Podcast-Interview ·

Mit vier Kindern bis nach Alaska – Familienleben im LKW

Eigentlich wollten Magda und Thomas nur ein Jahr im Wohnmobil reisen. Im August 2022 verließen sie mit ihren vier Kindern ihr Haus in Österreich. Nach wenigen Monaten war allerdings klar: Ein Jahr wird nicht reichen.

Aus der ersten Runde durch Europa wurde ein neues Leben unterwegs. Die Familie wechselte in einen großen LKW, verkaufte schließlich ihr Haus und verschiffte ihr rollendes Zuhause nach Nordamerika. Heute zieht es sie dorthin, wo die Landschaft weiter, die Natur ursprünglicher und der nächste Nachbar manchmal sehr weit entfernt ist: nach Kanada, in den Yukon und bis nach Alaska.

In dieser Folge des NomadKids Podcasts sprechen wir mit Magda und Thomas von Entfaltungszeit über große Entscheidungen und ziemlich praktische Alltagsfragen. Wie lebt man zu sechst im LKW? Wie lernen vier Kinder unterwegs? Wie finanziert sich die Reise? Und wie viel Mut braucht es, in einer Region zu zelten, in der Bären keine theoretische Möglichkeit sind?

NomadKids direkt auf Spotify anhörenDer Player wird erst nach Zustimmung zu externen Medien geladen.

Aus einem Jahr wurde eine Reise ohne festes Ende

Die erste Idee war überschaubar: ein Jahr raus, Europa im Wohnmobil entdecken und danach weitersehen. Ihr Haus vermieteten Magda und Thomas zunächst. Die Kinder besuchten zuvor eine freie Schule, die den geplanten Schritt unterstützte, und für die erste Reisephase fühlte sich vieles erstaunlich leicht an.

Schon nach zwei oder drei Monaten merkten die beiden aber, dass sie länger unterwegs bleiben wollten. Rund eineinhalb Jahre reiste die Familie durch Europa – über den Balkan und Griechenland bis nach Kreta, später nach Schweden und auf die Iberische Halbinsel.

Europa war schön, fühlte sich für ihre Art zu reisen aber zunehmend eng an. Gerade an den beliebten Küsten Spaniens standen im Winter viele Wohnmobile. Magda und Thomas wollten nicht noch eine Familie sein, die knappen Raum, Wasser und Infrastruktur zusätzlich beansprucht. Sie suchten keine langen Reihen weißer Camper, sondern Berge, Seen und Wildnis.

Kanada wurde deshalb mehr als ein Punkt auf der Wunschliste. Es war die Aussicht auf Weite.

Warum aus dem Wohnmobil ein LKW wurde

Mit vier Kindern war von Anfang an klar, dass ein klassisches 3,5-Tonnen-Wohnmobil kaum passen würde. Kleidung und Betten sind dabei nur ein Teil der Rechnung. Die Familie kocht viel selbst, legt Wert auf gesunde Ernährung und nimmt dafür auch Küchengeräte und Vorräte mit.

Thomas machte den LKW-Führerschein. Trotzdem starteten sie zunächst mit einem sechs Tonnen schweren Fiat Ducato mit Vorderradantrieb. Auf ebenen Straßen funktionierte das gut. In Albanien und anderen bergigen Regionen zeigten sich jedoch schnell die Grenzen: wenig Bodenfreiheit, viel Gewicht und ein Antrieb, der sie nicht überall dorthin brachte, wo sie hinwollten.

Das schwarze LKW-Wohnmobil mit Dachterrasse hatten sie schon während der ersten Fahrzeugsuche gesehen. Damals lag es außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten. Monate später tauchte es wieder in den Kleinanzeigen auf, verschwand, erschien erneut – und stand schließlich bei einem Händler nahe Saarbrücken.

Magda und Thomas wollten es sich „nur ansehen“. Wenig später saßen sie mit Espressotassen auf der Dachterrasse und taten schon so, als wäre es ihres. Der Händler bot ihnen eine Art Mietkauf an. Nach einer Nacht Bedenkzeit unterschrieben sie.

Wir sind stehen geblieben, haben uns angeschaut und gesagt: „Springen wir?“ – „Springen wir.“ Und wir sind gesprungen.

Mit dem Fahrzeug fiel zugleich die Entscheidung, länger zu reisen. Einige Monate später verkauften sie ihr selbst gestaltetes Holzhaus in Österreich und bezahlten den LKW vollständig ab. Leicht war das nicht. Das Haus war kein beliebiger Besitz, sondern ein Ort, den sie selbst aufgebaut und mit viel Leben gefüllt hatten.

Ein großes Fahrzeug löst nicht jedes Problem

Die Dachterrasse ist bis heute eines der Lieblingsdetails am LKW. Eine Wasseraufbereitungsanlage kam später dazu. Trotzdem ist auch ein großes Reisemobil kein komfortables Haus auf Rädern, in dem einfach immer alles funktioniert.

Im ersten Jahr gab es Wasserlecks, in Spanien fiel die Heizung aus. Besonders absurd wurde es beim Einbau einer Verbrennungstoilette: Statt des bestellten gasbetriebenen Modells baute eine Werkstatt eine elektrische Variante für Ferienhäuser ein. Zweimal benutzen – und die Batterie des Wohnmobils wäre nahezu leer gewesen.

Und dann ist da die Küche. Für sechs Menschen mehrmals am Tag frisch zu kochen, braucht Arbeitsfläche. Genau davon gibt es im LKW zu wenig. Der geplante Umbau musste bislang hinter anderen Reparaturen zurückstehen.

Das ist eine der ehrlichen Seiten dieser Folge: Ein teures, großes Fahrzeug verhindert weder Pannen noch Fehlentscheidungen. Es verschiebt nur, welche Probleme unterwegs auftauchen.

Familienalltag zu sechst: drei Arten von Tagen

Einen typischen Tag gibt es bei Magda, Thomas und ihren Kindern kaum. Trotzdem erkennen sie drei wiederkehrende Rhythmen.

An Versorgungstagen werden Wasser und Gas aufgefüllt, Lebensmittel in mehreren Geschäften besorgt und andere praktische Dinge erledigt. Was in einer Wohnung nebenbei passiert, kann unterwegs einen ganzen Tag beanspruchen.

Dann gibt es ruhige Tage an einem schönen Platz. Morgens kocht die Familie häufig ein warmes Frühstück, zum Beispiel Hirse. Es folgt eine gemeinsame Arbeits- und Lernzeit am Tisch. Die Eltern arbeiten, die Kinder lesen, schreiben, rechnen oder zeichnen. Danach spielt sich möglichst viel draußen ab.

Und schließlich gibt es Abenteuertage: eine Wanderung mit vielen Höhenmetern, eine Mountainbike-Tour oder ein anderes Vorhaben, für das alle früher aufstehen und ihren Tag stärker planen.

Abends kommen sie wieder zusammen. Sie spielen Karten, essen gemeinsam und reflektieren den Tag. Jedes Kind führt mit den Eltern Tagebuch. Dabei geht es nicht nur darum, welchen See oder Berg sie gesehen haben, sondern auch um Gefühle, Dankbarkeit und die Frage, was ihnen an diesem Tag gutgetan hat.

Wenn jeder Tag anders ist, hilft ihnen das extrem, alles zu ordnen, was passiert.

Dieses Ritual klingt klein, trägt aber viel. Reisen bedeutet jeden Tag neue Eindrücke. Das Tagebuch schafft einen verlässlichen Moment, in dem alle zur Ruhe kommen.

Lernen unterwegs findet nicht nur am Tisch statt

Magda und Thomas sprechen bewusst von Lernzeit und nicht von einem kopierten Schulvormittag. Sie laden die Kinder zum konzentrierten Arbeiten ein, lassen ihnen dabei aber Spielraum, womit sie sich beschäftigen.

Ein großer Teil des Lernens entsteht ohnehin außerhalb des Fahrzeugs. In Mexiko lernten die Kinder Spanisch mit einem Native Speaker, in Kanada nutzen sie Englisch im direkten Kontakt. Ein Kind interessiert sich besonders für Vögel. Kolibris und Weißkopfseeadler werden dann nicht zu Bildern in einem Buch, sondern zu echten Beobachtungen: Was fressen sie? Bleiben sie im Winter im Norden? Wohin ziehen sie?

Mindestens genauso wichtig ist für die Eltern, was sich kaum in Schulfächer sortieren lässt. Die Kinder erleben, dass Pläne scheitern dürfen und trotzdem eine neue Lösung entsteht.

Sie lernen schon so früh, dass es so viele Möglichkeiten gibt – egal, worum es geht.

Reisen ersetzt dabei nicht automatisch jede schulische Struktur. Die Familie beschäftigt sich sehr bewusst mit Bildung. Aber sie sieht Lernen breiter: als Neugier, Anpassungsfähigkeit, Sprache, Naturbeobachtung und die Erfahrung, selbst nach Antworten suchen zu können.

Vier Kinder bedeuten sechs verschiedene Bedürfnisse

Das Reisen gefällt den Kindern, sagen Magda und Thomas. Trotzdem romantisieren sie es nicht. Der Jüngste war beim Start erst ein Jahr alt und kennt kaum ein anderes Leben. Das älteste Kind stand zum Zeitpunkt des Gesprächs kurz vor dem zwölften Geburtstag – und braucht naturgemäß etwas anderes als ein Vierjähriger.

Gerade im dünn besiedelten Norden fehlen manchmal gleichaltrige Kontakte. Abenteuer, Berge und Wildnis können Freundschaften nicht ersetzen. Deshalb plant die Familie Gemeinschaft aktiv ein. Für ein Treffen mit mehreren Reisefamilien flogen sie beispielsweise für fünf Wochen nach Mexiko. In Kanada probierten die Kinder Curling aus. Der Wunsch des Ältesten, zeitweise eine Schule zu besuchen, ließ sich vor Ort dagegen nicht ohne Weiteres umsetzen.

Die Eltern entscheiden die Route also nicht allein nach Landschaft und Wetter. Immer wieder müssen sie abwägen: Brauchen wir gerade Wildnis oder Gemeinschaft? Bewegung oder Ruhe? Familienzeit oder Kontakte nach außen?

Bedürfnisorientierung heißt hier nicht, dass jeder Wunsch sofort erfüllt wird. Es heißt zunächst, alle sechs Stimmen wahrzunehmen.

Ein ungeplanter Winter in Kanada

Eigentlich sollte es nach Mexiko weitergehen. Doch Alaska und der Yukon beeindruckten die Familie so sehr, dass sie spontan ein weiteres Jahr in Nordamerika bleiben wollte. Damit stand plötzlich ein kanadischer Winter im Kalender.

Über Weihnachten fanden sie einen Housesit. Danach zog es die Kinder zum Skifahren. In einem kleinen, familiären Skigebiet in British Columbia verbrachte die Familie zunächst einen normalen Skitag und produzierte einige Drohnenaufnahmen. Das Skigebiet sah die Videos und fragte an, ob Magda und Thomas Content für sie erstellen würden.

Aus dieser Begegnung entstand eine Kooperation: Die Familie produzierte Videos und konnte dafür mehrere Wochen kostenlos Ski fahren, Ausrüstung ausleihen, an der Lodge essen und mit dem Wohnmobil vor Ort stehen. Der jüngste Sohn lernte dort mit drei Jahren Ski fahren, der älteste produzierte eigene Videos.

Planen ließ sich das nicht. Entscheidend war vielmehr, dass die Familie ihre Fähigkeiten mitbrachte und offen genug war, aus einer zufälligen Begegnung ein gemeinsames Projekt entstehen zu lassen.

Wie finanziert sich das Leben unterwegs?

Die Familie lebt nicht von unbegrenzten Rücklagen. Unter dem Namen Entfaltungszeit haben Magda und Thomas ein Online-Business aufgebaut, dessen Wurzeln bis ins Jahr 2020 zurückreichen.

Heute arbeiten sie in mehreren Bereichen. Sie begleiten Eltern, entwickeln Online-Kurse und Inhalte rund um Familienleben, persönliche Entwicklung und Ernährung. Außerdem produzieren sie als User-Generated-Content-Creator Videos für Unternehmen, deren Produkte und Werte zu ihnen passen.

Das klingt flexibel – und ist trotzdem Arbeit. Business, Reisen, Versorgung und Bildung laufen parallel. Finanzielle Engpässe gab es ebenso wie Druck auf die Partnerschaft. Gerade aus einer solchen Phase entstand jedoch ein Kursprojekt, das den beiden besonders am Herzen liegt.

Die Freiheit dieses Lebens kommt also nicht ohne Verantwortung. Niemand zahlt automatisch weiter, wenn das Geschäft stockt. Gleichzeitig gestalten Magda und Thomas ihre Arbeit heute stärker aus dem heraus, was ihnen wirklich wichtig ist.

Alaska mit Kindern: Faszination und Respekt

An Alaska und dem Yukon fasziniert die Familie vor allem die unberührte, raue Landschaft. Wenige Siedlungen, klare Luft, Tundra und eine Weite, in der der Blick nicht an der nächsten Häuserreihe endet.

Wildnis ist dort allerdings nicht nur eine schöne Kulisse. Bei einer Fahrt beobachteten sie mehrere Grizzlys. Beim Wandern und Mountainbiken sind sie aufmerksam, machen sich bemerkbar und tragen Bärenspray beziehungsweise Bärenglocken. Beim Zelten bleiben Lebensmittel und Essensplatz weit vom Schlafplatz entfernt.

Magda und Thomas betonen ausdrücklich, dass sie keine Bärenexperten sind. Sie informieren sich, halten Abstand und respektieren grundlegende Regeln. Angst ist dabei nicht ihr Leitgefühl, Wachsamkeit schon.

Man ist nicht in Angst, aber einfach wachsamer. Alle Sinne sind viel offener.

Wichtig ist auch: Praktische Hinweise aus einem Podcast ersetzen keine aktuellen Vorgaben der Parks und lokalen Behörden. Wer selbst in Bärengebieten unterwegs ist, sollte sich vor Ort über Abstände, Lebensmittelaufbewahrung, erlaubte Ausrüstung und das richtige Verhalten bei Begegnungen informieren.

Was Familien vor einer langen Reise klären sollten

Beginnt nicht beim Fahrzeug oder bei der Route, sondern bei eurem Warum. Sprecht auch über Bildung, Finanzierung, Gesundheitsversorgung, Rücklagen und die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Familienmitglieder. Eine Reise löst bestehende Probleme nicht automatisch. Ein starkes gemeinsames Warum hilft aber, wenn Pläne scheitern oder schwierige Phasen kommen.

Freiheit bedeutet auch, Sicherheit neu zu verhandeln

Die Reise hat den Familienalltag entschleunigt. Thomas, der früher mehrere Tage pro Woche beruflich weg war, erlebt heute eine enge Bindung zu seinen Kindern. Magda beschreibt, wie der frühere Takt aus Aufstehen, Fertigmachen und Terminen ihr Nervensystem dauerhaft angespannt hatte. Unterwegs kann die Familie häufiger ihrem eigenen Rhythmus folgen.

Aber Selbstbestimmung ist nicht dasselbe wie Sorglosigkeit. Nach einem Snowboardunfall von Magda wurde die Organisation einer notwendigen Operation kompliziert. In solchen Momenten spürt die Familie, was ein vertrautes Versicherungs- und Gesundheitssystem leistet.

Auch Geldsorgen, Fahrzeugprobleme und die Verantwortung für jedes Detail verschwinden nicht. Das Reiseleben ist kein endloser Urlaub. Es tauscht äußere Vorgaben gegen mehr eigene Entscheidungen – und damit auch gegen mehr eigenes Risiko.

Gerade diese Ambivalenz macht das Gespräch stark. Magda und Thomas behaupten nicht, ihren Weg könne oder müsse jede Familie kopieren. Ihre Einladung ist eine andere: die eigenen Grenzen, Routinen und Vorstellungen überhaupt einmal zu hinterfragen.

Die Reise ist nicht die Lösung

Auf die Frage, was sie anderen Familien mitgeben würden, antworten Magda und Thomas nicht mit einer perfekten Packliste. Sie raten dazu, hinzuspüren: Was fühlt sich im jetzigen Leben nicht mehr stimmig an? Was möchte man stattdessen leben? Und welcher konkrete nächste Schritt führt dorthin?

Die Reise ist nicht die Lösung für die Probleme. Die Reise ist nur ein Startschuss für einen Prozess.

Das eigene Warum ist für sie wichtiger als die Route. Denn Begeisterung für das Leben anderer reicht selten, um die unvermeidlichen Krisen einer Langzeitreise zu tragen. Der Weg von Magda und Thomas ist ihrer – nicht die Anleitung für alle.

Vielleicht muss der nächste mutige Schritt deshalb gar kein Hausverkauf und keine Verschiffung nach Kanada sein. Vielleicht ist er kleiner. Entscheidend ist, dass er zur eigenen Familie passt.

Magda und Thomas findet ihr auf ihrer Website Entfaltungszeit und auf Instagram unter @entfaltungszeit.

Ihr könnt optionale Dienste einzeln erlauben. Die Auswahl lässt sich jederzeit über „Cookie-Einstellungen“ im Footer ändern.