Haus verkauft, Jobs gekündigt – und dann acht Monate Weltreise mit Kindern
Ein Haus, zwei feste Jobs, zwei Kinder und eigentlich genug Gründe, eine Weltreise immer weiter nach hinten zu schieben. Hatten Anna und Alex auch. Bis sie sich eine ziemlich unbequeme Frage stellten:
Was würden wir tun, wenn jemand von uns nur noch ein Jahr zu leben hätte?
Die Antwort war erstaunlich schnell da. Sie würden nicht im Haus sitzen, arbeiten gehen und darauf warten, dass irgendwann der perfekte Moment kommt. Sie würden losziehen.
Also haben sie genau das gemacht. Haus verkauft, Jobs gekündigt, fast alles abgegeben und am 1. Oktober saßen sie im Flieger. Acht Monate Weltreise mit zwei Kindern lagen vor ihnen. Klingt mutig, ein bisschen verrückt und nach sehr viel Planung. War es auch :D
Für den NomadKids Podcast haben wir mit Anna und Alex über ihre Entscheidung, 58 Unterkünfte, Heimweh, Homeschooling, Reisetage und das ziemlich schwierige Ankommen danach gesprochen.
Die Weltreise, für die es immer einen Grund dagegen gab
Der Traum von einer Weltreise war schon länger da. Aber wie das mit großen Träumen halt so ist: Der Alltag liefert zuverlässig gute Argumente, warum es gerade nicht geht.
Die Kinder kommen bald in die Schule. Acht Monate Auszeit im Job? Schwierig. Und dann war da noch das Haus. Vermieten, leer stehen lassen, sich aus der Ferne darum kümmern? Alles nicht wirklich unkompliziert.
Über Weihnachten und Neujahr 2024/2025 drehten Anna und Alex die Frage deshalb um. Nicht mehr: Warum geht es nicht? Sondern: Was hindert uns eigentlich wirklich daran?
Das Haus war am Ende ein materieller Wert. Nicht mehr und nicht weniger. Im Januar fiel die Entscheidung, im Februar begann die konkrete Planung und bereits im Mai war das Haus verkauft – ohne Inserat, möbliert und an Menschen, bei denen es sich für sie richtig anfühlte.
Der Rest des Hausrats kam in einen Container, nur drei Autominuten vom alten Zuhause entfernt. Ende September wurde ausgeräumt und übergeben. Am nächsten Tag ging es los.
Naja, „einfach mal machen“ klingt im Nachhinein natürlich leichter, als es ist. Trotzdem zeigt ihre Geschichte ziemlich gut, dass manche riesigen Hürden plötzlich kleiner werden, sobald die Entscheidung wirklich getroffen ist.
Schule unterwegs: Die befürchtete Hürde war plötzlich keine
Das Schulthema hatten Anna und Alex als einen der schwierigsten Punkte erwartet. In Österreich gilt allerdings Bildungs- statt Schulhauspflicht. Kinder dürfen im häuslichen Unterricht lernen, solange die entsprechenden Vorgaben erfüllt werden.
Noch überraschender war die Reaktion der Schule und der Bildungsdirektion: Statt Steine in den Weg zu legen, ermutigten sie die Familie. Die Kinder würden auf der Reise Dinge lernen, die kein Klassenzimmer vermitteln kann.
Und genau das passierte.
In Namibia besuchte die Familie ein Schulprojekt. In Südafrika machten sie bewusst eine Tour durch ein Township. Ihre Kinder erlebten, dass andere Kinder mehrere Kilometer zur Schule laufen – und sich trotzdem wahnsinnig auf den Unterricht freuen.
Was den Kindern aber genauso wichtig war? Spielen. Hautfarbe, Sprache, Haus oder Herkunft waren dabei ziemlich egal. Schere, Stein, Papier funktioniert offensichtlich auch am anderen Ende der Welt ;)
Kinder sehen Kinder. Und wenn sie miteinander spielen können, ist der Rest in diesem Moment gar nicht so wichtig.
Die Route: Viel geplant und trotzdem nicht alles festgezurrt
Gestartet sind die vier in Island und Norwegen. So war der Sprung vom österreichischen Herbst nicht direkt in tropische Hitze ganz so groß.
Die beiden Fixpunkte der Reise waren von Anfang an klar:
- rund zwei Monate Südafrika
- elf Wochen Australien
Darum herum entstand die weitere Route mit Namibia, Neuseeland, Singapur und Bali. Große Teile waren vorab ziemlich genau geplant. Am Ende standen etwa 58 Unterkünfte auf der Liste. Flüge und Unterkünfte für die zweite Hälfte wurden teilweise aber erst unterwegs final gebucht.
Das klingt für manche vermutlich nach zu viel Planung. Für eine Familie, die in acht Monaten einmal um die Welt möchte, nimmt ein grober Rahmen aber auch enorm viel Druck raus. Gerade wenn Homeschooling, Online-Arbeit und passende Unterkünfte zusammenpassen müssen.
Südafrika mit Kindern
In Südafrika waren Anna und Alex mit dem Mietwagen unterwegs. Von Port Elizabeth ging es über mehrere Safari-Lodges entlang der Garden Route bis nach Kapstadt.
Die Tiererlebnisse waren natürlich ein Highlight – nicht nur für die Kinder. Besonders geblieben sind aber auch die Menschen: Safari-Guides, die ihren Beruf mit so viel Leidenschaft machen, dass der Kontakt teilweise bis heute besteht.
Über die Sicherheitsfrage haben wir ebenfalls gesprochen. Südafrika hat seine Probleme, keine Frage. Die Familie hatte in zwei Monaten allerdings keine einzige Situation, die sich gefährlicher angefühlt hätte als in einer europäischen Großstadt. Mit gesundem Menschenverstand, guter Vorbereitung und dem Wissen, welche Gegenden man besser meidet, fühlten sie sich sicher.
Das deckt sich übrigens ziemlich genau mit unseren eigenen Erfahrungen aus zwei Monaten Elternzeit in Südafrika.
Australien brauchte etwas Zeit
Auf Australien hatten sich alle besonders gefreut. Vielleicht fast ein bisschen zu sehr.
Der berühmte Australien-Flash kam nämlich nicht direkt nach der Landung. Erst einmal kam der Supermarkt – und damit die Erkenntnis, dass elf Wochen hier finanziell spannend werden könnten :D
Mit der Zeit war er dann aber da, dieser besondere Vibe. Barfuß einkaufen, kilometerlange Strände, wenig Menschen, eine unglaubliche Tierwelt und Distanzen, bei denen „nicht weit“ auch mal eine Stunde Autofahrt bedeutet.
Australien war schließlich das erste Land, in dem die Kinder von sich aus sagten, dass sie sich angekommen fühlten. Oma und Opa könnten ja einfach auch dorthin ziehen. Problem gelöst.
Weltreise ist Alltag. Nur an anderen Orten.
24 Stunden am Tag als Familie zusammen zu sein klingt wunderschön. Ist es auch. Aber eben nicht jede einzelne Minute.
Die Diskussionen verschwinden nicht, nur weil draußen Palmen stehen. Die Familiendynamik reist mit. Besonders die ersten Reisetage waren für Anna und Alex anstrengend, weil auch ihnen als Eltern noch die Routine fehlte.
Kinder spüren Unsicherheit sofort. Während man also selbst versucht, am Flughafen nicht komplett durchzudrehen, soll man gleichzeitig ein müdes oder überfordertes Kind regulieren. Herrlich ;)
Mit jedem Reisetag wurde es leichter. Irgendwann räumten die Kinder beim Security-Check selbst ihre Rucksäcke aus, legten die Tablets aufs Band und wussten genau, was kommt. Aus gefühltem Chaos wurde Routine.
Das vielleicht wichtigste Learning daraus:
Was Reisetage leichter macht
Sprecht mit den Kindern darüber, was als Nächstes passiert, plant weniger knapp und gebt euch Zeit zum Ankommen. Kinder halten erstaunlich viel aus – aber sie spiegeln unsere eigene Anspannung ziemlich zuverlässig.
Heimweh darf mitreisen
Natürlich gab es Heimweh. Vor allem am Anfang fehlten Oma, Opa und die Freunde. Dann entstand langsam eine neue Routine.
Ein fester Videoanruf pro Woche, Gespräche mit den Freunden und Postkarten aus den verschiedenen Ländern hielten die Verbindung nach Hause. Die Kinder wussten: Da sind Menschen, die auf uns warten, und wir kommen wieder.
Besonders schwer wurde es, als die Großeltern die Familie in Australien besuchen wollten. Die Kinder hatten wochenlang die Tage gezählt. Wegen gesperrter Flugrouten musste die Reise kurzfristig abgesagt werden.
Da half kein „Aber schaut mal, wie schön es hier ist“. Die Enttäuschung war einfach da und durfte auch da sein.
Anna und Alex hatten von Anfang an vereinbart, dass jeder jederzeit sagen darf, wenn es ihm nicht gut geht. Denn acht Monate 24/7 zu viert funktionieren nur, wenn nicht immer alle tapfer lächeln müssen.
Und was kostet so eine Weltreise?
Anna und Alex waren bei dieser Frage sehr offen. Für die acht Monate hatten sie durchschnittlich etwa 20.000 Euro pro Monat eingeplant – inklusive Langstreckenflügen, Unterkünften, Mietwagen, Aktivitäten und laufendem Leben.
Das ist deutlich mehr als das Budget vieler anderer Reisefamilien. Sie haben nicht behauptet, dass eine Weltreise genau so viel kosten muss. Im Gegenteil: Wer langsamer reist, weniger fliegt, günstigere Länder wählt oder länger an einem Ort bleibt, kann mit einem Bruchteil davon auskommen.
Bei ihrer Reise kamen viele teure Länder, häufige Ortswechsel und besondere Erlebnisse zusammen. Gleichzeitig haben sie sehr bewusst entschieden, wofür sie Geld ausgeben.
700 australische Dollar für ein Koala-Foto? Nein.
Ein Flug über das Great Barrier Reef? Ja.
Genau diese Prioritäten muss am Ende jede Familie selbst setzen.
Der 38. Tempel kann dann auch mal warten
Die letzte Station war Bali. Und ausgerechnet dort fühlte sich die Weltreise zum ersten Mal ein bisschen wie Urlaub an.
Nicht, weil Bali grundsätzlich entspannter als alle anderen Orte gewesen wäre. Sondern weil die Familie aufgehört hatte, noch jede Sehenswürdigkeit von einer Liste abzuhaken.
Eine Kooperationsanfrage für einen Vulkanausflug mit Abfahrt um 2:30 Uhr? Keine Chance. Niemand weckt nach acht Monaten Reise freiwillig zwei Kinder mitten in der Nacht, nur weil man das eben „gemacht haben muss“.
Am Anfang hätten Anna und Alex solche Pläne vielleicht noch durchgezogen. Am Ende war klar:
Ob wir uns jetzt noch den 38. Tempel ansehen, war für uns völlig irrelevant.
Das finden wir ziemlich nachvollziehbar. Irgendwann sind ein langsamer Morgen, ein funktionierender Alltag und entspannte Kinder mehr wert als das nächste perfekte Foto.
Nach der Weltreise wieder nach Hause kommen
Nach Bali bei zehn Grad und Regen in München zu landen, war hart. Die Familie freute sich auf Freunde und Verwandte – und fragte sich gleichzeitig: Was machen wir hier eigentlich?
Ein neues Haus kaufen und wieder genau in das alte Leben zurückkehren möchten sie nicht. Stattdessen soll eine kleine Homebase in Österreich entstehen. Die schönen Monate dort, die kalten Monate vielleicht unterwegs. Flexibel bleiben, weitere Projekte starten und die Welt weiter anschauen.
Auswandern? Gerade nicht unbedingt.
Wieder komplett sesshaft werden? Aber auch nicht.
Vielleicht muss es am Ende gar nicht das eine oder das andere sein.
Was nach acht Monaten geblieben ist
Anna und Alex nennen ihre Reise eine Gefühlsachterbahn. Freude, Heimweh, Angst, Mut, Abenteuer, Traurigkeit – einmal das komplette Programm.
Sie haben gelernt, dass sehr viele Sorgen nie eintreten. Dass Kinder oft flexibler sind als Erwachsene. Dass eine Langzeitreise kein achtmonatiger Urlaub ist. Und dass die Fremde meistens nur so lange fremd bleibt, bis man ihr ein bisschen Zeit gibt.
Ihr Leitsatz stammt aus einem Kinderbuch, das ihr Sohn vor der Reise zufällig in der Bücherei ausgesucht hatte:
Die Fremde ist nur fremd, solange der Fremde sie nicht kennt.
Eigentlich eine ziemlich gute Zusammenfassung für eine Weltreise mit Kindern.
Anna und Alex findet ihr auf Instagram unter @alexwenger.life.