall ausfiel.

Thailand zeigte ihnen zweierlei: Reisen mit den Kindern funktionierte erstaunlich gut – und sie vermissten ihr Zuhause viel weniger als erwartet. Weder das Haus noch der Alltag, das Füttern der Tiere oder die Arbeit im Stall fehlten ihnen.

„Wir haben unser Zuhause nicht vermisst. Was wir eigentlich immer gedacht haben, dass das so unser Nonplusultra ist.“

Der Bauernhof-Traum ist damit nicht verschwunden. Ini und Patty können sich weiterhin vorstellen, irgendwann einen Ort zu finden, an dem sie wieder anbauen und selbstbestimmter leben. Nur muss dieser Ort nicht zwingend der sein, an dem sie vorher gelebt haben.

Elternzeit statt endgültigem Ausstieg

Die Reise war kein radikaler Schnitt ohne Rückfahrkarte. Beide behielten ihre Arbeitsverhältnisse und nutzten die Elternzeit für das dritte Kind.

Ini arbeitete vor den Schwangerschaften in der Intensivpflege. Durch Beschäftigungsverbote, Mutterschutz und Elternzeiten war sie seit der ersten Schwangerschaft bereits längere Zeit nicht im Beruf. Patty ist beim Land Sachsen im öffentlichen Dienst angestellt und nahm zwei Jahre Elternzeit; ebenso pausierte er seinen Nebenjob im Familienbetrieb.

Auch das Haus blieb erhalten. Zunächst vermieteten sie es für ein Jahr, später verlängerten sie um ein weiteres. Nach etwa drei Monaten im Wohnmobil war klar: Dieses Leben funktioniert für die fünf besser als befürchtet.

Diese Absicherung war für sie wichtig. Sie mussten nicht schon vor der Abfahrt entscheiden, ob sie für immer unterwegs bleiben, auswandern oder zurückkehren würden. Ihre Heimatverbundenheit und ihre Reiselust dürfen erst einmal nebeneinander existieren.

Wie die Familie ihre Langzeitreise finanziert

Ein Online-Business finanzierte den Aufbruch nicht. Die Familie sparte rund acht Monate lang konsequent und verkaufte viele bewegliche Dinge, darunter beide Autos. Im ersten Reisejahr kamen Elterngeld und Kindergeld hinzu.

Das Ziel war, die laufenden Kosten möglichst aus diesen Einnahmen zu decken und das Ersparte nur als Reserve zu nutzen. Exakt vorhersagen ließ sich das nicht: Jedes Land kostet anders, und ungeplante Werkstattbesuche halten sich selten an Reisebudgets.

Ini dokumentiert jede Ausgabe. Patty notiert zusätzlich, wie oft die Familie tankt, Wasser auffüllt oder die Toilette leert. Aus diesen Zahlen entstanden später auch Videos über ihre tatsächlichen Reisekosten.

Ihre Lösung ist kein allgemeingültiges Finanzierungsmodell. Sie zeigt aber, wie konkret aus einem großen Traum ein Projekt werden kann: sparen, verkaufen, laufende Ansprüche prüfen, Reserven einplanen und ehrlich akzeptieren, dass nicht jede Ausgabe vorhersehbar ist.

Fünf Menschen, fünf Bedürfnisse und noch kein perfekter Rhythmus

Der Reisealltag beginnt wie bei vielen Familien: Die Kinder bestimmen, wann aufgestanden wird. Nach Frühstück, Malen und Spielen steht entweder ein Ausflug an oder die nächste Etappe. Häufig fährt die Familie mittags weiter, damit die Kinder unterwegs schlafen können. Nachmittags wird erkundet, abends kehrt früh Ruhe ein.

Ein fester Rhythmus hatte sich selbst nach sechs Monaten noch nicht vollständig eingestellt. Zeitweise fühlte es sich an, als würde den ganzen Tag nur gekocht, weil immer eines der Kinder Hunger hatte oder müde wurde. Dazu kommen Ausflugsplanung, Lunchpakete, Wechselkleidung und die Frage, ob ein Vorhaben für drei kleine Kinder überhaupt sinnvoll ist.

„Wir sind fünf Personen, fünf verschiedene Charaktere, fünf verschiedene Bedürfnisse, unterschiedlichen Alters auch.“

Das Baby kommt bei Ausflügen meist in die Trage und passt seine Schläfchen oft dem Familienalltag an. Die Fahrzeiten versucht die Familie dagegen bewusst auf den Schlaf abzustimmen.

Das klingt nicht nach maximaler Spontaneität. Trotzdem erleben Ini und Patty gerade die Möglichkeit, Pläne wieder zu verwerfen, als Luxus. Was heute nicht passt, wird gestrichen. Freiheit bedeutet für sie nicht, keinen Plan zu haben, sondern ihn verändern zu dürfen.

24/7 zusammen sein verändert auch die Rollen als Paar

Zu Hause waren die Aufgaben klar verteilt: Ini trug hauptsächlich Haushalt und Kindererziehung, Patty war der Versorger. Im Wohnmobil fiel diese Ordnung weg. Plötzlich waren beide rund um die Uhr mit allen Aufgaben konfrontiert – auf engstem Raum und ohne den Abstand eines normalen Arbeitstags.

Das führte auch zu Streit. Als die älteste Tochter fragte, warum Mama und Papa sich so anschreien, mussten beide genauer hinschauen.

„Die Mama und der Papa verbringen jeden Tag miteinander 24-7 auf engstem Raum. Das müssen die wenigsten Familien oder Ehepaare machen.“

Die Reise löst Beziehungsfragen also nicht automatisch. Sie macht manches sogar sichtbarer. Ini und Patty beschreiben es als Prozess, den Alltag wieder gemeinsam zu lernen, Aufgaben neu zu verteilen und als Paar wie als Familie zusammenzuwachsen. Nach sechs Monaten fühlte sich dieser Prozess für sie ausdrücklich noch nicht abgeschlossen an.

Warum das Wohnmobil mit Baby die richtige Base ist

Backpacking hatte in Thailand mit den beiden älteren Kindern gut funktioniert. Mit Baby wollten Ini und Patty jedoch mehr Rückzug und weniger ständige Unterkunftswechsel. Das Wohnmobil ist deshalb nicht nur Transportmittel, sondern eine verlässliche Base.

Das Baby kann drinnen schlafen, während die größeren Kinder draußen spielen. Essen, Kleidung und Wickelsachen sind immer in Reichweite. Und mit 6,70 Metern ist der europäische Fiat Ducato in Nordamerika überraschend kompakt. Auf US-Campingplätzen hielten andere Gäste ihn teilweise für das Beifahrzeug eines größeren Campers.

In Mexiko und auf der geplanten Strecke weiter nach Süden wird die überschaubare Größe noch wichtiger. Enge Parkplätze, niedrige Kabel und schmalere Straßen setzen großen Expeditionsfahrzeugen Grenzen, während die Familie mit ihrem Camper häufiger durchkommt.

Von Brooklyn bis zur Werkstatt: ungewöhnliche Schlafplätze

Nach den ungewöhnlichsten Übernachtungen gefragt, mussten Ini und Patty gleich drei nennen:

  • auf der Nachtfähre von der Baja California zum mexikanischen Festland
  • in einer Werkstatt, während das aufgebockte Wohnmobil ohne Räder dastand
  • auf einem RV-Stellplatz in Brooklyn

New York wollten sie zunächst mit dem Wohnmobil meiden. Dann fanden sie einen Stellplatz, von dem aus alles mit der U-Bahn erreichbar war. Rund 40 Stunden verbrachten sie in der Stadt – genug, damit selbst der sonst wenig großstadtbegeisterte Patty und die Kinder beeindruckt waren. Die älteste Tochter erzählte danach immer wieder von der Freiheitsstatue.

Weniger romantisch war die Werkstattnacht. Nachdem die hinteren Bremsen bereits einmal direkt am Strand nachgestellt worden waren, ließ die Bremsleistung erneut nach. Eine passende Werkstatt zu finden und technische Details auf Spanisch zu erklären, gehörte zu den Herausforderungen, die vorher auf keiner Wunschliste standen.

Sicherheit in Mexiko und Mittelamerika: informieren und aufs Gefühl hören

Während des Gesprächs war die Familie in Oaxaca. Ihre weitere Route sollte über die Halbinsel Yucatán nach Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica führen – mit Panama als übergeordnetem Ziel.

Sicherheit ist für Ini und Patty dabei durchaus ein Thema. Sie vermeiden Nachtfahrten, suchen bewusst geeignete Stellplätze und informieren sich darüber, welche Gegenden oder Städte sie auslassen sollten. Gleichzeitig wollen sie nicht jedes Reiseland ausschließlich durch alarmierende Schlagzeilen betrachten.

Mit Kindern beurteilen sie Risiken heute anders als bei ihrer früheren Backpackingreise durch Mittelamerika. Patty sammelt viele Informationen, Ini achtet stärker auf ihr Gefühl vor Ort. Wenn sich ein Platz für sie nicht richtig anfühlt, fährt die Familie weiter.

Das ist keine Garantie und ersetzt keine aktuelle Sicherheitsprüfung. Es ist ihre persönliche Strategie aus Vorbereitung, situativer Wahrnehmung und der Bereitschaft, Pläne jederzeit zu ändern.

Housesitting als Pause vom Wohnmobil

In den USA probierte die Familie Housesitting aus. Für eine Zeit lebten sie in einem vollständig eingerichteten Haus und kümmerten sich um die Hunde. Die Kinder liebten die Tiere, und für die Eltern war die feste Unterkunft eine praktische Pause.

Während Patty neue Reifen montieren ließ, konnte Ini mit den Kindern im Haus bleiben. Außerdem räumten sie den Camper komplett aus, wuschen Sitzbezüge und brachten alles wieder auf Vordermann.

Über TrustedHousesitters suchen sie weiterhin nach passenden Aufenthalten. Bei einer Reise, auf der sie teils alle zwei oder drei Tage den Standort wechseln und gelegentlich lange Strecken fahren, passen feste Termine allerdings nicht immer zur Route.

In Nordamerika nutzten sie außerdem Harvest Hosts. Landwirtschaftliche Betriebe und andere Gastgeber stellen dort Stellplätze bereit. Als Gegenleistung kauft man üblicherweise etwas im Hofladen. So entstanden Begegnungen abseits klassischer Campingplätze – inklusive eines späten Besuchs auf dem Feld, bei dem die Kinder noch Gemüse pflücken durften.

Was im Wohnmobil wirklich täglich gebraucht wird

Bei der Frage nach unverzichtbaren Dingen kam die erste Antwort ohne große Romantik: ein kleiner Makita-Akkustaubsauger. Mit drei Kindern, Sand und ständigem Rein und Raus ist er mehrmals täglich im Einsatz.

Auf der Baja hätten sie außerdem gern ein Stand-up-Paddleboard dabeigehabt. Vor Ort war es deutlich schwieriger und teurer zu bekommen als gedacht. Ihr Learning: Dinge, die man sicher nutzen wird und bereits besitzt, lieber direkt mitnehmen – besonders, wenn das Wohnmobil ohnehin verschifft wird.

Ebenfalls bewährt haben sich faltbare Alltagshelfer wie Waschschüssel, Eimer und Wäschekorb. Sie werden täglich gebraucht, nehmen zusammengeklappt aber kaum Platz weg.

Und dann ist da Starlink. Für Ini und Patty geht es dabei nicht nur um Instagram oder YouTube, sondern vor allem darum, selbst an abgelegenen Orten jemanden erreichen oder Informationen abrufen zu können.

Der ehrliche Packtipp von Ini und Patty

Packt nicht nur für besondere Abenteuer, sondern vor allem für euren echten Alltag. Ein guter Akkustaubsauger, eigenes Werkzeug und platzsparende Haushaltshelfer sind mit kleinen Kindern oft wertvoller als Ausrüstung, die nur alle paar Wochen zum Einsatz kommt. Prüft vor der Abfahrt außerdem, was unterwegs wirklich teurer oder schwer erhältlich sein könnte.

„Das Leben ist Veränderung“

Der Name Grow Family Life steht für Wachstum auf vielen Ebenen. Nicht für den Plan, die Familie immer weiter zu vergrößern, wie englischsprachige Follower manchmal vermuten. Gemeint sind persönliche Entwicklung, die Beziehungen zu den Kindern, das Zusammenwachsen der Geschwister und die Partnerschaft.

Die Langzeitreise ist für Ini und Patty kein fertiges Lebensmodell, dessen Regeln sie schon kennen. Sie lernen noch, wie viel Strecke ihnen guttut, wie sie Aufgaben verteilen und welche Zukunft sich richtig anfühlt.

„Das Leben ist Veränderung.“

Vielleicht führt die Reise irgendwann zurück ins vermietete Haus. Vielleicht finden sie an einem anderen Ort wieder Platz für Garten, Tiere und Selbstversorgung. Für den Moment versuchen sie, nicht jeden Tag an einem perfekten Ergebnis zu messen.

Ihr alltagstauglicher Schluss-Tipp ist entsprechend einfach: morgens Musik anmachen. Patty startet den Tag gern mit Reggae, weil dadurch sofort eine andere Stimmung ins Wohnmobil kommt. Kein spektakulärer Reisehack – aber vielleicht genau deshalb einer, der sich wirklich ausprobieren lässt.

Ini und Patty findet ihr auf Instagram unter @grow.family.life und auf YouTube bei Grow Family Life.

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