Podcast-Interview ·

Plötzlich schwanger auf Weltreise – und als Familie in Uruguay angekommen

Ein positiver Schwangerschaftstest irgendwo in einem kalifornischen Wald. Kein Badezimmer, kein festes Zuhause, dafür ein Auto, in dem Steffi und ihr Partner lebten – und in der Nähe eine Elchherde mit Jungtieren. Als Steffi zum Auto zurückkam, sagte sie nur: „Wir sind jetzt zu dritt im Auto.“

Es ist einer dieser Momente, die man sich vorher nicht ausdenken könnte. Und doch passt er ziemlich gut zu Steffis Lebensweg. Sie hatte Deutschland hinter sich gelassen, ihren späteren Mann beim Backpacking in Indonesien kennengelernt und war mit ihm weiter in die USA gereist. Die Schwangerschaft bedeutete für sie nicht das Ende dieses Lebens. Aber sie veränderte die Fragen, die plötzlich beantwortet werden mussten.

In Folge 13 des NomadKids Podcasts sprechen wir mit Steffi darüber, warum sie überhaupt allein loszog, wie sie während der Pandemie über Brasilien nach Uruguay kam, wie sie Schwangerschaft und Geburt dort erlebte und weshalb Uruguay heute das Zuhause ihrer Familie ist – auch wenn der endgültige Ort innerhalb des Landes noch nicht gefunden ist.

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Eine spontane Idee am Bahnhof verändert alles

Steffis erste Backpacking-Reise begann nicht mit einem jahrelang gepflegten Plan. Auf dem Weg zur Arbeit fragte sie sich, was sie in ihrem Leben noch nie gemacht hatte. Allein mit dem Rucksack reisen? Noch nie. Asien? Auch noch nicht.

Ihr damaliger Partner unterstützte die Idee. Steffi bekam unbezahlten Urlaub und flog 2016 los. Sie hatte zu Hause ein ziemlich klassisches, abgesichertes Leben: einen unbefristeten Arbeitsvertrag, eine langjährige Beziehung, eine gemeinsame Wohnung und sogar den Gedanken, später Kinder zu bekommen.

Dann traf sie unterwegs auf ein Leben, das zu ihrer Rastlosigkeit passte. Neue Orte, neue Menschen, kein genaues Wissen darüber, was morgen passieren würde. Als selbst beschriebenes „Rudeltier“ hatte sie zunächst Angst vor dem Alleinsein. Stattdessen lernte sie, wie leicht Soloreisende miteinander in Kontakt kommen.

„Du bist einfach nirgendwo auf der Welt alleine. Du findest immer Leute.“

Nach der ersten Reise dachte sie täglich an Asien und ans Backpacking. Eine zweite Reise machte den inneren Konflikt nur deutlicher: Das frühere Leben war nicht schlecht, aber es passte nicht mehr. Ende 2019 beziehungsweise Anfang 2020 ging Steffi schließlich ein drittes Mal los – diesmal ohne Wohnung und ohne Rückkehrdatum. Fast ein Jahr reiste sie allein, bevor sie in Indonesien ihren heutigen Mann kennenlernte.

Seit ihrer Begegnung waren die beiden, wie Steffi im Gespräch erzählt, bis auf eine Nacht jeden Tag zusammen.

Schwanger im kalifornischen Wald

Gemeinsam reisten Steffi und ihr Mann in die USA. In Kalifornien arbeiteten sie auf Marihuana-Plantagen, lebten im Auto und wechselten zwischen verschiedenen Farmen. Dort machte Steffi den Schwangerschaftstest, während sie gleichzeitig darauf achtete, den Elchen mit Nachwuchs nicht zu nahe zu kommen.

Der positive Test brachte keine grundsätzliche Angst vor dem Reisen mit Kind. Steffi hatte nie das Gefühl, nun müsse sie zurück nach Deutschland und ihr bisheriges Leben gegen einen festen Radius als Hausfrau und Mutter eintauschen.

„Ich habe nie gedacht: Wir kriegen jetzt ein Kind und jetzt können wir nicht mehr reisen. Sondern ich hatte eher so das Gefühl: Jetzt beginnt eine ganz neue Reise.“

Ihr Mann konnte sich Deutschland wegen der medizinischen Versorgung zeitweise besser vorstellen. Die letzte Entscheidung überließ er Steffi und versprach, ihren Weg mitzugehen. Für sie war klar: Sie wollte unterwegs bleiben.

Ganz folgenlos blieb die Schwangerschaft für ihre Entscheidungen trotzdem nicht. Das US-Visum lief aus. Vorher hatten die beiden überlegt, es zu überziehen und später über Mexiko auszureisen. Mit Baby im Bauch fühlte sich das nicht mehr verantwortbar an. Sie beendeten ihre Farmjobs früher, verdienten noch etwas Geld und machten sich auf den Weg nach Brasilien.

Freiheit bedeutete von diesem Moment an nicht mehr, jedes Risiko einfach hinzunehmen. Sie bedeutete, bewusst zu entscheiden, welches Risiko sie als werdende Eltern noch tragen wollten.

Vorsorge zwischen Kalifornien, Brasilien und Uruguay

Den ersten medizinischen Check versuchte Steffi noch in Kalifornien zu bekommen. Für einen Ultraschall war es zu früh. Eine Ärztin fing ihre Enttäuschung auf und sprach ihr Mut zu – eine Begegnung, die Steffi bis heute als besonders herzlich in Erinnerung hat.

Den ersten Ultraschall bekam sie schließlich in Brasilien. Der Arzt sprach Portugiesisch, ihr Mann versuchte mit Spanisch und einigen Portugiesischkenntnissen zu folgen. Steffi selbst schaute vor allem auf den Bildschirm. In Uruguay erfuhr das Paar später das Geschlecht des Kindes.

Die Untersuchungen in Kalifornien und Brasilien bezahlten sie privat. In Uruguay war Steffi zunächst über ihren uruguayischen Mann und später selbst krankenversichert. Sie betont im Gespräch, dass sie sich bei der Vorsorge gut aufgehoben fühlte. Wichtig war ihr vor allem der Satz „todo bien“ – alles gut.

Das ist Steffis persönliche Erfahrung, keine allgemeine Bewertung medizinischer Systeme. Wie gut Versorgung, Versicherung und Kosten passen, hängt immer vom Land, der konkreten Einrichtung und der individuellen Situation ab.

Schwangerschaft auf Reisen braucht einen neuen Sicherheitsrahmen

Steffis Geschichte zeigt keine fertige Checkliste, aber eine wichtige Haltung: Einreisebedingungen, Aufenthaltsstatus, Krankenversicherung und medizinische Versorgung frühzeitig klären – und frühere Pläne neu bewerten, sobald sich die Situation verändert. Aktuelle, offizielle Reise- und Gesundheitshinweise gehören dabei immer zur Vorbereitung.

Der komplizierte Weg nach Uruguay

Uruguay war nicht von Anfang an das feste Ziel. Zunächst reisten die beiden nach Brasilien. Während der Corona-Pandemie durften zeitweise nur Einheimische nach Uruguay einreisen. Steffis Mann durfte als Uruguayer zurück, sie selbst jedoch zunächst nicht.

Das Paar versuchte, in Brasilien zu heiraten, lief von Behörde zu Behörde und kam nicht weiter. Über mehrere Ecken entstand Kontakt zur Leitung der uruguayischen Einwanderungsbehörde. Parallel überlegten sie aus Verzweiflung auch inoffizielle Wege über die Grenze. Ein Kontakt, der sie durchwinken wollte, zog seine Zusage zurück, als die beiden schon im Bus Richtung Grenze saßen. Sie stiegen aus und fuhren nach Florianópolis, um sich neu zu sortieren.

Zeitweise stand sogar der Plan im Raum, nachts am Strand nach Uruguay zu laufen und das Gepäck von einem Freund über die Grenze bringen zu lassen. Dazu kam es nicht: Schließlich erhielten sie die offizielle Erlaubnis, gemeinsam regulär einzureisen.

Diese Passage ist keine romantische Abenteuergeschichte und erst recht keine Empfehlung für irreguläre Grenzübertritte. Sie zeigt, wie groß der Druck in einer Ausnahmesituation war: Steffi war schwanger, Grenzen waren geschlossen und die beiden wollten dorthin, wo ihr Mann Familie, Sprache und Heimvorteil hatte.

Eine Geburt, bei der Steffi Grenzen setzen musste

Die erste Geburt in Uruguay beschreibt Steffi sehr offen als traumatisch. Ihr Sohn lag in Steißlage. Das Krankenhaus bot keine vaginale Steißgeburt an; eine Hausgeburt mit einer entsprechend erfahrenen Hebamme war Steffi zu riskant. Also entschied sie sich für einen Kaiserschnitt.

Gleichzeitig wehrte sich das Paar gegen einen sehr frühen Termin. Laut Steffis Schilderung wollte die Klinik den Eingriff bereits rund drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin planen. Sie bestand darauf, die Wehen abzuwarten, unterschrieb dafür eine Erklärung und ging erst dann ins Krankenhaus.

Beim Kaiserschnitt wirkte die Narkose nach ihrem Empfinden nicht richtig. Sie hatte starke Schmerzen und fühlte sich vom medizinischen Personal nicht ernst genommen. Sechs Stunden nach der Geburt sollte die Familie das Krankenhaus verlassen. Steffi blieb schließlich zwei Nächte, bevor sie nach Hause ging. Die Geburt ihres zweiten Kindes verlief später deutlich besser.

Hier wird besonders deutlich, dass Auswandern nicht automatisch bedeutet, sich mit allem arrangieren zu müssen. Steffi und ihr Mann informierten sich, widersprachen und trafen innerhalb schwieriger Rahmenbedingungen ihre eigene Entscheidung. Gleichzeitig verschweigt sie nicht, wie belastend das Erlebnis war.

Alltag in Uruguay: weniger Geld, mehr Spielraum

Heute lebt Steffi mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern in Uruguay. Ihr Alltag ist nicht völlig frei von Stress – das sagt sie selbst sehr klar. Aber der Rahmen ist weniger getaktet als das Leben, das sie für sich in Deutschland erwartet hätte.

Morgens plant die Familie gemeinsam: Wer übernimmt wann die Kinder? Was steht im Haus, Garten oder Gewächshaus an? Wie heiß wird es? Gibt es ein Online-Meeting? Ihr Mann arbeitet viel rund ums Zuhause. Er hackt Holz und kümmert sich um das Gewächshaus, wodurch die Familie weniger einkaufen muss. Steffi arbeitet als freie Mitarbeiterin für eine deutsche NGO, je nach Projekt meist zwei bis vier Stunden am Tag.

Die Familie lebt bewusst minimalistisch, kauft nur wenig und möglichst gebraucht. Dadurch bleiben die Kosten niedriger. Steffi stellt aber ausdrücklich klar: Uruguay ist für südamerikanische Verhältnisse teuer, und viele Menschen dort arbeiten in einem ganz normalen 9-to-5-Alltag. Die Freiheit ihrer Familie ist kein landesweiter Standard, sondern das Ergebnis ihres Lebensmodells.

„Wir wollen jeden Tag ganz viel tun für uns als Familie, aber wir wollen nicht mehr beide Vollzeit arbeiten.“

Ihr Mann wollte von Anfang an viel Zeit mit den Kindern verbringen. Das organisieren sie selbst, denn eine mit Deutschland vergleichbare Elternzeit gibt es nach Steffis Schilderung in Uruguay nicht. Dass dieses Modell bisher funktioniert, verdanken sie der Kombination aus wenig Konsum, Eigenarbeit und flexibel einteilbarer Online-Arbeit.

Ein kleines Rudel statt starrer Wochenpläne

Der ältere Sohn war zum Zeitpunkt des Gesprächs dreieinhalb Jahre alt und ging in Uruguay noch nicht in den Kindergarten; die Tochter war gerade ein Jahr alt geworden. Eine Eingewöhnung hatte zunächst nicht funktioniert. Danach standen Reisen nach Brasilien und Deutschland sowie ein weiterer Umzug bevor, sodass die Familie keinen neuen Versuch zwischen zwei Aufbrüchen erzwingen wollte.

Stattdessen verabredeten sie sich mit befreundeten Familien, deren Kinder ebenfalls vorübergehend keinen Kindergarten besuchten. Strand, gemeinsame Ausflüge und tägliche Treffen wurden zum privaten „Kindergarten“ – Steffis kleines Rudel aus kleinen Menschen.

Das passt zu ihr. Schon auf ihren Soloreisen waren soziale Kontakte ihre Kraftquelle. Auch als Mutter braucht sie Menschen, aber ebenso kleine Rückzugsmomente für Yoga, Meditation, Lesen oder Schreiben. Zwischen diesen Polen sucht sie heute neu danach, wer sie neben dem Muttersein ist.

Drei Sprachen in einer Familie

Zu Hause spricht Steffi Deutsch mit den Kindern, ihr Mann Spanisch. Als Paar sprechen beide Englisch, weil Steffis Spanisch für komplexe Gespräche noch nicht ausreicht. So wachsen die Kinder mit drei Sprachen auf.

Der Sohn sprach zum Zeitpunkt der Aufnahme fließend Deutsch und Spanisch. Englisch sprach er noch nicht, verstand es nach Steffis Beobachtung aber. Als ehemalige Sprachtherapeutin hatte sie beruflich viel mit mehrsprachigen Kindern zu tun. Ihr Fazit ist angenehm unaufgeregt: Mehrsprachigkeit ist in vielen Teilen der Welt normal, und Kinder können mehrere Sprachen ganz selbstverständlich erwerben.

Auch hier erzählt Steffi von ihrer Familie und ihrer fachlichen Erfahrung, nicht von einem starren Rezept für alle. Bei individuellen Fragen zur Sprachentwicklung gehört professionelle Beratung dazu.

Heimat ist ein Land – noch nicht der endgültige Ort

Lange blieb offen, ob die Familie dauerhaft in Uruguay, Brasilien oder vielleicht Indonesien leben würde. Mittlerweile ist die Entscheidung für das Land gefallen.

„Uruguay ist das Land, wo wir sein werden. Aber den festen Ort dort haben wir nicht gefunden.“

Der bisherige Wohnort ist ihnen zu städtisch. Steffi und ihr Mann wünschen sich ein größeres Grundstück, Tiere, Natur, Gemeinschaft und alternative Lernmöglichkeiten für die Kinder. Deshalb soll innerhalb Uruguays noch einmal ein Umzug folgen.

Gleichzeitig romantisiert sie das Ankommen nicht. In einem Restaurant sagte sie einmal zu ihrem Mann, dass sie sich manchmal überhaupt nicht zugehörig fühle. Seine Antwort: Ihm gehe es ähnlich. Obwohl er aus Uruguay stammt, hatte auch ihn das lange Reisen verändert.

Was sie an Uruguay bindet, ist deshalb weniger ein perfektes Zugehörigkeitsgefühl. Es sind die kinderfreundlichen Menschen, das Meer, der geringere Alltagsstress und die Möglichkeit, als Familie ein selbstbestimmteres Leben aufzubauen.

Was von dieser Reise bleibt

Steffi begann ihre ersten Reisegeschichten 2016 aufzuschreiben, weil sie nichts vergessen wollte. Aus zunächst rund 90 Seiten für einen Travel Buddy entstand später ihr Buch „Saya Mau Lagi – Vom Lebenskonzept Fernsucht“. Darin geht es um ihre ersten Solo-Trips, um Höhepunkte und Katastrophen, Sicherheit, Zufall und die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen verschiedener Herkunft.

Ihre Geschichte ist kein Plädoyer dafür, ohne Absicherung schwanger durch die Welt zu ziehen. Sie ist auch keine Behauptung, dass in Uruguay alles leichter wäre. Sie handelt davon, Entscheidungen immer wieder an ein verändertes Leben anzupassen, ohne dabei die eigene Richtung aus den Augen zu verlieren.

Als Mitbringsel für die Folge teilt Steffi einen Satz, der ihre Entscheidungen ziemlich gut zusammenfasst:

„Tu, was dein Herz sagt, weil es schlug schon, bevor du denken konntest.“

Mehr von Steffi findet ihr auf Instagram unter @leaflove.earth und auf ihrer Website leaflove.earth.

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