Podcast-Interview ·

Fünf Jahre im Wohnmobil mit Kindern: Wie Vanlife als Familie wirklich funktioniert

Ein Haus bauen, Karriere machen, jeden Morgen in denselben Alltag starten: Jasmin und Jonas waren diesem Leben schon ziemlich nah. Die Baupläne lagen bereit, ein Gespräch zur Finanzierung hatte stattgefunden. Gleichzeitig war da dieses Gefühl, dass der vorgezeichnete Weg nicht ihrer war.

2019 zogen sie mit ihren beiden damals noch kleinen Söhnen Anton und Keno ins Wohnmobil. Was zunächst nach einem großen Sprung ins Ungewisse aussah, wurde zu einem Leben, das seit fünf Jahren funktioniert – nicht als endloser Campingurlaub, sondern mit Arbeit, Lernen, Streit, Routinen und der ziemlich wichtigen Erkenntnis, dass langsames Reisen oft mehr Freiheit bringt als möglichst viele Länder.

Für den NomadKids Podcast haben wir mit Jasmin und Jonas von Trust & Breathe darüber gesprochen, wie aus einer Kündigung ein Remote-Job wurde, warum sie regelmäßig mehrere Monate an einem Ort bleiben und was Familienleben auf engem Raum wirklich mit einem macht.

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Vom geplanten Haus zum Zuhause auf Rädern

Ganz spontan entstand die Idee nicht. Jasmin und Jonas waren schon 2012 gemeinsam mehrere Monate mit dem Rucksack in Südostasien unterwegs. Dort begegneten ihnen Menschen, die orts- und zeitunabhängig arbeiteten. Der Gedanke an ein freieres Leben blieb hängen – auch wenn es danach erst einmal zurück nach Deutschland, ins Studium und später in den klassischen Berufsalltag ging.

Mit zwei kleinen Kindern wurde der Kontrast immer deutlicher. Jonas arbeitete viel, hatte berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und war zeitweise am Wochenende unterwegs. Jasmin war mit einem Baby und einem Kleinkind zu Hause. Zugleich plante die Familie ein Haus.

Auf der Rückfahrt von einem Familientreffen in der Toskana sprach Jasmin schließlich aus, was längst in ihr arbeitete: Sie wollte kein Haus. Sie wollte ein Wohnmobil.

„Ich fühle dieses Haus überhaupt nicht. Ich will kein Haus, ich will ein Wohnmobil.“

Zu diesem Zeitpunkt ging es noch gar nicht darum, dauerhaft darin zu leben. Das Wohnmobil sollte erst einmal Reisen am Wochenende und in den Ferien ermöglichen. Ein Jahr lang testeten sie genau das – und merkten dabei, dass sich das Fahrzeug bereits wie eine realistische Alternative zur Wohnung anfühlte.

Im Februar 2019 kündigten sie die Wohnung, drei Monate später zogen sie ins Wohnmobil. Für ein halbes Jahr standen sie noch auf dem Hof von Jasmins Eltern. So fiel die monatliche Miete von damals knapp 1.000 Euro weg und die Familie konnte einen kleinen finanziellen Puffer aufbauen.

Die Kündigung, die den Remote-Job möglich machte

Die vielleicht größte offene Frage war das Geld. Riesige Rücklagen gab es nicht. Im Gegenteil: Jasmin und Jonas waren noch nicht lange im Berufsleben und hatten eher BAföG-Schulden als ein komfortables Reisepolster.

Jonas kündigte trotzdem – ohne vorher zu wissen, wie genau es weitergehen würde. Erst dadurch kam Bewegung in die Sache: Sein Arbeitgeber wollte ihn behalten und bot ihm an, remote weiterzuarbeiten. Aus 40 Wochenstunden wurden 20. Mit diesem Teilzeitgehalt finanzierte die Familie ihre ersten Jahre unterwegs.

Das ging, weil sie zu Beginn bewusst günstig reisten. Sie standen häufig frei, verzichteten auf lange Aufenthalte auf teuren Campingplätzen und planten nicht ständig kostenintensive Ausflüge oder Restaurantbesuche ein.

Vollzeit von unterwegs zu arbeiten, hält Jonas dagegen für schwer mit echtem Reisen vereinbar. Selbst vier oder fünf Stunden am Tag konnten an Tagen mit langen Fahrstrecken oder vielen Unternehmungen Druck erzeugen. Seine flexiblen Arbeitszeiten halfen: manchmal begann er um fünf oder sechs Uhr morgens und hatte gegen zehn Uhr Feierabend, manchmal teilte er die Stunden auf morgens und abends.

„Wir arbeiten eigentlich mehr als vorher, nur anders.“

Mit der Zeit bauten die beiden ihren Instagram-Kanal auf. Aus dem Angestelltenverhältnis wurde zunächst eine freie Mitarbeit, später vollständige Selbstständigkeit. Heute greifen mehrere Einkommensquellen ineinander: Kooperationen über Instagram, eigene Produkte, YouTube, Mentorings sowie Foto- und Videoproduktion für Unternehmen. Instagram war zum Zeitpunkt des Gesprächs der größte Posten – trotzdem sprechen beide offen über schwankende Budgets, Sommerlöcher und das Risiko, von einer Plattform abhängig zu sein.

Fünf Jahre Vanlife bedeuten nicht fünf Jahre Dauer-Roadtrip

Wer sich fünf Jahre im Wohnmobil als ununterbrochene Fahrt von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit vorstellt, liegt ziemlich daneben. Jasmin und Jonas haben früh gemerkt, dass sie nach ungefähr drei Monaten voller neuer Eindrücke eine Pause brauchen.

Ihre Lösung ist ein Rhythmus aus Bewegung und Ankommen. Einige Monate reisen sie intensiver, danach bleiben sie länger an einem Ort. In Griechenland standen sie einmal fast sechs Monate auf demselben Stellplatz. Zum Zeitpunkt des Interviews verbrachten sie ihren dritten Monat in einem Wintercamp in Portugal – mit Vorzelt, Kontakten und festen Aktivitäten für die Kinder.

Dann begann es wieder zu kribbeln. Als nächste größere Route planten sie, am Atlantik entlang über England bis nach Schottland zu fahren. Vier bis sechs Monate sollte diese Reise ungefähr dauern. Anschließend wollten sie wieder einen Platz suchen, an dem die Familie zur Ruhe kommen kann.

Dieser Wechsel ist kein Scheitern am Nomadenleben, sondern offenbar genau das, was es für sie langfristig möglich macht. Nicht jeden Tag weiterzufahren schafft Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, Arbeit nachzuholen und Beziehungen zu pflegen.

Der wichtigste Tipp für langfristiges Reisen

Plant nicht nur Routen, sondern bewusst auch Standzeiten. Jasmin und Jonas reisen in Phasen und bleiben danach mehrere Wochen oder Monate an einem Ort. Gerade mit Arbeit und Kindern kann dieser Wechsel aus Entdecken und Ankommen den Druck aus dem Reisealltag nehmen.

Enger Raum macht Konflikte sichtbarer

Natürlich gibt es im Wohnmobil weniger Rückzug. Bei längerem schlechten Wetter steigt das Konfliktpotenzial, während Sonnentage das Leben nach draußen verlagern. Dann können die Kinder spielen, die Eltern Sport machen und aus wenigen Quadratmetern wird plötzlich ein ziemlich großer Lebensraum.

Trotzdem romantisieren Jasmin und Jonas die Enge nicht. Kleinigkeiten wie der Abwasch können schneller groß werden, wenn es keine Geschirrspülmaschine gibt, die Arbeitsfläche klein ist und alle ständig zusammen sind. Wer hat gestern gespült? Wer ist heute dran? Ganz normale Familienfragen – nur etwas stärker komprimiert.

Eine überraschende Erfahrung machten sie allerdings bei längeren Aufenthalten in Häusern:

„Wir sind in einem Haus und du nervst mich trotzdem.“

Der Wohnraum ist also nicht automatisch die Ursache eines Konflikts. Im Camper wird nur schneller sichtbar, was ohnehin da ist. Mit den Jahren haben beide gelernt, die eigenen Bedürfnisse früher wahrzunehmen. Jonas geht surfen, joggen oder spazieren. Jasmin macht Yoga oder dreht mit dem Hund eine lange Runde. Persönlicher Freiraum muss nicht immer ein eigenes Zimmer sein.

Und manchmal dreht sich die Sehnsucht sogar um. Nach einer Weile im Haus vermisst Jasmin den Kaffee vor dem Wohnmobil und den Blick aufs Meer mehr als eine Waschmaschine oder eine zusätzliche Tür.

Kinder brauchen Verbindung – nicht jeden Tag denselben Ort

Anton und Keno waren beim Start drei und etwa ein Jahr alt. Das Wohnmobil ist für sie kein Provisorium, sondern ihr vertrautes Zuhause. In Wohnungen fühlen sie sich laut Jasmin und Jonas teilweise weniger wohl; das Kinderzimmer verliert schnell seinen Reiz, während draußen Natur, Fahrzeuge, Steine und andere Kinder warten.

Soziale Kontakte entstehen anders als in einem festen Schulalltag, aber nicht automatisch weniger verbindlich. Manche Freunde treffen die Kinder jedes Jahr am gleichen Winterplatz wieder. Andere sehen sie zwischendurch in Deutschland oder halten über die Handys der Eltern Kontakt. In Portugal besuchte Anton Kampfsporttraining mit überwiegend portugiesischen Kindern, ein befreundetes Kind spielte im örtlichen Fußballverein.

Diese lokalen Aktivitäten bringen etwas, das Jasmin beim klassischen Camperleben manchmal fehlt: Kontakt zu Menschen außerhalb der eigenen Reise-Bubble. Auf Stellplätzen begegnet man schnell anderen Campern, bleibt dabei aber oft unter sich. Über Vereine kommen die Kinder viel unmittelbarer mit ihrem jeweiligen Umfeld in Berührung.

Die Eltern fragen regelmäßig nach, ob das Lebensmodell für alle noch passt. Langfristige Pläne machen sie bewusst kaum; meist reicht der Blick ungefähr ein Jahr voraus. Mit zunehmendem Alter der Kinder können sich Bedürfnisse verändern. Eine feste Base mit mehr Rückzugsraum können sie sich deshalb später gut vorstellen. Portugal steht als möglicher Ort weit oben – dauerhaft mit dem Reisen aufzuhören dagegen eher nicht.

Lernen unterwegs: strukturiert und trotzdem am Kind orientiert

Beim Lernen setzt die Familie auf eine feste Routine. Meist arbeiten die Eltern früh von sechs bis neun Uhr, während die Kinder ausschlafen. Danach folgt mindestens eine Stunde Lernzeit. Grundlage sind Schulhefte der jeweiligen Klassenstufe und der deutsche Lehrplan, vor allem in Deutsch und Mathematik.

Jasmin und Jonas beschreiben ihre Kinder ausdrücklich nicht als völlig freie Lerner. Ihnen ist wichtig, dass Anton und Keno bei einer möglichen Rückkehr in eine entsprechende Klassenstufe einsteigen könnten. Gleichzeitig nutzen sie die Freiheit der Eins-zu-eins-Begleitung: Wenn ein Thema sitzt, müssen nicht noch fünf Seiten mit denselben Aufgaben folgen. Wenn eine Blockade entsteht, pausieren sie das Thema und greifen es später wieder auf.

Daneben bleibt Raum für interessengeleitetes Lernen. Anton las zum Zeitpunkt des Gesprächs freiwillig Geschichtsbücher und beschäftigte sich mit Atomen und Zellen. Die Reise selbst bringt Sprachen, Geografie und Begegnungen in den Alltag.

„Sobald sie lesen können, haben sie ja die Möglichkeit, sich beizubringen, was sie möchten.“

Das klingt leicht, ist es aber nicht immer. Beide sagen klar, dass Eltern in die Rolle hineinwachsen müssen. Geduld, Zeit und die Fähigkeit, kleine Lernkonflikte auszuhalten, gehören dazu. Ihre Schilderung ist eine persönliche Erfahrung und keine pauschale schulrechtliche Empfehlung: Welche Vorgaben gelten, hängt vom Wohnsitz und der individuellen Situation einer Familie ab.

Krankenversicherung ohne deutsche Grauzone

Auch organisatorisch hat sich ihr Modell weiterentwickelt. Zum Zeitpunkt des Interviews war die Familie über eine internationale Krankenversicherung abgesichert, die Behandlungen weltweit und auch bei Aufenthalten in Deutschland abdeckt. Der Schutz galt damals mit bestimmten regionalen Einschränkungen; Vorsorge- und Zahnarztleistungen konnten sie nach eigener Aussage ebenfalls einreichen.

Zuvor hatten sie bei klassischen Langzeit-Auslandskrankenversicherungen das Problem, dass Aufenthalte in Deutschland nur eingeschränkt möglich waren. Für eine Familie, die regelmäßig Verwandte besucht, war das unpraktisch.

Wichtig ist dabei: Jasmin und Jonas berichten von ihrer konkreten Lösung und ihren bisherigen Erfahrungen. Tarife, Leistungen, Ausschlüsse und Voraussetzungen können sich ändern. Wer dauerhaft reist, sollte sich unabhängig beraten lassen und Bedingungen genau prüfen – besonders Rückkehrschutz, Vorsorge, Vorerkrankungen und den Geltungsbereich.

Was sie nach fünf Jahren anders machen würden

Bereuen würden Jasmin und Jonas ihren Schritt nicht. Einen Punkt würden sie heute aber ändern: Im ersten Jahr waren sie zu schnell unterwegs. Damals wollten sie möglichst viel sehen. Rückblickend würden sie ruhiger starten.

Auch von Übernachtungen auf Autobahnraststätten in der Nähe von Ballungsräumen raten sie aus eigener Erfahrung ab. Heute suchen sie sich andere Plätze.

Der Rest war ein Lernprozess, den sie offenbar gebraucht haben. Reisen, Arbeiten, Kinder begleiten und gleichzeitig einen Social-Media-Kanal aufbauen war gerade am Anfang sportlich. Die Kinder waren kleiner, Routinen fehlten und vieles fühlte sich anstrengender an als erwartet.

Doch irgendwann wurde aus dem Experiment ein Alltag. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei und nicht jeden Tag spektakulär. Dafür einer, den die Familie selbst gestalten kann.

Bosnien und Herzegowina: ihr unterschätzter Reisetipp

Als Mitbringsel für diese Folge hatten Jasmin und Jonas einen europäischen Reisetipp dabei: Bosnien und Herzegowina. Auf dem Weg nach Griechenland überraschte sie das Land mit vielfältiger Landschaft, wenig touristischer Infrastruktur und persönlichen Begegnungen.

Statt eines großen Campingplatzes landeten sie im Garten einer Familie, der als Stellplatz angeboten wurde. Abends saßen sie mit ihrem Gastgeber zusammen und probierten seinen selbst gebrannten Schnaps. Genau diese Nähe zu Einheimischen vermissen sie inzwischen manchmal in Ländern mit einem sehr dichten, etablierten Campernetz.

Auch den Osten Sloweniens erlebten sie als überraschend schön und deutlich weniger touristisch als die bekanntesten Regionen des Landes.

Freiheit braucht keinen perfekten Plan

Als Jasmin und Jonas ihre Wohnung und den Job kündigten, wussten sie noch nicht, dass daraus ein funktionierender Remote-Job entstehen würde. Sie hatten keinen großen finanziellen Puffer und keinen fertigen Fünfjahresplan. Was sie hatten, war Erfahrung mit ihrem Wohnmobil, die Bereitschaft zu einem günstigeren Start und die Überzeugung, nicht auf den angeblich perfekten Zeitpunkt zu warten.

„Wenn wir nicht jetzt den Absprung finden, finden wir ihn gar nicht mehr.“

Fünf Jahre später besteht ihre Freiheit nicht darin, niemals Verpflichtungen zu haben. Sie arbeiten, organisieren Lernzeiten, kümmern sich um Versicherungen und sprechen Konflikte aus. Der Unterschied ist eher, dass sie den Rahmen dieses Alltags immer wieder neu wählen können.

Gerade deshalb ist ihre Geschichte keine Hochglanzwerbung für Vanlife. Sie zeigt etwas viel Hilfreicheres: Ein langfristiges Reiseleben kann funktionieren, wenn man das Tempo an die Familie anpasst, Pausen ernst nimmt und bereit ist, den eigenen Plan unterwegs zu verändern.

Jasmin und Jonas findet ihr auf Instagram unter @trust.and.breathe.

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