Podcast-Interview ·

Zwei Jahre Namibia – und dann Open-End-Weltreise mit zwei Jugendlichen

Acht Wochen. So viel Zeit hatten Mirja, Olaf, Joko und Yoshio, um ihr Leben bei Hamburg zusammenzupacken und nach Namibia zu ziehen. Eigentlich hatte die Familie von Amerika geträumt. Dann wurde aus einer neugierigen Anfrage an eine Waldorfschule in Afrika ein konkretes Stellenangebot – und aus einem Land, das niemand von ihnen zuvor besucht hatte, ihr Herzensland.

Zwei Jahre lebten und arbeiteten sie dort. Zurück in Deutschland merkten alle vier ziemlich schnell, dass das alte Leben nicht mehr richtig passte. 2023 verkauften sie ihr Reihenhaus, lösten fast ihren gesamten Haushalt auf und starteten mit ihren damals 15 und 17 Jahre alten Kindern auf eine Open-End-Weltreise.

In dieser Folge des NomadKids Podcasts sprechen wir mit der Worldloverfamily über das Ankommen in Namibia, den schwierigen Neustart in Deutschland, Schule ohne Klassenzimmer, Freundschaften unterwegs und die Frage, warum weniger Besitz für sie vor allem eines bedeutet: mehr Lebenszeit.

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Von Florida nach Namibia – weil plötzlich eine andere Tür aufging

Der ursprüngliche Plan führte in die USA. Olaf und Mirja hatten sich an einer Waldorfschule in Florida beworben und sogar eine Jobzusage erhalten. Doch die Visafragen zogen sich fast zwei Jahre hin.

Nebenbei entdeckte Olaf in einer Waldorf-Zeitschrift eine Stelle in Namibia. Ihn interessierte zunächst nur, wie Waldorfpädagogik in einem afrikanischen Land funktioniert. Aus dem ersten Kontakt entstand jedoch schnell gegenseitiges Interesse, und die Schule bot schließlich beiden Eltern eine Stelle an.

Bevor die Familie zusagte, flog Olaf im Oktober 2016 für eine Woche nach Namibia. Zurück zu Hause berichtete er, zeigte Fotos und dann stimmten alle vier auf kleinen Zetteln ab. Das Ergebnis war einstimmig: machen.

Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: Das Schuljahr begann in Namibia nicht im August, sondern im Januar. Die Familie musste innerhalb von acht Wochen vor Ort sein. Also wurde aus langwierigen Amerika-Plänen ein ziemlich spontaner Umzug nach Afrika.

Zwei Jahre leben und arbeiten im Herzensland

Der Einstieg fiel leichter als erwartet. Die Waldorfschule war für die Familie etwas Vertrautes in einer völlig neuen Umgebung. Gleichzeitig brachte sie der Arbeitsalltag sofort mit Menschen aus Namibia, Botswana, Südafrika, Deutschland und anderen Ländern zusammen. Sie waren nicht als Touristen am Rand, sondern von Anfang an Teil einer internationalen Gemeinschaft.

Für Joko und Yoshio war die neue Schule zunächst ein Kultursprung. Die Klassen waren lauter, die Mitschülerinnen und Mitschüler kamen aus vielen unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und Feste spielten eine größere Rolle. Was anfangs ungewohnt war, wurde schnell normal.

Und dann war da natürlich die Natur: draußen sein, Tiere erleben und einen Alltag führen, in dem tatsächlich einmal ein Elefant über die Straße laufen kann, während auf der anderen Seite eine Giraffe auftaucht.

Afrika ist schon gerade als Familie etwas Besonderes, weil es so einen Spirit hat. Der verbindet noch einmal ganz stark und macht ganz viel mit allen.

So schön das Leben dort war, so untragbar wurden die Arbeitsbedingungen. Olaf berichtet von Wochen mit bis zu knapp 90 Arbeitsstunden. Gemeinsam verdienten die Eltern nach seiner Aussage 900 Euro im Monat – bei Lebenshaltungskosten, die ungefähr auf deutschem Niveau lagen. Vieles musste aus Ersparnissen bezahlt werden.

Nach zwei Jahren zog die Familie die Reißleine. Nicht, weil die Arbeit oder Namibia ihnen nichts mehr bedeuteten, sondern weil Belastung und Einkommen auf Dauer nicht zusammenpassten. Sie wollten außerdem wieder mehr für ihre Kinder da sein.

Zurück in Deutschland – aber innerlich noch in Afrika

Die Rückkehr in den Hamburger Alltag war für alle schwierig. Wetter, Natur, Leichtigkeit und das afrikanische Lebensgefühl fehlten. Gleichzeitig wirkte in Deutschland vieles unverändert, obwohl die Familie selbst in zweieinhalb Jahren so viele neue Eindrücke gesammelt hatte.

Joko erzählt im Gespräch, wie wenig die Themen ihrer früheren Klasse noch zu ihren eigenen passten. Yoshio kam mit seinen Freunden leichter wieder zusammen, empfand den Schulalltag aber ebenfalls zunehmend als unpassend. Auch Olaf und Mirja fanden nicht mehr richtig in das Leben zurück, das vorher selbstverständlich gewesen war.

Zunächst sollte eine zweimonatige Erholungspause in Thailand helfen. Daraus wurden am Ende sechs Monate durch Thailand, Vietnam und China. Selbst ein scheinbar fester Termin für Jokos Zahnspange verlor unterwegs seine Dringlichkeit. Die Familie lernte, Vorgaben noch einmal zu hinterfragen und nicht jeden Plan für unverrückbar zu halten.

2022 kehrten sie für sechs Wochen nach Namibia zurück. Dort wurde aus dem diffusen Wunsch, wieder länger unterwegs zu sein, eine konkrete Frage: Warum eigentlich immer nur für ein paar Wochen losziehen?

Haus verkaufen und Ballast abgeben

Schritt für Schritt prüften sie, was möglich wäre, wenn sie ihr Reihenhaus verkaufen. Dass an diesem Ort viele Erinnerungen hingen, war den Eltern bewusst. Für die Kinder war die Sache trotzdem erstaunlich klar.

Die Erinnerung bleibt ja, auch wenn das Haus verkauft ist.

Auf einer Pro-und-Contra-Liste füllten die Gründe fürs Auswandern gefühlt ein ganzes Buch. Auf der anderen Seite standen vor allem Oma und Opa, einige gute Freunde und persönliche Dinge. Am Haus selbst hielt niemand fest.

Zwei Tage nach dem Auszug flog die Familie los. Schon da fühlte sich das Haus weit entfernt an. Fast alles zu verkaufen oder zu verschenken war für sie nicht nur Abschied, sondern Befreiung. In Namibia hatten sie bereits gemerkt, wie wenig sie tatsächlich brauchen – auch wenn von den acht damaligen Koffern immerhin vier mit Lego gefüllt waren ;)

Olaf beschreibt Besitz im Interview nicht nur als finanzielle, sondern auch als zeitliche Verpflichtung. Dinge müssen sortiert, gepflegt und repariert werden. Ein Haus, ein Auto und ein voller Haushalt binden Aufmerksamkeit. Unterwegs spart die Familie genau diese Zeit ein.

Die Sachen besitzen dich dann irgendwann auch ein Stück weit.

Ganz ohne Unsicherheit ging der Schritt natürlich nicht. Vor allem finanziell blieb die Frage, ob ihre Online-Projekte tragen würden. Trotzdem überwog nach eigener Einschätzung zu 99 Prozent die Befreiung: keine Immobilie, kein Arbeitgeber und kein Auto bestimmten mehr, wo sie am nächsten Tag sein mussten.

Open End heißt nicht: jeden zweiten Tag weiter

Ihre Weltreise begann auf Bali und den Gili-Inseln. Es folgten Singapur, Thailand, Vietnam, Nepal, Neuseeland, die USA und Kanada – mit mehreren Rückkehrstopps in Thailand. Nicht alles lag auf einer perfekten Route. Wichtiger war, was gerade zur Familie passte.

Bali wählten sie unter anderem, weil alle surfen lernen wollten. Thailand wurde zu einem Ort, an den sie gerne zurückkehren, um zu arbeiten und zur Ruhe zu kommen. Bangkok mögen sie so sehr, dass Joko und Yoshio sich dort nach eigener Aussage besser orientieren können als in Hamburg.

Obwohl die vier viel gesehen haben, verstehen sie sich als Slow Traveler. Vier oder fünf Wochen im selben Haus gehören genauso zur Reise wie Roadtrips durch Neuseeland oder Nordamerika. Diese Pausen helfen ihnen, neue Energie zu sammeln und Reisemüdigkeit zu vermeiden.

Ein festes Ende oder eine neue Base war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht geplant. Der nächste große Wunsch stand allerdings fest: Zu Jokos 18. Geburtstag sollte es zurück nach Namibia gehen – trotz der umständlichen Flugroute von Vancouver über Thailand und weiter über Dubai und Johannesburg.

Freilernen, Reisen und ein Highschool-Abschluss

Mit Beginn der Weltreise verließen Joko nach der zehnten und Yoshio nach der achten Klasse ihre Waldorfschule. Zuerst machten beide ganz bewusst eine Pause. Nach Jahren in einem festen Schulsystem brauchten sie einen klaren Schnitt.

Lernen hörte damit natürlich nicht auf. Fremdsprachen, Währungen, Geschichte, Geografie und kulturelle Unterschiede begegnen ihnen unterwegs jeden Tag. Ursprünglich wollten sie sich zusätzlich auf ein externes Abitur vorbereiten. Doch die Familie suchte weiter nach einem Weg, der stärker zu eigenverantwortlichem Lernen passt.

Gefunden haben sie das Off-Campus-Programm der Clonlara School, einer Highschool im US-Bundesstaat Michigan. Dort sammeln die Jugendlichen Credits über Pflichtbereiche und selbst gewählte Projekte. Ein Lernmentor begleitet sie, klassischen Unterricht gibt es nicht.

Joko kann ihre Interessen an Journalismus, Büchern und Schreiben einbringen. Yoshio beschäftigt sich unter anderem mit Programmieren. Am Ende steht ein US-amerikanischer Highschool-Abschluss. Die Familie weist im Gespräch ausdrücklich darauf hin, dass dessen Anerkennung für ein Studium je nach Land unterschiedlich ist und in Deutschland schwieriger sein kann.

Für beide zusammen kostete das erste Jahr zum Zeitpunkt der Aufnahme rund 3.200 Euro. Solche Preise und Anerkennungsfragen können sich ändern – Familien sollten die aktuellen Bedingungen deshalb direkt beim Anbieter und bei den zuständigen Stellen prüfen.

Alternativen zur Schule immer individuell prüfen

Ein Bildungsweg, der zu einer dauerhaft reisenden und in Deutschland abgemeldeten Familie passt, lässt sich nicht automatisch auf jede andere Familie übertragen. Klärt vorab Schulpflicht, Wohnsitz, Abschlussanerkennung und Studienzugang für eure konkrete Situation. Das Gespräch zeigt eine persönliche Erfahrung, keine allgemeine Rechts- oder Bildungsberatung.

Freundschaften brauchen keinen gemeinsamen Stundenplan

Eine der häufigsten Sorgen beim Reisen mit Jugendlichen lautet: Fehlen ihnen dauerhafte soziale Kontakte?

Joko und Yoshio erleben es anders. Sie begegnen unterwegs Einheimischen und anderen Reisenden in ganz verschiedenen Altersgruppen. Gleichzeitig bleiben alte Freundschaften über Nachrichten, Telefonate und Online-Gaming bestehen.

Gerade die Mischung empfinden beide als wertvoll. Nicht alle Freunde sind immer am selben Ort. Manche treffen sie später wieder, andere begleiten sie digital. Joko erzählt, dass auf Reisen Freundschaften mit Zwölf- ebenso wie mit Zwanzigjährigen entstehen – Kontakte, die es in einer nach Alter sortierten Schulklasse kaum gäbe.

Man spricht mit ganz vielen Leuten hier unterwegs, die in unserer Altersklasse sind, die älter sind, die jünger sind – was ja auch an sich völlig egal ist, weil man mit allen befreundet sein kann.

Auch Rückzug funktioniert für die vier weniger über eigene Zimmer als über Absprachen. Wenn Joko einen Schreibkurs hat, gehen die anderen raus. Im Camper oder in einer Unterkunft kann jeder spazieren gehen oder sich einen eigenen Platz suchen. Mal wohnen alle in einem kleinen Strandbungalow mit zusätzlicher Matratze auf dem Boden, mal haben sie zwei Schlafzimmer auf zwei Ebenen.

Entscheidend ist für sie nicht die Zahl der Quadratmeter, sondern wie gut sie miteinander kommunizieren.

Nepal: morgens mit Taschenlampen ins Himalaya

Eines der eindrücklichsten Reiseerlebnisse war eine mehrtägige Wanderung in Nepal. Die Familie entschied sich für den Poon-Hill-Trek, weil sie noch nicht wusste, wie alle mit Höhe, Kälte und Belastung umgehen würden.

Mit einem Guide und zwei Portern wanderten sie von Teahouse zu Teahouse. Die Unterkünfte waren einfach und sauber, die Zimmer unbeheizt. Nachts wurde die Kälte trotz geliehener Schlafsäcke deutlich spürbar.

Für den Sonnenaufgang starteten sie gegen fünf Uhr morgens im Dunkeln. Yoshio fühlte sich nicht gut und kehrte mit Mirja um. Joko und Olaf gingen weiter und standen schließlich mit Tee in der Hand auf dem Gipfel, umgeben von den deutlich höheren Bergen des Himalaya.

Gerade diese Entscheidung gehört zu ehrlichem Familienreisen dazu: Nicht jedes Erlebnis müssen immer alle vier gemeinsam bis zum Ende durchziehen. Aufeinander achten ist wichtiger als ein vollständiges Gruppenfoto am Gipfel.

Reisen finanzieren, ohne den Hausverkauf einfach aufzubrauchen

Die Reise ruht auf mehreren finanziellen Säulen. Olaf erhielt zum Zeitpunkt des Gesprächs noch einen monatlichen Betrag von seinem früheren Arbeitgeber. Daneben betreibt er mit ShaolinFLOW ein Online-Angebot, das Shaolin Kung Fu, Tai-Chi und Qi Gong verbindet.

Gemeinsam arbeitete die Familie außerdem an „School Surfers“, einem zeit- und ortsunabhängigen Lernangebot für reisende Kinder. Das Geld aus dem Hausverkauf sollte möglichst als Rücklage erhalten bleiben. Für die vergleichsweise teuren Etappen in Neuseeland, den USA und Kanada nutzten sie bewusst einen Teil davon.

Das ist kein fertiges Erfolgsmodell, das im Podcast schöner dargestellt wird, als es ist. Olaf und Mirja sagen offen, dass vieles noch im Aufbau ist und sie hoffen, dass die Projekte künftig genug zum Leben einbringen. Genau diese Ehrlichkeit macht ihren Weg glaubwürdig: Freiheit bedeutet nicht, dass finanzielle Fragen verschwinden. Sie werden nur anders organisiert.

So viele Möglichkeiten wie Sterne am Himmel

Namibia bleibt der rote Faden in der Geschichte der Worldloverfamily. Dort begann ihr Leben außerhalb vertrauter Bahnen. Dorthin wollten sie für Jokos 18. Geburtstag zurück. Und dort entstand auch das Bild, das Olaf am Ende der Folge allen mitgibt.

Unter dem außergewöhnlich klaren Sternenhimmel Namibias dachte er über all die Hindernisse nach, die großen Veränderungen scheinbar im Weg stehen. Sein Gegenbild: Es gibt nicht nur einen richtigen Weg.

Es gibt immer so viele Möglichkeiten und Wege, wie Sterne am Himmel stehen.

Wenn eine Möglichkeit nicht passt, kann eine andere funktionieren. Das muss weder Hausverkauf noch Weltreise bedeuten. Für die vier hieß es genau das. Für eine andere Familie kann es ein kleinerer Schritt sein.

Wichtig ist, Träume nicht nur irgendwann haben zu wollen, sondern tatsächlich an ihnen zu arbeiten. Oder, wie Olaf es zum Abschluss formuliert: an die eigene Vision glauben, sie umsetzen, darauf hinarbeiten – und los geht’s.

Die Familie findet ihr auf Instagram unter @worldloverfamily. Weitere Einblicke teilen sie in ihrem eigenen Podcast und auf ihrer Website worldloverfamily.de.

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