Als Familie durch Osteuropa und Zentralasien – mit zwei kleinen Kindern bis Kasachstan
Albanien, Armenien, Georgien, Usbekistan, Kasachstan – und das alles mit zwei kleinen Kindern. Fabienne und Julian haben sich für ihre neunmonatige Weltreise keine Route ausgesucht, die ständig in Familienreise-Ratgebern auftaucht. Sie wollten Richtung Osten, möglichst langsam und mit Ländern dazwischen, die Julian schon lange gereizt hatten.
Als wir mit den beiden sprechen, sind sie seit Juni 2024 unterwegs und gerade in Kasachstan. Ihre Töchter sind zwei und vier Jahre alt. Zu Hause in der Schweiz wartet eine leer stehende Eigentumswohnung, Fabienne arbeitet gelegentlich als Hebamme online weiter und Julian hat seinen Job bei der Schweizerischen Post gekündigt.
Im NomadKids Podcast erzählen sie, warum vor der Einschulung der richtige Zeitpunkt gekommen war, wie Reisen ohne Russisch funktioniert und weshalb ein Hotel-Frühstück genauso zum Familienalltag gehören darf wie zehn Tage selbst kochen.
Jetzt – oder wahrscheinlich sehr lange nicht
Die Idee kam von Fabienne. Zunächst war sie einfach ein Gedanke, den sie selbst ziemlich cool fand. Erst ein paar Monate vor der Abreise wurde daraus tatsächlich ein Plan. Kein jahrelanges Hinarbeiten, kein dramatischer Moment, in dem beide nur noch wegwollten.
Ihr Leben in der Schweiz gefiel ihnen. Gleichzeitig war der Familienalltag voll: Julian kam am frühen Abend aus dem Büro, Fabienne ging teilweise direkt weiter zu einem Wochenbettbesuch oder Geburtsvorbereitungskurs. Zwei Berufe, zwei kleine Kinder und häufig nur ein Wechsel an der Haustür – auf Dauer war das viel.
Die Reise wurde zur Gelegenheit, Abstand zu gewinnen und anschließend neu zu überlegen, wie ihr Familienmodell aussehen soll. Fabienne liebt ihren Beruf und möchte arbeiten. Für Julian ist genauso denkbar, später mehr Familienarbeit zu übernehmen. Die gewohnte Aufteilung sollte nicht automatisch die einzige bleiben.
Vor allem aber rückte der Kindergartenstart der älteren Tochter näher. In der Schweiz beginnt damit die Schulpflicht. Für eine neunmonatige Reise gab es deshalb ein klares Zeitfenster.
„Wir wollen was erleben, vor allem auch, bevor die Kids schulpflichtig werden.“
Julian kündigte seinen Bürojob. Einen langen unbezahlten Urlaub wollte er nicht beantragen, weil sein Team die Stelle dauerhaft neu besetzen können sollte. Fabienne konnte einen kleinen Teil ihrer Arbeit mitnehmen: Über ihr Hebammen-Instagram-Profil bietet sie Online-Kurse und Beratungen an. Viel weniger als ursprünglich gedacht – aber flexibel genug, um später wieder Familien anzunehmen und erste Gespräche schon von unterwegs zu führen.
Warum die Wohnung leer blieb
Ihre Eigentumswohnung wollten Fabienne und Julian zunächst vermieten. Sie schrieben sie sogar aus, merkten aber immer deutlicher, dass sich die Vorstellung fremder Menschen im eigenen Zuhause nicht richtig anfühlte. Auch die Interessenten passten nicht.
Eine Nutzung für Geflüchtete scheiterte an der Mindestdauer von einem Jahr. Also trafen sie eine Entscheidung, die finanziell nicht die günstigste war, ihnen vor der Abreise aber enorm viel Druck nahm: Die Wohnung blieb leer.
Damit hatten sie jederzeit einen Ort, an den sie zurückkehren konnten. Sie mussten nicht alles ausräumen, die Sachen der Kinder nicht weggeben und keine Übergabe organisieren. Für sie war dieses Sicherheitsnetz genau der Luxus, den sie sich leisten wollten.
Schritt für Schritt nach Osten
Japan stand als Ziel für den Herbst fest. Gleichzeitig wollten die beiden möglichst wenig fliegen und nicht in einem Sprung sieben Stunden Zeitverschiebung überbrücken. Also entstand eine Route, die Stück für Stück nach Osten führte.
Von Zürich flogen sie nach Skopje. Mit dem Mietwagen reisten sie durch Nordmazedonien und entlang der albanischen Riviera, gaben das Auto wieder in Skopje ab und fuhren mit dem Bus nach Sofia. Von dort ging es per Flug nach Jerewan.
Armenien und Georgien bereisten sie mit Taxis, Bussen, Zug und Marschrutkas. Von Tiflis flogen sie schließlich nach Aqtau in Kasachstan. Eigentlich sollte auch Aserbaidschan dazugehören und Julian träumte von einer Fahrt über das Kaspische Meer. Weil die Einreise auf dem Landweg nicht möglich war, musste Aserbaidschan als erstes Land von der Liste weichen.
Das ist vielleicht weniger romantisch als ein komplett flugfreies Abenteuer. Dafür ist es ehrlich: Die große Richtung war klar, die konkrete Route durfte sich an die Realität anpassen.
Georgien fühlte sich erst fremd an – und später fast europäisch
Mit jedem neuen Land verschob sich der Vergleich. Georgien kam Fabienne und Julian zunächst deutlich anders vor als Europa. Später, in Usbekistan und Kasachstan, wirkte es rückblickend plötzlich viel vertrauter.
Besonders Tiflis ist ihnen geblieben. Die Hauptstadt bot mit Parks, Spielplätzen, Museen, Gondel und Seilbahn erstaunlich viel für Kinder. Dazu kommen in Georgien Berge, das Schwarze Meer und gut machbare Etappen. Andere Reisende erzählten ihnen, dass sich das Land auch mit dem Wohnmobil gut bereisen lässt – trotz mancher sehr schlechten Straßen.
Ihre Erfahrungen mit den Menschen waren gemischt. Neben freundlichen Begegnungen erlebten sie eine direkte, forsche Art, die sie als Schweizer zunächst als unfreundlich wahrnahmen. Nach zwei Wochen entschieden sie, weiterzureisen. Auch das gehört zu einem ehrlichen Reisebericht: Ein Land muss nicht durchgehend begeistern, nur weil andere von seiner Gastfreundschaft schwärmen.
In Zentralasien erlebten sie wiederum ausgesprochen viel Hilfsbereitschaft. Polizisten zeigten nicht nur den Weg, sondern begleiteten sie ein Stück; einer schob dabei sogar den Buggy. Das Interesse an der Familie war groß. Die Sprachbarriere setzte längeren Gesprächen allerdings häufig Grenzen.
Zentralasien ohne Russisch: schwierig, aber machbar
Englisch half in Kasachstan und Usbekistan kaum weiter. Die erste Frage lautete deshalb oft: Sprecht ihr Russisch? Als Fabienne und Julian verneinten, folgte per Übersetzungs-App nicht selten die nächste: Warum reist ihr dann mit zwei Kindern hierher?
Ihre Antwort ist angenehm undramatisch. Ja, die fehlende gemeinsame Sprache erschwert den Austausch. Aber sie verhindert die Reise nicht. Mit Übersetzungs-Apps ließen sich Unterkünfte finden, Essen bestellen und Wege klären.
„Man kommt weniger ins Gespräch, aber man kann die Reise gut machen. Auch wenn man kein Russisch spricht.“
Gerade diese Grenze fanden beide schade. Sie spürten, dass viele Menschen gern mehr über ihre Familie erzählt und mehr über die Gäste erfahren hätten. Für Organisation und Alltag reichten Handy und Gesten. Für die Gespräche, die eine Reise besonders tief machen, eben nicht immer.
Familienalltag ohne festen Alltag
Einen typischen Reisetag gibt es bei den vier kaum. Nur eine erstaunlich zuverlässige Konstante: Egal, wie früh sie loswollen, vor elf Uhr schaffen sie es selten aus der Unterkunft :D
Mal wohnen sie zehn Tage in einem Apartment und kochen fast immer selbst. Das gibt den Kindern Vertrautheit: aufstehen, noch nicht sofort angezogen zum Frühstücksbuffet müssen, gemeinsam essen wie zu Hause. Dann folgen wieder Tage im Hotel, an denen niemand kocht und das Frühstück fertig wartet.
Die Unterkünfte reichen vom Apartment für etwa 25 bis 30 Schweizer Franken bis zum Fünf-Sterne-Hotel. Ein gutes Hotel kostete nach ihrer Erfahrung meist ungefähr 50 bis 70 Franken pro Nacht. Weil Essen ebenfalls günstig war, konnten sie sich in diesen Ländern einen hohen Komfort leisten und trotzdem in ihrem Budget bleiben.
Als vegetarische Familie mussten sie dafür beim Essen öfter suchen. Vieles auf den Speisekarten war fleischlastig, und „kein Fleisch“ wurde mitunter als Einladung verstanden, Fisch vorzuschlagen. In modernen Stadtvierteln fanden sie zahlreiche Restaurants mit vegetarischen Optionen. In kleineren Orten wurden es manchmal Beilagen und Salat – oder sie gingen wieder und kochten selbst.
Sind Osteuropa und Zentralasien mit Kindern sicher?
Fabienne hatte vor der Abreise durchaus Bedenken. Sie vertraute Julians Recherche, musste das Gefühl von Sicherheit aber selbst erleben. Ab Nordmazedonien und Albanien wurde es mit jedem Land selbstverständlicher.
„Es war nie irgendwo ein Thema. Und je länger das anhielt, desto sicherer fühlte auch ich mich.“
In Armenien stellte sich die Familie sogar an den Straßenrand und fuhr per Anhalter mit drei Armeniern in die Stadt. In Usbekistan sollte Fabienne für eine gebuchte Unterkunft in das Auto eines Mannes steigen, weil das Apartment an einer anderen Adresse lag. Im ersten Moment malte sie sich die schlimmsten Szenarien aus. Julian schätzte die Situation als vertrauenswürdig ein, sie fuhren mit – und landeten ganz normal am richtigen Apartment.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Situation automatisch sicher ist oder andere Familien Warnhinweise ignorieren sollten. Es beschreibt ihre persönliche Erfahrung: Sie fühlten sich auf dieser Route nie bedroht und erlebten Menschen, die trotz Verständigungsproblemen nach Kräften halfen.
Beim Thema medizinische Versorgung ist Fabienne als Hebamme vorsichtig. Sie möchte wissen, wo das nächste Krankenhaus ist, und würde mit den Kindern nicht bewusst weitab jeder Versorgung reisen. Die Krankenhäuser, die sie unterwegs sah, machten auf sie einen guten Eindruck. Im Notfall würde sie sie selbstverständlich nutzen; bei planbaren größeren Eingriffen würde sie je nach Situation eine Rückkehr in die Schweiz prüfen.
Wie erleben die Kinder die vielen Wechsel?
Fragt man die beiden Mädchen, ob die Reise schön ist, fällt die Antwort eher kurz aus. Dann wartet meistens schon der nächste Spielplatz. Hotels und Restaurants finden sie großartig, neue Schlafzimmer scheinen kein grundsätzliches Problem zu sein.
Schwerer ist für Fabienne und Julian die Frage, was hinter einem anstrengenden Abend steckt. Sind die vielen Eindrücke zu viel? Ist es die neue Unterkunft? Oder hätte es denselben Wutanfall zu Hause ebenfalls gegeben?
Genau diese Unsicherheit beschäftigt viele reisende Eltern. Kinder können nicht jede Belastung passend benennen, und sie haben die Langzeitreise nicht selbst beschlossen. Für Fabienne und Julian ist deshalb klar: Würden ihre Töchter dauerhaft unglücklich wirken, würden sie sofort zurückkehren.
Die Großeltern sind täglich Thema. Fotos sollen für sie gemacht, Erlebnisse später erzählt werden. Das Zuhause und die zurückgelassenen Spielsachen vermissen die Kinder dagegen offenbar kaum.
„Das Wichtigste ist, dass wir dabei sind, dass es uns allen gut geht.“
Wenn der Stress der Eltern auf die Kinder überspringt
Anfang August geriet die Familie in eine schwierige Phase. Eine anstrengende Zugfahrt, Klimaanlage, leicht kränkelnde Kinder und Zweifel an der weiteren Route kamen zusammen. Die Eltern waren gestresst – und die Kinder ebenfalls.
Erst nach und nach erkannten Fabienne und Julian, dass sie nicht nur das Verhalten ihrer Töchter betrachten durften. Sie mussten selbst einen Gang zurückschalten und etwas an der Situation ändern. Als sie wieder gelassener wurden, beruhigte sich auch der Familienalltag.
Die Freiheit, die Route anzupassen, war dabei entscheidend. Nicht jede Nacht und jede Etappe weit im Voraus festzuzurren kostet Fabienne zwar Überwindung. Vor dem Weiterflug nach Tokio hatten sie nur drei Nächte gebucht und danach noch nichts. Früher hätte sie das enorm belastet. Unterwegs wuchs das Vertrauen, dass sich eine Lösung finden lässt.
Mehr Puffer, weniger Druck
Lasst auf einer Langzeitreise Tage oder sogar Wochen offen. Wenn Kinder oder Eltern erschöpft sind, kann eine längere Pause hilfreicher sein als die nächste geplante Station. Fabienne und Julian haben erlebt, dass ihre eigene Anspannung direkt auf die Kinder wirkt – und dass fast immer eine passende Unterkunft zu finden ist.
Nähe, Anstehen und andere unsichtbare Regeln
Der größte Kulturschock war keine Sehenswürdigkeit, sondern persönlicher Abstand. Anstehen funktionierte vielerorts anders als in der Schweiz. Menschen drängten von der Seite an einen Schalter, standen sehr nah und berührten Fabienne, ohne dies als ungewöhnlich wahrzunehmen.
Bei einer Show stand sie plötzlich mitten im Gedränge. Eine Frau wollte anschließend ein Foto und bedeutete Fabienne, aus dem Bild zu gehen – obwohl sie zuerst dort gewesen war.
„Und ich dachte mir so: Was ist jetzt hier los?“
Am Anfang blieb die Familie aus Höflichkeit immer hinten. Später lernten sie, dass sie sich bemerkbar machen mussten, statt auf eine Schlange zu vertrauen, die sonst niemand als verbindlich ansah. Nicht jede ungewohnte Regel muss man mögen. Aber man kann lernen, sie zu lesen.
Der beste Spartipp: Reisen wie die Menschen vor Ort
Bei Unterkunft und Essen sparen Fabienne und Julian nicht besonders gern. Beim Transport sehen sie dagegen viel Potenzial. Ihr Tipp: Nicht automatisch in das Taxi steigen, dessen Fahrer am lautesten ruft. Erst prüfen, ob ein lokaler Bus dieselbe Strecke fährt.
Für eine Fahrt zur Grenze zahlten sie mit dem Bus nach eigener Aussage ungefähr 25 Cent pro Person. Ein Taxi hätte etwa 25 Dollar gekostet. Der Unterschied summiert sich auf einer langen Reise schnell.
Noch wichtiger: Im lokalen Bus sehen sie mehr vom echten Alltag. Menschen steigen mit ungewöhnlichem Gepäck, Fässern oder kleinen Wagen ein. Es ist vielleicht heißer und weniger bequem – aber auch näher am Land als der Blick aus einer Taxischeibe.
Die Reise von Fabienne und Julian zeigt nicht, dass Zentralasien mit Kindern immer einfach ist. Vegetarisches Essen braucht manchmal Geduld, Gespräche bleiben wegen der Sprache kurz und Nähe wird kulturell anders verstanden. Gleichzeitig fanden sie bezahlbare Unterkünfte, viele Spielplätze, große Hilfsbereitschaft und ein starkes Sicherheitsgefühl.
Vor allem haben sie sich erlaubt, nicht jede Antwort vor der Abreise zu kennen. Die Route darf sich ändern. Der Alltag darf mal Apartmentküche und mal Frühstücksbuffet sein. Und eine Familie darf unterwegs merken, dass weniger Plan manchmal genau der Plan ist, den sie braucht.
Fabienne und Julian könnt ihr auf Instagram unter @hebammenwerk.family begleiten. Fabiennes Hebammenprofil findet ihr unter @hebammenwerk.