Podcast-Interview ·

Familienleben wie Nomaden – mit Kind in einer Jurte in der Mongolei

Morgens ist die Jurte kalt. Der Ofen ist längst ausgegangen, manchmal zeigt das Thermometer null Grad, einmal waren es sogar minus sechs. Draußen warten bei minus 25 Grad die Yaks, 300 bis 400 Meter weiter unten fließt ein schmaler Bach – und bevor die Tiere dort trinken, muss das Wasser für den Tag geholt sein.

Für Anna, Michael und ihre dreijährige Tochter Anouk ist das kein kurzer Abenteuerurlaub. Nach 15.000 Kilometern in ihrer alten Feuerwehr Ruby leben sie für ein Jahr in der Mongolei. Ihre eigene Jurte steht neben der von Otschi und Cegi, einem Nomadenpaar, das sie schon von einer früheren Reise kannte.

In dieser Folge des NomadKids Podcasts sprechen wir darüber, wie aus einer Reise ein Zuhause in der Steppe wurde. Es geht um offene Jurtentüren, nasses Feuerholz, vier Stunden für ein Familienbad, traditionelle Rollenbilder und die Frage, wie tief man in eine Kultur eintauchen kann, ohne die eigenen Werte aus den Augen zu verlieren.

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Vom Jakobsweg bis in die mongolische Steppe

Die Geschichte von Anna und Michael beginnt 2019 auf dem Jakobsweg. Michael hatte seinen Bürojob gekündigt, die Wohnung aufgegeben und wollte auf Weltreise gehen. Gleich am ersten Tag lernte er Anna kennen. Sechs Wochen pilgerten sie gemeinsam, verliebten sich und reisten weiter: mit dem Fahrrad bis zum Nordkap, per Anhalter nach Russland, mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Mongolei und schließlich über Land bis Nepal.

Dort stoppte die Pandemie ihre Reise. Aus wenigen geplanten Wochen wurden fast sechs Monate in einem Bergdorf am Fuß des Himalayas. Sie halfen auf den Feldern, lernten ihre Nachbarschaft kennen und merkten, wie gut es ihnen tat, nicht alle paar Tage weiterzuziehen.

Diese Zeit veränderte ihren Blick aufs Reisen. Für die Mongolei wollten sie deshalb keine schnelle Rundreise, sondern eine feste Basis. Einen Ort, an dem Freundschaften entstehen und Alltag überhaupt erst sichtbar wird.

Wir wollen eine Base haben und wir wollen richtig ankommen und wir wollen Freundschaften schließen.

Zurück in Deutschland zogen die beiden in ein winziges Dorf in Thüringen. Dort entstanden ihr Film und ihr Buch über die Himalaya-Reise – und ihre Tochter Anouk. Schon vor ihrer Geburt stand fest, dass die alte Feuerwehr, die sie zum Camper umbauen wollten, vorne drei Sitze haben musste.

15.000 Kilometer in einer alten Feuerwehr

Der Ausbau von Ruby war weniger romantisch, als fertige Camperfotos vermuten lassen. Michael plante lange, recherchierte Bauteile und schob den eigentlichen Start vor sich her. Kurz vor einer Kinotour blieben schließlich nur drei Wochen für den Innenausbau. Mit viel Hilfe von Annas Vater, Tag- und Nachtschichten und einer Corona-Erkrankung mitten in der heißen Phase wurde die Feuerwehr gerade noch rechtzeitig fertig.

Neun Monate vor dem Podcastgespräch brachen Anna, Michael und Anouk auf. Nach 15.000 Kilometern erreichten sie die Mongolei – jenes Land, das sie schon 2019 fasziniert hatte: von Weitem karg und menschenleer, hinter den Türen der vereinzelten Jurten aber warm und herzlich.

Ein Jahr bleiben zu dürfen, war trotzdem alles andere als einfach. Ein ursprünglicher Kontakt für das Visum sprang ab, als die Familie bereits unterwegs war. Schließlich half eine mongolische Freundin, die eine NGO rund um die Jurte gegründet hatte. Michael arbeitet für die Organisation an einem Filmprojekt und erhielt darüber einen Aufenthaltstitel.

Eine eigene Jurte wird zum Zuhause

Ihre Jurte ließen Anna und Michael in einem kleinen Familienbetrieb in Ulaanbaatar bauen. Was zunächst nach einem runden weißen Zelt klingt, brachte überraschend viele Entscheidungen mit sich: vier oder fünf Wandelemente, welche Filzschichten, welcher Boden, welche Dämmung?

Sie entschieden sich für eine kleine Vier-Wand-Jurte mit ungefähr sechs Metern Durchmesser und rund 15 Quadratmetern. Nach sechs Monaten auf etwa fünf Quadratmetern in der Feuerwehr fühlte sich das plötzlich luxuriös an.

Eingerichtet ist sie weitgehend traditionell. Die Tür zeigt nach Süden. Rechts und links stehen die Betten, in der Mitte der Ofen. Gegenüber dem Eingang, wo in mongolischen Jurten häufig ein kleiner Schrein steht, befinden sich bei ihnen Esstisch und Anouks Spielecke. Eine kleine Küchenecke, ein Wasserkanister und ein simples Waschbecken mit Eimer vervollständigen das Zuhause.

Nur die traditionelle Aufteilung in Männer- und Frauenseite haben sie vertauscht. Anna und Anouk wollten unbedingt in dem großen roten Holzbett schlafen, das sie von Freunden bekamen. Das passte räumlich aber nur auf die Männerseite. Also schläft Michael nun auf der Frauenseite ;)

Wenn der Morgen bei null Grad beginnt

Am Abend heizt der kleine Ofen die Jurte auf gemütliche 25 Grad. Solange jemand wach ist, wird Holz nachgelegt. Nachts lassen sie das Feuer ausgehen – genau wie ihre mongolischen Nachbarn. Durchheizen hieße, alle zwei Stunden aufzustehen.

Bis zum Morgen sinkt die Temperatur meist auf etwa null Grad. Gute Schlafsäcke und Kamelhaardecken halten die Familie warm. Das Aufstehen bleibt trotzdem hart. Wenn das gelieferte Holz nass ist und das Feuer nicht gleich angeht, liegen die Nerven auch mal blank.

Wenn dann nach einer Stunde wieder 25 Grad sind, während draußen minus 25 Grad sind, dann ist alles wieder gut und vergessen.

Geheizt wird nicht nur mit Holz. In der Steppe sammeln die Menschen getrockneten Yakdung, der gut brennt und Wärme liefert. Anna und Michael legten im Herbst fünf Säcke davon an – im Winter waren sie schnell aufgebraucht.

Der Rhythmus des Tages richtet sich nicht nach Terminen, sondern nach Wärme, Licht, Wasser und Tieren. Morgens stehen Yaks vor der Jurtentür. Michael hilft beim Melken, später trinken alle gemeinsam Tee. Aus einem spektakulären Reiseprojekt ist ein ziemlich handfester Alltag geworden.

40 Liter Wasser und ein vierstündiges Bad

Wasser kommt nicht aus einem Hahn. Die Familie läuft 300 bis 400 Meter bergab zu einem kleinen Bach und trägt anschließend einen 40-Liter-Kanister wieder hinauf. Fast der gesamte Bach friert im Winter zu. Ausgerechnet an ihrer Wasserstelle bleibt er offen – warum, konnten ihnen auch die Nachbarn bisher nicht erklären.

Sie müssen früh dort sein, bevor Pferde, Ziegen, Schafe und Yaks trinken und das Wasser verschmutzen. Zur Sicherheit kochen Anna und Michael alles ab. Wasser holen, Feuer machen und die Tagesration erhitzen gehören zu den ersten Aufgaben am Morgen.

Wie viel Arbeit in etwas so Selbstverständlichem steckt, zeigt sich besonders beim Waschen. Wasser tragen, Holz vorbereiten, Feuer machen, Wasser erhitzen, die Zinkwanne füllen und das Abwasser anschließend weit genug wegbringen, damit vor der Jurte keine Eisfläche entsteht: Wenn alle drei baden, dauert das ungefähr vier Stunden.

Anouk erlebt dieses Leben nicht als Verzicht, sondern als Normalität. Seit einem großen Teil ihres bewussten Lebens ist sie unterwegs. Anna und Michael fragen sich eher, wie fremd ihr nach der Rückkehr ein Alltag vorkommen wird, in dem für Kaffeemaschine, Waschmaschine und Toilettenspülung einfach Knöpfe gedrückt werden.

Mit dem Fernglas auf der Suche nach Kindern

Bevor die Familie ihren Winterplatz fand, war ein Punkt besonders wichtig: Andere Kinder sollten in der Nähe leben. Anouk sollte in der Steppe nicht vereinsamen.

Also kauften Anna und Michael ein Fernglas und suchten die Landschaft nach Hinweisen ab. Stand vor einer Jurte ein Bobbycar? Trocknete dort Kinderwäsche? Lag Spielzeug vor der Tür? Dann näherten sie sich mit Ruby und warteten. Häufig kam bald jemand neugierig auf dem Pferd oder Motorrad herüber und lud sie zum Tee ein.

Wir haben geguckt, wo vielleicht so ein Bobbycar davor steht oder Kinderwäsche an der Jurte draußen trocknet. Und haben einfach nach Kindern gesucht und nach Familien.

Am Ende entschieden sie sich trotzdem für Otschi und Cegi. Das vertraute Gefühl war wichtiger als die perfekte Checkliste. Und wie so oft kam es anders als gedacht: In der Nachbarschaft leben acht Kinder, die Anouk regelmäßig besucht.

Eine offene Tür – und eine andere Art von Gastfreundschaft

In einer mongolischen Jurte wird nicht unbedingt angeklopft. Besucher machen sich bemerkbar, treten ein und bekommen meist sofort einen Platz und Tee angeboten. Manchmal sitzt man eine Viertelstunde zusammen, ohne viel zu sprechen. Die Jurte ist besonders im Winter auch ein Ort zum Aufwärmen und Stärken.

Anna und Michael hatten bereits in Deutschland Mongolisch gelernt; Michael seit mehr als zwei Jahren. Für Smalltalk und Alltagsthemen reicht es inzwischen. Tiefe Gespräche bleiben schwierig, aber Nähe entsteht ohnehin nicht nur durch Worte.

Beim Aufbau ihrer Jurte halfen die Nachbarn ganz selbstverständlich. Morgens wird gemeinsam gemolken, danach gibt es Tee, Essen und Rezeptaustausch. Cegi freute sich auf die Gesellschaft und Unterstützung, weil sie mit den Tieren oft allein ist, während Otschi in den Bergen unterwegs ist. Aus anfänglicher Neugier wurde ein Geben und Nehmen.

Zwischen eigenen Werten und kulturellem Eintauchen

Besonders schwierig ist für Anna und Michael das Essen. In Deutschland lebten beide lange vegan oder vegetarisch, auch Anouk wuchs vegetarisch auf. In der Mongolei ist Fleisch dagegen eng mit Alltag, Versorgung und Identität verbunden. Die Familie entschied, bei Einladungen mitzuessen, um die Gastfreundschaft anzunehmen und die Kultur nicht aus sicherer Distanz zu betrachten.

Das fiel ihnen nicht leicht. Michael erlebte bei einer Schlachtung eine persönliche Grenzüberschreitung und hatte danach Albträume. Gleichzeitig sahen beide, wie unmittelbar dort die Beziehung zwischen Herde und Nahrung ist und wie wenig vom Tier verschwendet wird. Sie beschönigen den inneren Konflikt nicht. Für die Rückkehr nach Deutschland planen sie, wieder vegetarisch zu leben.

Auch die traditionellen Geschlechterrollen fordern sie heraus. Michael wird zur Arbeit mit den Tieren mitgenommen, Anna wird trotz ihrer Angebote häufiger gebeten, mit Anouk in der Jurte zu bleiben und zu kochen. Zu Hause teilen sie Betreuung und Aufgaben gleichberechtigt. In der Steppe rutschen sie in Rollen, die sich für beide fremd anfühlen.

Ganz aufgeben wollen sie ihre Regeln deshalb nicht: Bei ihnen spült weiterhin derjenige, der nicht gekocht hat. Wenn Cegi Michael beim Abwasch auf dem Boden sitzen sieht, sorgt das schon mal für Verwunderung. Kulturelles Eintauchen bedeutet eben nicht, alles unkommentiert zu übernehmen.

Strom aus der Feuerwehr, Internet vom Berg

Zwei Solarpaneele mit zusammen 300 Watt laden die Wohnbatterie der Feuerwehr. Ein langes Kabel bringt den Strom in die Jurte. Das ist gar nicht so ungewöhnlich: Auch viele mongolische Familien versorgen über Solarpaneel und Autobatterie Licht, Handy oder Fernseher.

Handyempfang gibt es an der Jurte allerdings nicht. Dafür muss eines der Handys ungefähr 50 Meter höher auf den Berg. Anna und Michael packen es zusammen mit einer Powerbank in dicke Handschuhe, legen beides auf ein Kinderstühlchen und richten einen Hotspot ein. Das zweite Handy kann sich dann aus der warmen Jurte verbinden.

Praktisch ist das nur bedingt – vor allem, weil das Handy später bei minus 20 Grad wieder eingesammelt werden muss. Anna empfindet diese umständliche Verbindung inzwischen auch als Geschenk. In der Stadt steigt ihre Bildschirmzeit sofort. In der Steppe sind Feuer, Essen, Wasser und Tiere wichtiger.

Abenteuer braucht ein Fallnetz

Bei aller Offenheit haben Anna und Michael ihren Winterplatz nicht leichtfertig gewählt. Mit einem kleinen Kind war ihnen wichtig zu wissen, wie sie im Notfall medizinische Hilfe erreichen.

Der nächste Arzt ist ungefähr eine Stunde entfernt. Etwa zwei bis drei Kilometer von der Jurte verläuft eine unbefestigte Straße, an der jeden zweiten Tag ein Fernbus nach Ulaanbaatar vorbeikommt. Die Fahrt dauert rund acht Stunden; in der Hauptstadt gibt es ein internationales Krankenhaus. Das ist kein komfortables Sicherheitsnetz, aber eines, das sie bewusst in ihre Entscheidung einbezogen haben.

Im Alltag sind eher die frei laufenden Pferde eine unmittelbare Gefahr, weshalb Anouk Abstand halten soll. Außerdem gibt es Wölfe, die sie nachts bereits gehört haben. Für die Nomaden sind sie vor allem eine reale Bedrohung für schwache oder junge Herdentiere.

Was Familien aus dieser Reise mitnehmen können

Langsames Reisen braucht mehr als Zeit. Klärt Aufenthalt, medizinische Versorgung, Wasser, Wärme und Kontakte vor Ort – und lasst trotzdem Raum für Ungeplantes. Anna und Michael konnten so tief in den Alltag eintauchen, weil sie eine feste Basis hatten, die Sprache lernten und Hilfe nicht als Scheitern, sondern als Teil des Plans verstanden.

Nicht der Feiertag, sondern die anderen 99 Prozent

Adlerjäger, Pferderennen und große Feste gibt es in der Mongolei wirklich. Anna und Michael reizen aber gerade die unspektakulären Tage: morgens die Tiere, tagsüber die Herde, abends Essen und Tee in der Jurte, danach eine Stille, wie man sie in Deutschland kaum findet.

Für uns hat es einen unglaublichen Reiz, diese anderen 99 Prozent des Nomadenlebens kennenzulernen.

Bis April oder Mai wollen sie an ihrem Winterplatz bleiben. Danach soll Ruby wieder zum Einsatz kommen. Eine feste Route haben sie nicht. Ihr eigentliches Ziel war nie eine Liste mongolischer Sehenswürdigkeiten, sondern das Leben in der Jurte und der Alltag mit den Nomaden.

Was von einem Jahr Nomadenleben bleiben soll

Anna und Michael verstehen sich nicht als Aussteiger für immer. Sie mögen ihr Leben in Deutschland, vermissen Familie, Freunde, ihre Sprache und tiefere Gespräche. Irgendwann träumen sie von einem alten Hof im Grünen, vielleicht mit Tieren. Wie Reisen dann mit Kindergarten und Schule aussehen wird, wissen sie noch nicht.

Ein großes Erinnerungsstück soll auf jeden Fall mitkommen: ihre Jurte. Wie sie die Konstruktion nach Deutschland transportieren, ist noch offen. Vielleicht wird sie Gästehaus, vielleicht ein Ort zum Leben. Und wenn die Familie eines Tages weniger reist, kommen die Reisenden eben zu ihnen.

Das wichtigere Mitbringsel passt dagegen in kein Gepäckstück. Im Gespräch mit Nomaden hören sie immer wieder Antworten wie „Ich weiß es nicht“, „Vielleicht“ oder „Ist egal“. Für Anna, die selbst gerne plant, steckt darin eine neue Gelassenheit:

Dass man auch einfach mal ein bisschen mehr loslassen kann und einfach ein bisschen mehr „vielleicht, wer weiß, was kommt“ lebt.

Vielleicht ist genau das die ehrlichste Lehre dieser Folge. Man kann eine Jurte planen, Filzschichten vergleichen, einen Aufenthaltstitel organisieren und Medikamente einpacken. Aber ob der Bach offen bleibt, wo die Kinder wohnen und aus welcher Einladung ein Zuhause wird, zeigt sich erst unterwegs.

Mehr von Anna und Michael findet ihr auf Instagram bei @annabaranowski und @michael.b.moritz. Ihren Film Namaste Himalaya findet ihr bei Microcosmos Film.

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