Podcast-Interview ·

Schulbefreiung für eine Weltreise – wie Tanja und René ihren Weg gefunden haben

Eine Weltreise mit schulpflichtigen Kindern – für viele Familien endet der Gedanke schon bei diesem einen Wort: Schulpflicht. Tanja und René standen vor genau derselben großen Wand. Sie wollten mit ihren beiden Kindern losziehen, aber eben nicht einfach verschwinden und darauf hoffen, dass es schon irgendwie gut geht.

Also fragten sie nach. Erst in der Schule, dann bei verschiedenen Behörden und Ämtern, schließlich bei einem Rechtsanwalt. Nach Monaten voller Gespräche hielten sie die ersehnte schriftliche Regelung in den Händen. Aus der mühsamen Suche entstand später sogar ein E-Book, das anderen Familien den Einstieg in das Thema erleichtern soll.

In dieser Folge des NomadKids Podcasts sprechen wir mit Tanja und René darüber, wie ihr persönlicher Weg zur Schulbefreiung aussah, warum es keine bundesweit identische Schritt-für-Schritt-Anleitung gibt und wie ihre Kinder unterwegs zwischen Lern-Apps, eigenen Länderreferaten und echten Erfahrungen lernen.

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Der Traum war schon lange da – der richtige Moment noch nicht

Der Gedanke an eine Weltreise begleitete Tanja und René schon, seit sie sich kennengelernt hatten. Dann kam das Leben dazwischen, wie es das eben gerne macht. Die beiden bauten sich etwas auf, arbeiteten, die Kinder gingen zur Schule. Während der Corona-Zeit waren selbst die sonst üblichen Reisen kaum möglich.

Als sich die Lage wieder entspannte, lag die Familie eines Abends zusammen auf der Couch und sprach darüber, was in den vergangenen Wochen gefehlt hatte. Irgendwann war die alte Weltreise wieder im Raum. Und mit ihr zunächst all das, was dagegensprach: Sie standen mitten im Leben, hatten alles, was sie brauchten, und müssten vieles zurücklassen.

Die entscheidende Antwort war erstaunlich pragmatisch: Was sie einmal aufgebaut hatten, konnten sie auch noch einmal aufbauen.

Wir haben es einmal geschafft, wir schaffen es wieder.

Aus dem Gedanken wurde ein konkretes Ziel: In einem Jahr wollten sie im Flieger sitzen. Mit einem „Mission Board“ hielten sie fest, was bis wann erledigt werden musste. Ein Jahr später saßen sie tatsächlich im Flugzeug.

Mehr Familienzeit war auch der Wunsch der Kinder

Die Kinder waren von Anfang an begeistert. Ein neues Abenteuer, unbekannte Länder und endlich gemeinsam die Welt entdecken – am liebsten wären sie sofort gestartet.

Je näher der Abflug rückte, desto deutlicher wurden allerdings auch die anderen Gefühle. Freunde und Familie zurücklassen, Hobbys aufgeben und nicht genau wissen, was kommt: Zu einem großen Aufbruch gehören eben Vorfreude und Abschiedsschmerz.

Der stärkste Antrieb der Kinder war aber nicht, der Schule zu entkommen. Beide waren gern zur Schule gegangen. Ihnen fehlte im Alltag vor allem gemeinsame Zeit.

Wir haben jetzt einfach viel Zeit mit unserer Familie. Wir können viel Zeit zusammen verbringen.

Wenn beide Eltern arbeiten und beide Kinder in der Schule sind, bleiben oft nur kleine Zeitfenster füreinander. Die Reise versprach etwas, das im normalen Wochenrhythmus knapp geworden war: Familienzeit ohne den ständigen Blick auf den nächsten Termin.

Thailand als sanfter Einstieg ins Reiseleben

Am 28. August 2023 startete die Familie in Thailand. Als das Interview fast ein Jahr später aufgenommen wurde, waren die vier nach Stationen in Asien gerade aus Laos zurückgekehrt und wieder im Norden Thailands angekommen – in Pai, wo sie einige Tage oder Wochen verbringen wollten.

Für Tanja und René war Thailand ein bewusst gewählter Einstieg. Sie kannten das Reisen in Asien bereits aus früheren Backpacking-Zeiten, ihre Kinder jedoch noch nicht. Ein kinderfreundliches Land, unkomplizierte Flugverbindungen nach Bangkok, gutes Essen, Strände und freundliche Menschen machten den Start leichter.

Indien, das die Familie später ebenfalls bereiste, empfanden sie dagegen als deutlich größere Herausforderung. Als erstes Reiseland hätten sie es für sich nicht gewählt.

Auch die Malediven gehörten zur Route – allerdings nicht in einem teuren Resort. Auf der einheimischen Insel Kaashidhoo lebten sie dreieinhalb Wochen in einem einfachen Gästehaus, aßen dort, wo auch die Menschen vor Ort essen, und verbrachten viel Zeit am Meer. Ihre Erfahrung: Malediven mit vier Personen müssen nicht automatisch Honeymoon-Resort und Luxusbudget bedeuten.

Lernen unterwegs: zwischen Anton, Duolingo und dem echten Leben

Zu Beginn hatten Tanja und René Lernstoff für die jeweiligen Jahrgangsstufen dabei. Der war schneller bearbeitet als erwartet. Danach entwickelte sich eine Mischung aus grundlegenden Übungen, Worldschooling und Freilernen.

Für Mathe, Deutsch und Sprachen nutzen die Kinder unter anderem Anton und Duolingo. Vieles richtet sich aber nach ihren aktuellen Interessen und nach dem Land, in dem die Familie gerade lebt.

Vor einem Länderwechsel bereiten die Kinder kleine Referate vor:

  • Was ist an dem nächsten Land besonders?
  • Welche Währung wird genutzt?
  • Was wird dort gegessen?
  • Welche Verhaltensweisen sollte man kennen?
  • Welche drei Orte oder Attraktionen möchten sie selbst sehen?

Diese Wünsche fließen anschließend möglichst in die Reiseroute ein. So bleibt das Referat nicht bei Informationen aus dem Internet stehen. Aus einem ausgewählten Tempel, Wasserfall oder Museum wird eine echte Erfahrung.

Hinzu kommen Gespräche mit Guides, historische Stätten, Religionen, Traditionen und Geschichten, die vor Ort von Generation zu Generation weitererzählt werden. Später berichten die Kinder ihren Großeltern per Videoanruf, was sie erlebt und gelernt haben. Lernen und Leben lassen sich dabei kaum noch sauber voneinander trennen.

Die Schulbefreiung begann mit vielen offenen Fragen

Vor der Reise wussten Tanja und René zunächst nicht, wie eine Schulbefreiung überhaupt funktionieren kann. Ihr erster Ansprechpartner war der Rektor der Schule. Er fand die geplante Reise spannend und unterstützenswert, konnte ihnen aber nicht sagen, welcher formale Weg der richtige war.

Damit begann eine monatelange Suche. Die Familie sprach mit verschiedenen Behörden und Ämtern, wurde von einer Stelle zur nächsten verwiesen und landete nach etwa drei Monaten wieder beim Rektor.

Sein pragmatischer Rat lautete sinngemäß: Sie sollten einfach losreisen, das werde schon passen. Für Tanja und René reichte das nicht. Sie wollten etwas Schriftliches, das auch einen möglichen Wiedereintritt in die Schule regelte und ihnen unterwegs Sicherheit gab.

Wir würden schon gerne was Schriftliches in der Hand halten, wo dann geregelt ist, auch was, wenn ein Wiedereintritt in die Schule oder wenn an Grenzen irgendwie eine Kontrolle vorkommt.

Schließlich holten sie anwaltliche Hilfe. Mit der rechtlichen Einordnung gingen sie erneut zur Schule. Danach dauerte es nach ihrer Erinnerung nur noch etwa zwei bis drei Wochen, bis die Angelegenheit geklärt war.

Warum es nicht den einen Weg für alle Familien gibt

Eine der wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch lautet: Es gibt keine einzige Anleitung, die unverändert für jede Familie in Deutschland funktioniert. Schulrecht ist Ländersache. Bundesländer haben eigene Gesetze, Vorschriften und Zuständigkeiten.

Der erste Schritt ist deshalb nicht, irgendeine Antragsvorlage aus dem Internet zu kopieren. Familien müssen zunächst herausfinden, welche Regelungen in ihrem Bundesland gelten:

  • In welchen Gesetzen stehen die relevanten Regelungen?
  • Wer darf über den Antrag entscheiden?
  • An wen muss er gerichtet werden?
  • Welche Gespräche sind notwendig?
  • Wie kann eine spätere Rückkehr in die Schule aussehen?

Tanja beschreibt es so: Wenn man weiß, wo die maßgeblichen Regeln stehen, wird der weitere Weg übersichtlicher. Das heißt trotzdem nicht, dass die Genehmigung automatisch erfolgt. Entscheidungen hängen von den konkreten Vorschriften, dem Einzelfall und den zuständigen Personen ab.

Wichtig vor einer längeren Reise

Klärt die schulrechtliche Situation frühzeitig für euer Bundesland und lasst euch Absprachen schriftlich bestätigen. Sprecht dabei nicht nur über die Abwesenheit, sondern auch über die mögliche Rückkehr, einen Schulplatz und eventuell erforderliche Leistungsnachweise. Die Erfahrungen aus dem Podcast ersetzen keine individuelle Rechtsberatung.

Aus der eigenen Suche entstand ein E-Book

Die vielen Umwege, Gesetzestexte und Unsicherheiten waren für Tanja die Motivation, ihr Wissen zusammenzufassen. Rund drei Monate Arbeit steckten nach ihrer Schätzung in der Recherche und Aufbereitung.

Das E-Book soll kein 200-seitiges juristisches Fachbuch sein, sondern ein kompakter Ausgangspunkt. Es bündelt nach Tanjas Darstellung relevante Regelungen aus den einzelnen Bundesländern, Argumentationshilfen und Vorlagen für einen Antrag. Österreich und die Schweiz werden in einem kurzen Exkurs ebenfalls angeschnitten, weil die Familie unterwegs viele Reisende aus beiden Ländern kennengelernt hatte.

Tanja macht im Interview aber auch die Grenze deutlich:

Es ist natürlich keine Rechtsberatung und es ist auch kein Patentrezept, weil es natürlich abhängig ist von der Person, die es entscheidet. Aber es ist zumindest eine Hilfe.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs war das E-Book nicht über Amazon oder Kindle erhältlich. Interessierte konnten Tanja und René über ihren Instagram- oder Facebook-Account kontaktieren und es auf Spendenbasis erhalten. Damit wollten sie den Zugang nicht von einer festen finanziellen Hürde abhängig machen.

Rückkehr in die Schule gleich mitdenken

Bei der Schulbefreiung geht es nicht nur um die Frage: „Dürfen wir los?“ Ebenso wichtig ist: „Was passiert, wenn wir zurückkommen?“

Tanja und René besprachen den möglichen Wiedereinstieg deshalb direkt mit dem Rektor. In ihrem konkreten Fall gab es kein festes Enddatum. Für die ältere Tochter kam perspektivisch ein externer Abschluss infrage. Beim jüngeren Kind sollte ein Leistungsnachweis zeigen, in welche Klasse es bei einer Rückkehr eingegliedert werden kann.

Solche Vereinbarungen lassen sich nicht einfach auf andere Schulen übertragen. Die Familie empfiehlt aber, das Thema früh anzusprechen. Vielleicht kann die Schule keinen Platz in exakt derselben Klasse zusichern. Möglich sind trotzdem klare Absprachen darüber, ob ein Schulplatz bereitsteht und welche Nachweise dafür notwendig wären.

Dieses Sicherheitsnetz war auch emotional wertvoll: Die Kinder wussten, dass eine Rückkehr grundsätzlich möglich bleibt.

Heimweh und Reisefieber dürfen gleichzeitig da sein

Natürlich vermissten die Kinder anfangs ihre Großmutter, Haustiere, Freunde und ihr gewohntes Umfeld. Regelmäßige Videotelefonate halfen dabei, verbunden zu bleiben. Gleichzeitig wuchs das Reisefieber.

Zum Zeitpunkt des Interviews hatte keines der Kinder den Wunsch geäußert, die Reise abzubrechen. Im Gegenteil: Beide wollten weiterziehen und konnten sich ein dauerhaftes Leben in Deutschland gerade kaum noch vorstellen.

Das bedeutet nicht, dass Heimweh verschwunden war. Tanja und René betrachten es als völlig normal, Menschen zu vermissen, die einem wichtig sind. Die Reise muss deshalb nicht gescheitert sein. Beides kann nebeneinander existieren: Sehnsucht nach vertrauten Menschen und große Lust auf das nächste Land.

Nach Pai sollte die Reise für die Familie in Taiwan weitergehen.

Was Familien aus ihrer Geschichte mitnehmen können

Die Geschichte von Tanja und René ist kein Beweis dafür, dass jede Schulbefreiung immer genehmigt wird. Sie zeigt aber sehr deutlich, wie wichtig gute Vorbereitung, Beharrlichkeit und belastbare Informationen sein können.

Manche ablehnende oder ausweichende Antwort entsteht möglicherweise nicht aus grundsätzlichem Widerstand, sondern weil eine zuständige Person mit einem solchen Fall noch nie zu tun hatte und nichts falsch machen möchte. Genau das erlebte die Familie bei ihrer eigenen Suche.

Für Tanja und René war entscheidend, sich davon nicht sofort entmutigen zu lassen. Sie klärten die Zuständigkeiten, suchten die relevanten Regeln, ließen sich rechtlich unterstützen und bestanden auf einer schriftlichen Lösung.

Und dann begann das, worum es eigentlich die ganze Zeit ging: gemeinsam als Familie die Welt zu entdecken.

Tanja und René findet ihr auf Instagram unter @messy.hair.and.dirty.feet.

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