Mit dem LKW nach Indien – als Familie über Iran und Pakistan
Ein alter Mercedes-LKW, ein selbst gebautes Familienbett auf dem Dach und eine Route, die einmal quer über den Landweg bis nach Indien führt: Was nach großem Abenteuer klingt, war für Ela und ihre Familie genau das – aber eben nicht nur.
14 Monate waren Ela, ihr Mann Daniel, ihre Tochter Zoe und ihre Hunde unterwegs. Sie fuhren durch die Türkei, gerieten im Iran in eine politisch extrem angespannte Zeit, wurden in Pakistan über Hunderte Kilometer eskortiert und erlebten Indien als faszinierend, laut, herzlich und irgendwann schlicht überwältigend.
In dieser Folge des NomadKids Podcasts erzählt Ela nicht die glatt polierte Version einer Fernreise. Es geht um Gastfreundschaft und Grenzerfahrungen, um die Bedürfnisse eines Kindes, um Reisemüdigkeit, einen schmerzhaften Abschied und die Frage, warum das Ankommen zu Hause manchmal schwerer ist als das Losfahren.
Bolle: ein Oldtimer-LKW als Familienmitglied
Das Zuhause der Familie heißt Bolle. Der Mercedes-Benz LA 911 aus dem Jahr 1977 kam in derselben Woche in ihr Leben, in der Ela und Daniel von der Schwangerschaft mit Zoe erfuhren. Seitdem ist der rund zehn Tonnen schwere LKW viel mehr als nur ein Fahrzeug.
Auf dem Fahrgestell sitzt eine GFK-Wohnkabine. 800 Liter Diesel, 600 Liter Frischwasser, Wasserfilter und Umkehrosmoseanlage machen die Familie auf langen Etappen ziemlich unabhängig. Vor der Indienreise kam noch ein ungewöhnlicher Eigenbau hinzu: ein per Druckluft aufstellbares Obergeschoss mit Familienbett.
Eine fertige Anleitung dafür gab es nicht. Also planten und bauten Ela und Daniel selbst. Im deutschen Winter schnitten sie das Dach der Kabine auf – und als es regnete, bevor der Aufbau montiert war, hielten für eine Nacht Mülltüten das Wasser draußen. Später funktionierte das neue Schlafzimmer selbst bei minus 20 Grad im Norden Pakistans, geschützt durch eine zusätzliche Lage Wollwalk.
Unten gewann Zoe dadurch ihr eigenes Reich. Gerade auf einer so langen Reise war dieser kleine persönliche Rückzugsort wichtiger als jedes schicke Ausbaudetail.
Wie aus drei Monaten eine 14-monatige Reise wurde
Ursprünglich wollte die Familie für drei Monate im Sommer los. Doch aus dem Vorhaben wurde nach und nach ein sehr viel größeres Projekt.
Um die Reise als Normalverdiener finanzieren zu können, vermieteten Ela und Daniel ihre Eigentumswohnung kostendeckend und zogen für anderthalb Jahre mit Bolle auf einen Reiterhof. Daniel ging weiter ins Büro, Zoe in den Waldkindergarten, und was die Familie sparen konnte, wanderte in die Reisekasse und den Ausbau.
Auch die noch verfügbare Elternzeit spielte eine Rolle. Vor Zoes Schulstart öffnete sich ein Zeitfenster, das so nicht wiederkommen würde. Die Familie entschied, es zu nutzen – ohne zu wissen, ob sich tatsächlich alle Visa organisieren ließen.
„Wir haben noch ein bisschen Elternzeit übrig und wollten sowieso vor Start der Schule nochmal losfahren und haben dann gesagt: Okay, jetzt greifen wir die Gelegenheit beim Schopfe.“
Die Route: von Deutschland über Pakistan bis Südindien
Von Deutschland rollte Bolle über den Balkan und Bosnien in die Türkei. Die Familie fuhr an der Ägäis entlang, weiter nach Kappadokien und durch Anatolien Richtung Adana. Danach ging es in den Iran und von dort über Belutschistan nach Pakistan.
Im Norden Pakistans erreichten sie die Bergwelt nahe der chinesischen Grenze. Anschließend führte die Strecke über Lahore nach Indien. Dort reisten sie an der Westküste über Hampi und Bangalore bis in den Süden und auf der Ostseite wieder nordwärts.
Nepal war bereits vorbereitet, das Visum vorhanden. Trotzdem ließen sie das Land aus. Nach Monaten voller intensiver Eindrücke war die Familie reizüberflutet und brauchte wieder mehr Vertrautheit. Für den Rückweg ging es erneut durch Pakistan und den Iran, danach über Armenien, Georgien und die Türkei nach Griechenland.
Diese Entscheidung gegen Nepal war keine Niederlage. Sie war ein ziemlich ehrlicher Moment: Eine Route muss zur Familie passen – nicht die Familie zur Route.
Visa auf dem Landweg: planen, ohne alles planen zu können
Besonders das Indien-Visum machte Schwierigkeiten. Zwei Anträge aus Deutschland wurden abgelehnt, unter anderem mit dem Hinweis, eine Einreise auf dem Landweg sei nicht möglich. Ela und Daniel brachen deshalb auf, ohne sicher zu wissen, ob sie Indien überhaupt erreichen würden.
Genau darin lag eines der großen Learnings dieser Reise: Bei einer langen Überlandroute lassen sich Grenztermine, Visa-Zeitfenster und tatsächliche Fahrdauer kaum perfekt aufeinander abstimmen. Straßen, Behörden und politische Entwicklungen halten sich nicht an den eigenen Reiseplan.
Auf dem Rückweg wurde es noch einmal eng. Westliche Reisende erhielten zu dieser Zeit nur schwer ein Visum für den Iran, gleichzeitig gab es für die Familie mit LKW und altem Hund praktisch keine sinnvolle Landalternative. Über einen Mittelsmann bekamen sie ein Transitvisum und verpflichteten sich auf eine festgelegte Route. Eine Woche blieb ihnen für die Durchquerung – inklusive eines Werkstattstopps wegen eines Unfalls in Indien.
Iran: Gastfreundschaft in einer Ausnahmesituation
Die Familie reiste zu der Zeit in den Iran ein, als nach dem Tod von Mahsa Amini Proteste das Land erschütterten und das Internet eingeschränkt beziehungsweise abgeschaltet wurde. Das erschwerte nicht nur Visa- und Behördenprozesse. Die politische Lage lag wie ein ständiger Druck über ihrer Reise.
Gleichzeitig erlebten sie private Einladungen und einen Alltag hinter geschlossenen Türen, der kaum zu dem öffentlichen Bild passte. Ela lernte eine Frau kennen, die tagsüber Zeit mit der Familie verbrachte und nachts demonstrieren ging. Ihre Sorgen und ihren Einsatz für Frauenrechte aus der Nähe mitzuerleben, hat Ela tief bewegt.
Der Iran war für die Familie die größte Herausforderung der Reise – und trotzdem kein Land, das sie auf eine einzige Erfahrung reduzieren möchte. Gastfreundschaft und Angst, Nähe und Restriktionen existierten dort für sie gleichzeitig.
Eskorte durch Belutschistan: sicher, langsam und nervenaufreibend
Vor Pakistan hatte sich die Familie besonders intensiv mit Risiken und Sicherheitslage beschäftigt. In Belutschistan durften sie sich nicht frei bewegen, sondern wurden von bewaffneten Levies begleitet.
Die Eskorte wechselte teils nach zehn Kilometern, teils schon nach zwei. An Checkpoints wurden Daten in Logbücher eingetragen, Tee getrunken und die Reiseroute wieder und wieder erklärt. Kam die nächste Begleitung zu spät oder war ein Fahrzeug kaputt, wurde gewartet. Manchmal fuhren zwei bewaffnete Begleiter auf einem kleinen Motorrad vor Bolle her.
Was auf der Karte nach einer überschaubaren Tagesetappe aussah, zog sich dadurch enorm. Essenspausen waren nicht frei wählbar, die Hunde mussten warten und das Tempo bestimmte die Eskorte.
„Wir haben die Uhr, die haben die Zeit.“
Einmal übernachtete Bolle auf einem Gefängnisgelände direkt neben den Zellen. Die Familie kochte, spielte Karten und versuchte, aus der skurrilen Situation einen Abend zu machen. Kein romantisches Roadtrip-Erlebnis – aber eine dieser Geschichten, die unterwegs entstehen und bleiben.
Trotz der anstrengenden Eskorte wurde Pakistan zum Herzensland der Familie. Menschen luden sie in ihren Alltag ein, Zoe schloss feste Freundschaften und lernte Englisch. Nach Indien kehrten sie deshalb bewusst noch einmal zu diesen Freunden zurück, um Kraft für den Rückweg zu sammeln.
Indien mit dem LKW: wenn Nähe keine Pause mehr macht
Vier Monate lang reiste die Familie durch Indien. Mit großem LKW, Hunden und einem blonden Kind fiel sie fast überall auf. Die Aufmerksamkeit war oft freundlich gemeint, ließ aber kaum Raum für Rückzug.
Manchmal klopften Menschen nachts um vier oder fünf Uhr an die Tür, nur um nach einem Selfie zu fragen. Beim ersten Mal konnte die Familie noch darüber lachen. Wenn es immer wieder passiert, wird selbst freundliche Neugier zur Belastung.
„Man braucht auch diesen Rückzug, und den hatten wir einfach so in der Form in Indien nicht.“
Ela beschreibt diesen Punkt erstaunlich offen: Reisende möchten Menschen begegnen und nicht abweisend werden. Doch wenn persönliche Grenzen über Monate kaum respektiert werden, wächst automatisch ein Schutzpanzer. Indien war nicht politisch bedrohlich wie die Situation im Iran – aber kulturell und emotional brachte es die Familie an ihre Grenzen.
Genau deshalb verzichteten sie auf Nepal. Nicht, weil es nichts mehr zu entdecken gegeben hätte, sondern weil die eigenen Kapazitäten erschöpft waren.
Der wichtigste Tipp für lange Familienreisen
Plant nicht nur Route, Visa und Fahrzeugreserven, sondern auch echte Rückzugsphasen. Beobachtet, wie viel Nähe, Wechsel und kulturelle Intensität jedes Familienmitglied gerade tragen kann. Ein bereits organisiertes Ziel auszulassen kann die bessere Reiseentscheidung sein – besonders dann, wenn das Kind Freundschaften, Ruhe oder Verlässlichkeit braucht.
Zoes Bedürfnisse: Abenteuer und Wurzeln dürfen gleichzeitig da sein
Zoe war Reisen gewohnt. Bereits als Dreijährige hatte sie mit ihren Eltern vier Wochen in der marokkanischen Sahara verbracht. Vor der großen Indienreise war die Situation trotzdem anders: Im Waldkindergarten hatte sie feste Freundschaften geschlossen, besonders der Abschied von ihrer besten Freundin fiel schwer.
Videoanrufe hielten den Kontakt, konnten freies gemeinsames Spielen aber nicht ersetzen. Unterwegs sagte Zoe immer wieder, dass sie in eine Schule gehen und ihre Freundinnen sehen möchte. Ela und Daniel nahmen das ernst.
„Alles im Leben hat seine Zeit.“
Dieser Satz ist Elas Credo. Die Familie wollte die besondere gemeinsame Elternzeit genießen und gleichzeitig anerkennen, dass sich kindliche Bedürfnisse verändern. Nach der Reise fand Zoe eine freie Schule, in der sie sich wohlfühlt. Ihre Reiselust ist damit nicht verschwunden: Antarktis und Mongolei stehen längst auf ihrer Wunschliste.
Gerade als Einzelkind war es unterwegs nicht immer leicht, tiefe Kontakte zu anderen Kindern aufzubauen. Kurze Begegnungen gab es viele, beständige Freundschaften selten. In Pakistan änderte sich das zeitweise – ein wichtiger Grund, warum dieses Land für Zoe und ihre Eltern so besonders wurde.
Begegnungen, die geblieben sind
Nicht die spektakulärsten Sehenswürdigkeiten nennt Ela als Höhepunkte, sondern Erlebnisse, die ihr Herz berührt haben.
In der Türkei beobachtete die Familie nachts schlüpfende Meeresschildkröten. Weil Krebse den Jungtieren den Weg versperrten, hielt Zoe sie gemeinsam mit den Hunden fern und half den Schildkröten so auf ihrem Weg ins Meer.
Am Khunjerab-Pass zog Bolle Daniel und Zoe auf dem Snowboard die letzten Meter durch die Bergwelt nahe der chinesischen Grenze. Rundherum: hohe Gipfel und grasende Yaks.
In Indien führte Zoes Wunsch, einem Tempelelefanten einen Keks zu geben, zu einer wichtigen Erkenntnis. Die Familie beschäftigte sich mit den Lebensbedingungen der Tiere und besuchte schließlich Wildlife SOS. Zoe nahm dort an einem Kinder-Volunteerprogramm teil, lernte das Elefantenkrankenhaus und das Rettungsfahrzeug kennen und erfuhr, was Elefanten tatsächlich brauchen.
Und dann waren da noch die Malediven: In Bangalore tauschte die Familie für eine Weile ihr Zuhause mit einem Bikepacker. Er passte auf Bolle auf, sie übernahmen sein Zelt und reisten mit dem Rucksack weiter. Nachts leuchtete fluoreszierendes Plankton im Meer – direkt vor ihrem Zelt.
Warum aus der Reise ein Kinderbuch wurde
Schon vor dem Start suchte Ela nach Büchern, die Zoe auf die Kulturen entlang der Route vorbereiten könnten. Authentische Reisegeschichten für Kinder fand sie kaum. Also nahm sie sich vor, selbst eine zu schreiben.
Ela und Zoe führten unterwegs Tagebuch. Aus diesen Aufzeichnungen entstanden Geschichten aus Kinderperspektive. Im Buch heißt das reisende Mädchen Zuina. Am Ende jedes Kapitels schreibt sie einen Brief an Wotan, ein Wildpferd vom Reiterhof, von dem ihr der Abschied schwerfiel.
Die Briefe orientieren sich an Zoes eigenen Worten und greifen Themen auf, die Reisekinder wirklich beschäftigen: Abschied, Freundschaften, fremde Kulturen und die Frage, wo Zuhause ist. Der erste Band erzählt von Türkei und Iran, der zweite von der Weiterreise durch Pakistan und Indien.
Ela wollte damit nicht nur Reisefamilien erreichen. Ihr geht es auch darum, Kindern einen selbstverständlichen, neugierigen Zugang zu anderen Lebenswelten zu ermöglichen – über Abenteuer, Begegnungen und den Alltag anderer Kinder.
Heimkommen und Reiseblues
In Griechenland verabschiedete sich Merlin, der alte Familienhund. Er war 14,5 Jahre alt und hatte die ganze Reise mitgetragen, kam aber nicht mehr mit nach Hause. Gleichzeitig brachte die Familie eine Hündin aus dem Iran mit, die anfangs mit Ängsten, Unsicherheit und Aggressionen kämpfte.
Zwei Wochen nach der Rückkehr ging Daniel wieder arbeiten, Ela nach vier. Der Wechsel von 14 Monaten Ausnahmezustand zurück in den Beruf war hart. Die Familie kannte Reiseblues bereits, aber nicht in dieser Intensität.
Auch als Paar verarbeiteten Ela und Daniel die Rückkehr unterschiedlich. Ela suchte das Gespräch. Daniel hätte am liebsten Ballast abgeworfen und wäre mit Fahrrad und kleinem Rucksack wieder losgezogen. Freundschaften hatten sich verändert, die Familie selbst ebenso.
„Wir mussten jeden Stein wieder irgendwie aufheben und nochmal gucken: Ist der für uns noch passend?“
Das Ankommen brauchte Zeit – und war nicht mit dem Abstellen des LKW erledigt. Vielleicht ist genau das eine der ehrlichsten Erkenntnisse dieser Folge: Eine lange Reise endet geografisch an der Haustür, innerlich aber oft sehr viel später.
Was von 14 Monaten auf dem Landweg bleibt
Diese Reise war keine Abfolge schöner Stellplätze. Sie war voller Widersprüche: befreiend und zermürbend, herzlich und grenzüberschreitend, geplant und doch ständig ungewiss.
Ela und ihre Familie haben gelernt, Prozesse auszuhalten, Pläne loszulassen und Grenzen ernst zu nehmen. Sie haben erlebt, wie wichtig tiefe Freundschaften für ein Kind sind und wie viel Zeit eine Familie nach einer intensiven Reise zum Verarbeiten braucht.
Und sie würden die Reise trotzdem nicht missen.
Mehr von Ela und ihrer Familie findet ihr auf Instagram bei @team_globulli und auf team-globulli.de. Dort gibt es auch ihr Kinderbuch „Mit dem Snowboard in die Wüste“.