Weltumsegelung mit Kindern – als Familie bis nach Patagonien
Ein Segelboot als Zuhause, Patagonien vor der Tür und zwei Kinder, die bei dem Gedanken an ein Haus lieber sofort wieder an Bord möchten: Riki und Martin führen kein Leben, das in eine gewöhnliche Familienroutine passt. Und trotzdem klingt vieles erstaunlich vertraut.
Seit 2018 sind die beiden unterwegs. Gestartet sind sie zu zweit auf einem neun Meter langen Boot, inzwischen leben sie mit ihren Töchtern Kira und Naya auf einer 14,5 Meter langen C&C 48. Es ist bereits ihr drittes eigenes Boot – und eines, mit dem sie auch abgelegene und raue Segelreviere erreichen können.
In Folge 19 des NomadKids Podcasts sprechen wir über ihren Weg von Süddeutschland bis nach Patagonien, über Kinderbetreuung auf wenigen Quadratmetern, Nachtwachen, Seekrankheit, Sicherheit und die Frage, wie viel Geld eine Familie für ein Leben auf See wirklich braucht.
Vom Rhein über den Atlantik bis nach Chile
2018 legen Riki und Martin in Süddeutschland ab. Mit ihrem ersten Boot fahren sie über den Rhein und durch die französischen Kanäle ins Mittelmeer. Von dort geht es über Mallorca, das spanische Festland und Gibraltar nach Marokko, zu den Kanaren, den Kapverden und schließlich nach Gambia.
Dann verändert sich der Plan grundlegend. Während eines Heimatbesuchs kommt Tochter Kira zur Welt, kurz darauf beginnt die Coronapandemie. Flüge nach Gambia gibt es nicht mehr. Statt nach drei Wochen kehrt Riki erst rund anderthalb Jahre später zu ihrem schwimmenden Zuhause zurück. Martins Vater segelt mit seinem Boot von Hamburg nach Gambia und nimmt die junge Familie mit.
Ihr neun Meter langes Boot fühlt sich mit Baby und all den Dingen, die plötzlich mit an Bord müssen, inzwischen sehr klein an. Trotzdem überqueren sie damit noch den Atlantik: 24 Tage von Gambia bis Grenada. In der Karibik wechseln sie zunächst auf einen kleinen Katamaran. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter folgt schließlich das heutige Boot.
Die weitere Route führt die Familie über Kuba, Guatemala, Belize und den Panamakanal zu den Galapagosinseln, zur Osterinsel und weiter nach Chile.
Warum der direkte Weg nicht immer der beste ist
Die Wunschziele bestimmen die grobe Richtung, Wind, Strömung und Jahreszeiten aber den tatsächlichen Kurs. Patagonien war schon lange ein Traum. Der scheinbar naheliegende Weg von Panama an der südamerikanischen Küste entlang hätte allerdings Gegenwind, Gegenströmung und dichten Fischereiverkehr bedeutet.
Also segelt die Familie einen großen Bogen über die Osterinsel. Auf der Karte ist das ein Umweg. Unter Segeln ist es die sinnvollere Route – und die Osterinsel wird zu einem der Highlights der vergangenen Jahre.
„Das A und O ist die Saisonplanung: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“
Auch in Patagonien plant die Familie nicht in kurzen Urlaubsetappen. Ein bis eineinhalb Jahre möchten sie im Süden bleiben, die vielen Inseln vom Boot aus entdecken und zwischendurch auch das Landesinnere bereisen. Danach könnte es in den tropischen Pazifik gehen. Vielleicht aber auch zu den Falklandinseln. Ein Boot gibt Freiheit – nur eben immer innerhalb dessen, was Wetter und Meer zulassen.
Drei Boote und eine wichtige Erkenntnis
Ein Katamaran gilt für viele Familien als naheliegende Wahl: viel Platz, helle Räume und wenig Schräglage. Genau deshalb probieren Riki und Martin dieses Konzept aus. Ihr kleiner Katamaran passt jedoch nicht zu ihnen.
Sie empfinden seine Bewegungen als ruppig und schwer vorhersehbar. Kira, damals etwa eineinhalb Jahre alt, läuft während der Fahrt nicht mehr allein durchs Boot und braucht ständig eine Hand. Auch die Segeleigenschaften und die begrenzte Zuladung sprechen gegen ihre langfristigen Pläne.
Das heutige Einrumpfboot ist dagegen fast ihr Traumboot: drei Kabinen, zwei Bäder, Küche, Salon und ein Cockpit als erweiterter Wohnraum. Der ältere GFK-Rumpf ist massiv gebaut, und die Familie kann große Mengen Wasser, Diesel und Ausrüstung für abgelegene Reviere mitnehmen.
Ihre Erfahrung ist keine allgemeingültige Absage an Katamarane. Sie zeigt eher, wie wenig sich das richtige Familienboot am Bildschirm bestimmen lässt.
„Einfach ausprobieren. Auf möglichst vielen verschiedenen Booten, mit möglichst vielen verschiedenen Leuten segeln.“
Familienalltag auf 14,5 Metern
Vor Anker beginnt der Tag nicht nach Wecker, sondern wenn die Kinder aufwachen. Nach Frühstück und Kaffee wird das Boot aufgeräumt, dann geht es an Land: Schätze sammeln, Vögel beobachten, Spielplätze suchen. Mittags kehren alle zurück, danach wird gebastelt oder eine Geschichte gehört, bevor am Nachmittag noch einmal eine Landrunde ansteht.
Nach dem Abendessen und dem Zubettbringen bleiben Riki und Martin meist ein oder zwei Stunden für Arbeiten am Boot, ihren Blog oder ein Buch.
So ungewöhnlich die Kulisse ist, so normal sind viele Herausforderungen. Die Kinder sind rund um die Uhr dabei. Oma, Opa, Kindergarten oder Schule können nicht spontan übernehmen. Einer arbeitet am Boot, der andere kümmert sich um die Kinder. Als die Mädchen noch null und zwei Jahre alt waren, war das besonders anstrengend. Inzwischen spielen sie länger miteinander – und plötzlich wird sogar ein Kaffee in Ruhe möglich.
Routinen sind dabei wichtiger geworden, als Riki und Martin es vor der Familienzeit erwartet hatten. Nicht unbedingt nach festen Uhrzeiten, aber in einem verlässlichen Rhythmus. Vor Anker sieht der anders aus als während einer Überfahrt oder einer Bootsrenovierung. Struktur gibt es trotzdem.
Sicherheit mit Kindern: klare Regeln statt Sorglosigkeit
Beim Thema Sicherheit widersprechen Riki und Martin einem Bild, das viele zunächst im Kopf haben: Ihre Kinder tragen an Bord nicht ständig Schwimmwesten und sind nur selten angeleint. Das ist ihre persönliche Praxis mit Kindern, die auf dem Boot aufgewachsen sind – keine pauschale Empfehlung für Familien, die gelegentlich chartern.
Entscheidend sind für sie klare Regeln. Während des Segelns dürfen die Kinder das geschützte Cockpit nicht verlassen. Wird es rau, bleiben sie unter Deck. Im Beiboot, bei längeren Strecken und Brandung wie vor der Osterinsel, tragen sie dagegen Schwimmwesten.
Die beiden unterscheiden sehr deutlich zwischen ihrem Alltag und einer Urlaubscrew, die Boot und Gefahren noch nicht kennt. Sicherheit entsteht für sie aus Erfahrung, einem passend geschützten Bereich, festen Grenzen und einer Einschätzung der konkreten Situation.
Lange Überfahrten können leichter sein als kurze
Eine Nacht auf See klingt überschaubar. Für Riki und Martin sind aber gerade die kurzen Überfahrten von ein bis drei Nächten besonders anstrengend. Bevor sich der Körper an Nachtwachen und Bootsbewegung gewöhnt hat, ist die Strecke schon fast vorbei.
Nach einigen Tagen stellt sich dagegen ein Rhythmus ein. Riki übernimmt als Nachtmensch die erste Hälfte der Nacht, Martin steht zwischen zwei und drei Uhr auf und macht bis zum Morgen weiter. Beim Segeln steuert eine Windfahne das Boot fast die ganze Zeit; den Autopiloten nutzen sie vor allem unter Motor.
Auch die Kinder kommen auf längeren Passagen zur Ruhe. Statt jeden Tag Bewegung und Programm einzufordern, hören sie Geschichten, malen, basteln und schauen Bücher an. Die Familie lebt für einige Wochen in einer kleinen Welt aus Boot, Wasser und sich selbst.
„Du bist in deiner ganz eigenen Welt. Die besteht aus dem Boot, aus deiner Familie und aus dem Wasser um dich herum – und sonst gibt es nichts.“
Seekrankheit: Die ersten Tage sind die härtesten
Das romantische Bild der Ozeanüberfahrt hat eine ziemlich unromantische Rückseite. Auf dem Weg von der Osterinsel nach Chile sitzt Riki anderthalb Tage hinten an der Reling, während ihre Kinder ausgerechnet in der stark bewegten Bugkabine Verstecken spielen.
Sie weiß aus Erfahrung, dass es ihr vor allem in den ersten 48 Stunden schlecht geht. Danach gewöhnt sich ihr Körper meist an die Bewegung. Genau deshalb findet sie längere Überfahrten angenehmer: Auf zwei harte Tage folgen noch viele gute.
Was ihr persönlich hilft, ist auf einem Ohr Musik oder eine Geschichte zu hören. Außerdem achtet die Familie zu Beginn einer Passage auf leichtes Essen und verzichtet unter anderem auf Kaffee und schwer verdauliche Mahlzeiten. Das sind persönliche Erfahrungen und kein medizinischer Rat – bei starker oder anhaltender Seekrankheit gehört professionelle Beratung dazu.
So könnt ihr als Familie ins Segeln hineinschnuppern
Probiert unterschiedliche Boote und Crews aus, statt euch früh auf ein bestimmtes Konzept festzulegen. In Revieren mit kurzen Tagesetappen, sicheren Ankerplätzen und vielen Marinas – etwa im Mittelmeer – lässt sich der Bordalltag schrittweise kennenlernen. Kauft Ausrüstung erst, wenn ihr nach einigen Monaten an Bord wirklich wisst, was ihr braucht. Und wenn euch beim Bootskauf Erfahrung fehlt, nehmt eine sachkundige Person oder einen Gutachter mit.
Delfine, Pinguine und ein Pottwal auf Augenhöhe
Patagonien bedeutet Pinguine, Albatrosse und zahlreiche Vögel. Delfine lösen selbst nach vielen Begegnungen noch Begeisterung aus: Inzwischen stehen drei Mädchen kreischend an der Reling, sobald sie auftauchen.
Eine Begegnung bleibt besonders. Zwischen den Kanaren und den Kapverden schwimmt ein Pottwal auf das kleine Neun-Meter-Boot zu. Er ist ungefähr so lang wie das Boot, kommt bis auf wenige Zentimeter heran, dreht sich auf die Seite und schaut zu Riki hinauf. Dann taucht er hinter dem Boot ab und verschwindet.
Zu den prägenden Erinnerungen gehören aber nicht nur Tiere. In Gambia wird die Familie Teil des Dorflebens und schließt Freundschaften. Eine junge Frau unterstützen sie über ihren Blog bei Schulausbildung und Studium. Laut Riki und Martin schließt sie ihr Studium als Landesbeste Gambias ab und arbeitet später als Lehrerin. Der Kontakt besteht weiterhin.
Wie finanziert man ein Leben auf dem Segelboot?
Vor der Abfahrt sparen Riki und Martin ein Polster an und halten ihre laufenden Kosten niedrig. Einen Teil ihres Einkommens erzielen sie über den Blog. Riki ist Maßschneiderin und übernimmt unterwegs auch Näharbeiten an Segeln und anderen Bootsteilen.
Im Gespräch beziffern sie ihre durchschnittlichen Ausgaben als vierköpfige Familie auf ungefähr 1.500 Euro pro Monat. Darin enthalten seien Lebensmittel, Versicherungen sowie Wartung und Kosten des Bootes. Zu zweit auf dem kleinen 30-Fuß-Boot kamen sie nach eigener Aussage mit etwa 600 Euro monatlich aus.
Diese Zahlen sind Momentaufnahmen aus ihrem individuellen Leben, keine allgemeine Kalkulation für eine Weltumsegelung. Bootsgröße, Reparaturen, Technik, Revier und Liegeplätze verändern das Budget erheblich. Riki und Martin sparen vor allem, weil sie fast immer ankern und nur sehr selten in einer Marina liegen.
Mit 1.200 Litern Wassertank, einem Wassermacher, Solarpaneelen und einer großen Batteriebank können sie lange autark bleiben. Einkaufen und Diesel bunkern müssen sie natürlich weiterhin.
„Das Geheimnis ist eigentlich nicht, viel Geld zu verdienen, sondern wenig Geld auszugeben.“
Wenn das Traumboot plötzlich ein Loch hat
Auch viel Segelerfahrung verhindert nicht jede böse Überraschung. Beim Kauf wissen Riki und Martin, dass ihr heutiges Boot einen Hurrikanschaden hatte. Sie gehen davon aus, dass dieser professionell repariert wurde.
Als sie in Guatemala das Unterwasserschiff sandstrahlen lassen, lösen sich jedoch alte Reparaturen. Am Ende klafft in der Seitenwand ein Loch von ungefähr einem Meter Länge und einem halben Meter Höhe.
Verzweifeln hilft nicht. Gemeinsam mit einem Arbeiter der Werft reparieren sie den Schaden. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, warum fachkundige Begleitung beim Bootskauf sinnvoll sein kann. Je weniger eigene Erfahrung vorhanden ist, desto wichtiger wird jemand, der Schwachstellen erkennt und einordnen kann. Vollständige Sicherheit gibt allerdings auch ein Gutachten nicht.
Das Boot ist für die Kinder kein Abenteuer, sondern Zuhause
Kira und Naya kennen kein anderes dauerhaftes Zuhause. Beide wurden in Deutschland geboren, kehrten danach aber jeweils mit ihren Eltern aufs Boot zurück. Als Riki gelegentlich von einem Häuschen mit Garten spricht, reagieren die anderen drei wenig begeistert. Eines der Kinder fragt sogar, ob Mama dann auszieht.
Das Meer ist für sie nicht der Gegenentwurf zum normalen Leben. Es ist normal. Das Boot ist der vertraute Ort, an den sie nach einem Ausflug zurückwollen und an dem sie sich sicher fühlen.
Vielleicht ändert sich das irgendwann, sagen Riki und Martin selbst. Im Moment aber möchten die Kinder ihr Bootsleben gegen kein anderes eintauschen.
Einfach anfangen – und den eigenen Weg finden
Wer als Familie vom Segeln träumt, muss laut Riki und Martin weder sofort das perfekte Boot besitzen noch jedes technische Gerät einbauen. Im Gegenteil: Mit wenig starten, Erfahrungen sammeln und erst dann entscheiden, was wirklich fehlt.
Sie selbst haben in sieben Jahren mehrere Boote gesegelt und dabei jedes Mal etwas darüber gelernt, was zu ihnen passt. Das erste Boot muss deshalb nicht das letzte sein. Wichtig ist, loszufahren, ohne Risiken kleinzureden – aber auch ohne aus jeder Unsicherheit einen Grund zu machen, niemals zu beginnen.
„Es gibt kein richtig oder falsch, sondern jeder findet seinen eigenen Weg.“
Riki und Martin findet ihr auf ihrem Ahoi-Blog und auf Instagram unter @ahoi.blog.