Christoph Karrasch über Reisen, Familie und magische Abenteuer für Kinder
Seit fast 16 Jahren reist Christoph Karrasch beruflich um die Welt. Er hat Reportagen für Galileo gedreht, sich bei „In 10 Tagen um die Welt“ von seiner Community von Kontinent zu Kontinent schicken lassen und dabei ziemlich viele Geschichten gesammelt. Heute ist er außerdem zweifacher Vater – und Kinderbuchautor.
Für den NomadKids Podcast haben wir mit Christoph darüber gesprochen, warum schnelles Reisen nur einen flüchtigen Blick auf ein Land erlaubt, was sich beim Reisen mit Kindern verändert und weshalb Kinder manchmal die besseren Reisepläne machen. Und natürlich geht es um seine Buchreihe „Rios magische Reisen“, in der echte Orte zum Schauplatz großer Abenteuer werden.
Ich bin der festen Überzeugung, dass Reisen und sich für Kulturen, für Sprachen, für anderes Essen zu interessieren, dass das was macht mit dem Weltbild, mit hoffentlich einer Weltoffenheit und nicht einer Weltverschlossenheit.
In zehn Tagen um die Welt – und warum Tiefe Zeit braucht
Das Projekt „In 10 Tagen um die Welt“ liegt inzwischen zwölf Jahre zurück. Christoph ordnet im Gespräch selbst ein, dass eine Reise mit Langstreckenflügen auf jedem Kontinent heute kein zeitgemäßes Konzept mehr wäre. Damals war es vor allem ein interaktives Experiment: Seine Facebook-Community bestimmte die Route mit und stimmte darüber ab, welche Aufgaben er unterwegs erfüllen sollte.
So trat er in Las Vegas bei einer Zaubershow auf, flog beim Paragliding über die Pazifikküste von Lima und sprang in Auckland vom Sky Tower. In Kathmandu lautete eine Aufgabe dagegen schlicht: Tu etwas Gutes. Aus Action, Spaß und Begegnungen entstand ein Format, das stark von seinem Live-Charakter lebte.
Aber Christoph sagt auch ganz klar, was man auf so einer Reise nicht bekommt:
Man lernt natürlich nichts Intensives, Tiefergehendes über die Kulturen, die Länder, in denen man sich gerade befindet.
Ein Bild von einem Ort, ein erster Eindruck, vielleicht ein Moment, der bleibt – ja. Wirklich eintauchen? Dafür braucht es mehr Zeit. Das gilt für eine rasante TV-Reise genauso wie für unseren manchmal etwas zu voll gepackten Familienurlaub.
Wenn eine Reportage zu gefährlich wird
Berufliches Reisen bedeutet für Christoph nicht Slow Travel. Seine längsten Reisen dauerten nie länger als vier Wochen, waren dafür aber intensive Arbeitsreisen mit engem Drehplan. Besonders präsent ist ihm eine vierwöchige Produktion aus dem Jahr 2023, die ihn nach Neuseeland, Fidschi und Australien führte.
Manche Erfahrungen entstehen allerdings nicht aus dem Drehbuch. Bei einer Reportage in einer Goldmine im Süden Kolumbiens wurde die Situation für das Team unberechenbar. Christoph und seine Kollegen wurden bedroht; schließlich riet auch der Minenbesitzer vor Ort zum Abbruch. Es blieb der erste und bisher einzige Dreh, den Christoph aus Sicherheitsgründen abbrechen musste.
Dabei ist ihm eine Einordnung wichtig: Ein ausländisches Kamerateam ist Gast. Die Menschen vor Ort haben jedes Recht, Fragen zu stellen, Grenzen zu setzen oder einen Dreh nicht zu wollen. Gleichzeitig hat die Erfahrung seinen Blick auf berufliche Risiken verändert.
Seit er Vater von zwei Kindern ist, wählt er Themen sorgfältiger aus. Relevanten Geschichten geht er nicht aus dem Weg. Gefahr nur um der Unterhaltung willen braucht er aber nicht.
Ich möchte echt wahnsinnig gerne gesund nach Hause kommen und am Stück. Und meine Familie möchte das auch.
Lieblingsland? Argentinien war die Überraschung
Die USA und Thailand gehören für Christoph zu den offensichtlichen Favoriten. Wirklich überrascht hat ihn aber Argentinien.
Bei einem Roadtrip ins Hochland erlebte er Salzpfannen, farbige Hochplateaus und diese enorme Weite, in der manchmal nur ein Alpaka am Straßenrand auftaucht. Mit dem Auto ging es Stück für Stück bis auf etwa 4.000 Meter Höhe. Gerade die karge, einsame Landschaft ist ihm geblieben.
Vielleicht sind es genau solche Orte, die Reisen so spannend machen: nicht nur die Ziele, von denen wir schon jahrelang Bilder im Kopf haben, sondern diejenigen, die uns völlig unerwartet erwischen.
Reisen mit Kindern: mehr planen, weniger Tempo
Christoph trennt klar zwischen seinen Arbeitsreisen und privaten Familienreisen. Seine Frau und die beiden Kinder waren bisher bei keiner Produktion dabei. Während eines Drehs wäre er den ganzen Tag beschäftigt – und am Ende hätten weder er noch seine Familie etwas von der gemeinsamen Reise.
Privat hat sich ihr Reisestil mit den Kindern deutlich verändert. Früher durfte vieles spontan sein: morgens noch nicht wissen, wo man abends schläft, einfach losfahren und unterwegs entscheiden. Mit Kindern plant die Familie mehr vor und nimmt Tempo heraus.
Das beste Beispiel sind zwei Wochen New York. Statt jeden Tag möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuhaken, lagen sie zwischendurch einfach im Park, machten Picknick und spielten Frisbee. Auch das ist New York. Und für Kinder kann genau so ein unspektakulärer Tag ein richtig guter Reisetag sein.
Gang rausnehmen – und es ist trotzdem genauso schön.
Kinder bei der Reiseplanung mitreden lassen
Je älter die Kinder werden, desto wichtiger wird ihr eigener Zugang zum Reiseziel. Christoph fragt deshalb, was sie sich unter einem Ort vorstellen und was sie dort gern erleben möchten.
Die Antworten kommen oft aus Büchern, Filmen oder einzelnen Bildern, die irgendwann hängen geblieben sind. Sie haben nicht unbedingt etwas mit der klassischen „Must-see“-Liste zu tun – und gerade das macht sie wertvoll. Kinder achten auf andere Dinge. Wenn wir ihrem Blick folgen, entdecken wir oft Details, an denen wir mit unserem Erwachsenenprogramm vorbeigelaufen wären.
Und manchmal hilft ein sehr konkretes Ziel: Beim Spaziergang über die Brooklyn Bridge wusste Christoph schon, dass auf der anderen Seite eine besonders gute Eisdiele wartet. Mit dieser Information lief der Weg plötzlich erstaunlich gut ;)
Unser Tipp für entspanntere Familienreisen
Plant bewusst weniger Programmpunkte ein und lasst jedes Familienmitglied einen Wunsch für das Reiseziel nennen. Ein Parknachmittag, eine bestimmte Aussicht oder das Eis am Ende eines Spaziergangs dürfen genauso wichtig sein wie eine berühmte Sehenswürdigkeit. So wird aus eurem Plan eine gemeinsame Reise.
Papa ist manchmal ganz da – und manchmal ganz weg
Für Christophs Kinder ist sein Beruf erstaunlich normal. Wenn eine aktuelle Reportage im Fernsehen läuft, wird sie im Freundeskreis zwar zum Thema. Zu Hause gehört aber auch die andere Seite dieses Berufs zum Alltag: Papa ist entweder zu 100 Prozent da oder zu 100 Prozent unterwegs.
Gerade für kleine Kinder ist schwer greifbar, warum ein Elternteil längere Zeit weg ist. Abschied und Vermissen werden nicht dadurch leichter, dass der Beruf spannend klingt. Christoph versucht deshalb, die Zeit zu Hause besonders bewusst mit der Familie zu verbringen.
Schön ist wiederum, dass seine Kinder später sehen können, woran er gearbeitet hat. Vor allem sein Sohn fragt aktiv nach den Sendeterminen und schaut die Beiträge gern gemeinsam mit ihm an. So wird aus der abstrakten Abwesenheit eine Geschichte, die sie miteinander teilen können.
Was Reisen mit dem Weltbild von Kindern macht
Christoph selbst lebt mit seiner Familie sesshaft in Kiel. Er mag die Verwurzelung und findet es schön zu sehen, wie seine Kinder an dem Ort, an dem auch er aufgewachsen ist, ihr eigenes Sozialleben aufbauen. Eine Langzeitreise war deshalb für seine Familie nie das passende Modell.
Gleichzeitig blickt er mit viel Anerkennung auf Familien, die genau diesen Weg wählen. Für ihn ist es eine Typfrage: Wer sich mit Kindern auf einer Langzeitreise wohlfühlt, sollte losziehen. Wer eine feste Basis braucht, darf genauso reisen – nur eben anders.
Unabhängig vom Modell hält er Reisen für enorm wertvoll. Kinder erleben andere Sprachen, anderes Essen und andere Lebensrealitäten. Sie können dadurch nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Zuhause bewusster einordnen.
Gerade in einer Zeit, in der Nachrichten aus Krisenregionen ständig verfügbar sind, kann die eigene Erfahrung ein wichtiges Gegengewicht sein:
Es ist ein gutes Gegengewicht, unterwegs zu sein und sich selber ein Bild zu machen von der Welt.
Wie aus Reiseerlebnissen Kinderbücher wurden
Als Christophs Kinder ins Selbstlesealter kamen, fiel ihm etwas auf: In vielen Kinderbüchern reisen die Figuren zwar, aber häufig in fantastische Welten. Drachenreiche und Zauberwälder sind toll – nur bieten auch die realen Orte dieser Erde mehr als genug Stoff für Abenteuer.
Christoph hatte nach vielen Jahren als Reisereporter einen großen Fundus an Schauplätzen und Erlebnissen im Kopf. Daraus entwickelte sich die Idee zu „Rios magische Reisen“.
Für die Bücher musste er seinen Blick trotzdem neu trainieren. Unterwegs fragte er sich immer wieder: Was würden meine Kinder hier sehen? Worauf würde ein Kind auf diesem Platz, in dieser Straße oder in dieser Landschaft achten?
Eine gute Reisegeschichte für Kinder muss für ihn bildlich sein und zugleich Themen aufgreifen, die zu ihrer Lebenswelt gehören. Die Figuren dürfen sich über ganz normale Dinge streiten, Sorgen haben und Erfolge feiern. Die Reise soll nicht mit Erwachsenengedanken überladen werden.
Das Hotel Fernweh und seine magischen Türen
Rio ist zehn Jahre alt und lebt im Hotel Fernweh, das seine Eltern betreiben. Die Zimmer sind wie verschiedene Orte auf der Welt gestaltet: Es gibt unter anderem ein Paris-, Sahara-, Savannen- und New-York-Zimmer.
Eines Tages entdecken Rio und seine drei Freunde, dass diese Zimmer tatsächlich an die echten Orte führen. Im ersten Band öffnet sich die Tür des New-York-Zimmers nicht mehr zum Hotelflur, sondern direkt zum Times Square. Dort beginnt eine rätselhafte Mission, bei der sich die vier wie bei einer Schnitzeljagd durch die Stadt bewegen.
Die bislang drei Bände führen nach:
- New York
- zum Kilimandscharo und in die Savanne Kenias
- auf einen Zugtrip durch Italien
Ob die Reihe nach Band drei weitergeht, war zum Zeitpunkt des Gesprächs noch offen. Ideen hat Christoph genug: Japan und der Amazonas stehen bereits auf seiner Wunschliste.
Die strengsten Lektorinnen und Lektoren saßen zu Hause
Die Bücher wurden zu einem Familienprojekt. Christophs Kinder lasen mit und sagten ziemlich direkt, wenn ein Wort zu erwachsen klang oder Rio etwas ihrer Meinung nach ganz anders ausdrücken würde.
Dieses ehrliche Feedback half ihm, näher an der Sprache seiner jungen Leserinnen und Leser zu bleiben. Denn ein Erwachsener kann versuchen, den Kinderblick einzunehmen – Kinder merken trotzdem sofort, wenn etwas nicht passt.
Auch die Botschaft der Geschichten hängt eng mit Christophs Reiseerfahrungen zusammen: offen durch die Welt gehen, Menschen ansprechen und sich trotz Nervosität etwas trauen. Rio selbst bewundert seine Freundin Nelly dafür, wie frei und neugierig sie auf andere zugehen kann.
Geh mit offenen Augen durch die Welt.
Mut bedeutet dabei natürlich nicht, unüberlegt irgendwo hinunterzuspringen. Sondern die eigene Scheu zu überwinden, Fragen zu stellen und eine Begegnung zuzulassen.
Reisen kann auch im Kinderzimmer beginnen
Nicht jede Familie kann regelmäßig oder weit reisen. Christoph betont deshalb, dass Reisegeschichten auch zu Hause ein Fenster zur Welt öffnen können. Ein Kind kann auf dem Sofa liegen und trotzdem Bilder von New York, Kenia oder Italien im Kopf entstehen lassen.
Gerade weil Bewegtbilder auf dem Handy oder bei Streamingdiensten jederzeit verfügbar sind, möchte er den Wert von Büchern hochhalten. Geschichten lassen Raum für die eigene Vorstellung – und manchmal beginnt Fernweh eben nicht am Flughafen, sondern auf der ersten Seite.
Zum Abschluss der Folge hat Christoph sogar seine Ukulele hervorgeholt und den Titelsong von „Rios magische Reisen“ gespielt. Mehr Fernweh in 41 Podcast-Minuten geht eigentlich kaum.
Christoph findet ihr auf Instagram unter @christophkarrasch.
Die drei bisher erschienenen Bücher:
- Rios magische Reisen – Plötzlich in New York (Band 1)
- Rios magische Reisen – Unsichtbar am Kilimandscharo (Band 2)
- Rios magische Reisen – Pizza-Alarm in Italien (Band 3)