Podcast-Interview ·

Mit dem Wohnmobil Richtung Türkei – und plötzlich Backpacking in Ägypten

Sechs Meter Wohnmobil, vier Menschen, zwei Schulkinder und der Plan, den Winter unter griechischer Sonne zu verbringen. Auf dem Papier klang das ziemlich gut. In der Realität lagen nachts sechs Grad im Camper, draußen regnete es und plötzlich war sehr viel Familienleben auf sehr wenig Raum.

Rahel und Richard reisen mit ihren Söhnen Rumen und Boas für zunächst ein Jahr durch Europa. Als wir sie für den NomadKids Podcast sprechen, sind sie seit fünf Monaten unterwegs, gerade aus Ägypten zurück und noch ziemlich überwältigt von allem, was dieser ungeplante Abstecher ausgelöst hat.

Denn eigentlich wollten sie mit ihrem alten Wohnmobil langsam Richtung Türkei und vielleicht bis Georgien fahren. Stattdessen ließen sie ihr rollendes Zuhause in Athen stehen, flogen der Wärme hinterher und entdeckten Ägypten zwischen All-inclusive-Hotel, Dorfleben am Nil und einem einfachen Diving-Camp am Roten Meer.

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Der Wunsch nach einem eigenen Bett wurde zum Zuhause auf Rädern

Die Familie war nicht zum ersten Mal länger unterwegs. 2023 reisten die vier drei Monate mit Rucksäcken durch Thailand, Laos und Vietnam. Sie fuhren zwei Tage mit einem Holzboot über den Mekong, verbrachten einen Monat in Laos, erlebten Vietnam vom Hochhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt bis zur einfachen Stelzenhütte im Mekongdelta und beendeten die Reise wieder in Thailand.

Die Kinder mochten das Reisen. Was ihnen fehlte, war ein verlässlicher Rückzugsort.

Reisen ist cool, aber wir brauchen unser Bett.

Also wurde aus dem Gedanken an eine Wohnmobilreise ein ziemlich konkreter Plan: ein altes Alkovenmobil, in dem jeder einen festen Schlafplatz hat. Kein tägliches Umbauen, kein wechselndes Hotelbett und kein Rucksack, der bei jedem Ortswechsel wieder gepackt werden muss.

Rahel und Richard lösten ihr gemietetes Reihenhaus auf, gaben einen großen Teil ihres Besitzes weg und zogen in das Wohnmobil. Rahel kündigte ihre Stelle, Richard reduzierte seinen Job auf eine halbe Stelle und arbeitet seitdem unterwegs.

Es ging ihnen nicht um ein perfekt ausgebautes Fahrzeug oder möglichst viel Komfort. Rahel wollte ausprobieren, wie es sich anfühlt, den Hausstand aufzulösen, minimalistisch zu leben und den Alltag möglichst nach draußen zu verlagern. Auch der Zeitpunkt spielte eine Rolle: Der ältere Sohn war bereits zehn. Die Eltern spürten, dass dieses Familienabenteuer nicht beliebig lange aufgeschoben werden konnte.

Sechs Meter können riesig und winzig zugleich sein

Als das Wohnmobil noch im heimischen Garten stand, wirkte es auf alle riesig. Auf griechischen Stellplätzen zwischen sieben Meter langen Mobilen und großen Weltreisefahrzeugen änderte sich die Perspektive ziemlich schnell.

Dann sind immer so die Kommentare: „Ach, ihr seid die in dem kleinen Süßen.“

Zu viert auf sechs Metern zu leben funktioniert für die Familie vor allem deshalb, weil alle ein eigenes Bett haben. Trotzdem war das Fahrzeug ursprünglich eher als Schlafplatz gedacht. Gekocht werden sollte draußen, gelebt sowieso.

Nur spielte das Wetter nicht mit. Seit dem Start Anfang September erlebte die Familie viel Regen und Kälte. Wenn zwei Kinder lernen, ein Elternteil arbeiten und sich gleichzeitig alle im Camper bewegen müssen, wird aus gemütlicher Enge irgendwann einfach Enge.

Man braucht gutes Wetter im Wohnmobil. Es steht und fällt mit dem Wetter.

Nach einer Nacht bei sechs Grad war für Rahel und Richard deshalb klar: Sie brauchten vorübergehend mehr Platz und Wärme. Eine kleine Ferienwohnung war in diesem Moment kein Scheitern am Vanlife, sondern eine vernünftige Pause.

Ägypten war erst Flucht vor der Kälte – und dann eine Überraschung

Das Wohnmobil blieb für einen Monat in Athen. Die Familie suchte einen günstigen Flug in die Sonne und landete in Hurghada – nicht, weil Ägypten schon lange ganz oben auf ihrer Wunschliste stand, sondern weil es erreichbar, warm und bezahlbar war.

Die erste Woche verbrachten sie zum ersten Mal überhaupt in einem All-inclusive-Hotel. Danach zogen sie mit ihren Taschen weiter und mieteten Apartments über Buchungsplattformen. Vier Unterkünfte in einem Monat: Für ihre Verhältnisse reisten sie diesmal langsam.

Von Hurghada ging es nach Luxor, allerdings auf die ruhigere Seite des Nils, fernab der großen Busgruppen. Dort lebten sie rund anderthalb Wochen in einem kleinen Dorf. Später wohnten sie in einem Haus in einer Bananenplantage und besuchten weiter südlich ein Diving-Camp am Roten Meer.

Die Pyramiden ließen sie bewusst aus. Kairo wäre von Hurghada ein großer Umweg gewesen, und für die Hochsaison wurde ihnen von einem Besuch abgeraten. Statt eine vermeintliche Pflicht-Sehenswürdigkeit abzuhaken, konzentrierten sie sich auf den Nil, das Dorfleben und das Schnorcheln.

Gerade diese Mischung veränderte ihren Blick auf das Land. Ägypten war für sie vorher vor allem Hurghada und Pyramiden gewesen. Unterwegs erlebten sie funktionierende Fernbusverbindungen, Unterkünfte auch außerhalb der klassischen Ferienorte und herzliche Begegnungen mit Menschen, die sich sichtbar über eine individuell reisende Familie freuten.

Wir waren da so ganz ohne Erwartungen und waren total geflasht von diesem Land.

Ihr Sohn hatte seine Begeisterung fürs Schnorcheln bereits auf Koh Tao entdeckt und beschäftigte sich mit Korallenriffen. Am Roten Meer bekam dieses Interesse plötzlich einen echten Ort. Gleichzeitig lernte die ganze Familie am Nil über Hieroglyphen, Grabkultur und das Leben in Ägypten – nicht aus einem Arbeitsblatt, sondern dort, wo diese Geschichte sichtbar wird.

Arbeiten unterwegs: Freiheit mit Verbindung nach Deutschland

Richard nahm schon auf der dreimonatigen Asienreise seinen Vollzeitjob mit. Durch Urlaub und abgebaute Überstunden arbeitete er dort nach eigener Einschätzung im Schnitt etwa 70 Prozent.

Für die Wohnmobilreise reduzierte er auf eine halbe Stelle. Vier Arbeitsstunden pro Tag auf Reisen freizuhalten, bleibt trotzdem schwierig. Seine Arbeitszeit ist flexibel, eine feste Routine hatte sich nach fünf Monaten aber noch nicht eingespielt.

Manchmal ist ein Tag eher Reisetag, ein anderer eher Arbeitstag. Ein schöner Stellplatz kann Ruhe bringen, schlechtes Wetter macht dieselben vier Stunden plötzlich kompliziert. Und während Rahel und die Kinder stärker im jeweiligen Ort ankommen, bleibt Richard durch seine Arbeit immer mit Deutschland verbunden.

Man ist dann unterwegs und trotzdem nicht.

Der Job ermöglicht die Reise finanziell und bietet Sicherheit. Gleichzeitig nimmt er Zeit und Flexibilität. Genau diese Ehrlichkeit ist wichtig, weil ortsunabhängige Arbeit von außen oft leichter aussieht, als sie sich im Familienalltag anfühlt.

Die Familie hat keine großen Ersparnisse, von denen sie dauerhaft lebt. Nach eigener Aussage kann sie unterwegs mit Richards halber Stelle ihren Alltag zu viert finanzieren. Vieles ist möglich, weil sie häufig frei steht und ihre laufenden Ausgaben vor allem aus Lebensmitteln, Kraftstoff und ausgewählten Aktivitäten bestehen. Museen gehören bewusst dazu, weil die Eltern Lernen und Reiseerlebnisse verbinden möchten.

Lernen unterwegs zwischen Schulheften und echten Orten

Auf der Asienreise war nur der ältere Sohn schulpflichtig. In Brandenburg konnte die Schulleitung damals eine Freistellung von bis zu drei Monaten genehmigen. Die private Schule unterstützte die Reise, die Lehrerin hielt Kontakt und der Sohn arbeitete weitgehend parallel zu seiner Klasse in den bekannten Heften.

Für die längere Wohnmobilreise hoffte die Familie auf eine Freistellung für ein Jahr. Trotz ausführlicher Begründung und Widerspruch wurde der Antrag nach ihrer Schilderung abgelehnt. Daraufhin meldete Rahel sich und die Kinder in Deutschland ab; Richard blieb wegen seiner Anstellung gemeldet.

Wichtig: Das ist die persönliche Erfahrung dieser Familie in ihrer konkreten Situation. Schulpflicht, Meldewesen, Kindergeld, Steuern und Krankenversicherung hängen von Bundesland, Wohnsitz, Reisedauer und weiteren individuellen Faktoren ab. Wer Ähnliches plant, sollte sich frühzeitig verbindlich bei den jeweils zuständigen Stellen beraten lassen.

Den Lernalltag organisiert Rahel mit ihrem pädagogischen Hintergrund selbst. Für Deutsch und Mathematik nutzen die Kinder Arbeitshefte und Selbstlernmaterialien. Beim älteren Sohn orientiert sich die Familie auch an den Materialien seiner früheren Schule.

Sachunterricht entsteht häufig aus dem Ort:

  • In Griechenland ging es um die Olympischen Spiele, Mythologie, Geschichte und Tempel.
  • In Ägypten beschäftigten sie sich mit Hieroglyphen, Grabkultur und dem Leben am Nil.
  • Englisch passiert in Gesprächen unterwegs.

Das bedeutet nicht, dass auf Reisen jeder Tag automatisch ein perfekter Lerntag ist. Aber Interessen bekommen plötzlich einen Zusammenhang. Ein Tempel, eine Landschaft oder ein Gespräch werden zum Ausgangspunkt, gemeinsam in Lexika nachzulesen, Dokumentationen anzuschauen und neue Fragen zu stellen.

Freistehen in Griechenland – und warum andere Familien so viel verändern

In Griechenland stand die Familie nach eigener Aussage ungefähr 90 Prozent der Zeit frei. An vielen Buchten traf sie andere Wohnmobile und häufig auch Familien. Campingplätze nutzte sie zwischendurch für Stadtbesuche, Wäsche, ausgiebiges Duschen und eine gründliche Runde Ordnung.

Die große Wohnmobil-Community hat zwei Seiten. Wer Einsamkeit sucht, freut sich vermutlich nicht über eine Bucht voller deutscher Camper. Für Kinder kann genau das aber wunderbar sein: ankommen, andere Familien treffen und sofort Spielgefährten finden.

Mit einer Familie, die ebenfalls zwei Söhne hat, reisten Rahel und Richard sogar zwei Monate zusammen. Kennengelernt hatten sie sich in Griechenland, später schloss sich die andere Familie spontan dem Ägypten-Abstecher an.

Für die Kinder entstand eine feste Crew. Für die Eltern bedeutete es Gemeinschaft und gleichzeitig etwas mehr Luft im Alltag. Solche Begegnungen lassen sich kaum planen – und sind oft genau das, was eine Langzeitreise trägt.

Lange Reisen bedeuten auch viele Abschiede

Rumen erzählt im Gespräch sehr klar, was er am Reisen liebt und was schwer ist. Das eigene Bett im Wohnmobil macht für ihn einen großen Unterschied zum Backpacking. Trotzdem entstehen unterwegs Freundschaften, von denen man sich wieder verabschieden muss.

Es ist aber halt auch traurig, dann immer so weiterzufahren.

Zu Freunden aus der früheren Schule hält er Kontakt. Mit neuen Reisefreunden tauscht er gelegentlich Sprachnachrichten aus. Und manchmal kreuzen sich die Wege später tatsächlich wieder.

Die Familie plant deshalb nicht nur Länder und Routen, sondern auch Freundeszeit. Für den Sommer können sie sich vorstellen, etwa einen Monat in Deutschland zu verbringen, bevor sie entscheiden, wie es weitergeht.

Die Reise war zunächst für ein Jahr gedacht. Ob sie dann wirklich endet, ist offen. Als Nächstes soll es in die Türkei gehen, vielleicht später Richtung Georgien. Gleichzeitig entstehen unterwegs ständig neue Ideen: eine Ostsee-Umrundung, Marokko im nächsten Winter oder noch einmal eine Backpacking-Etappe.

Der entscheidende Zwischenstand soll nicht an einem Grenzübergang oder Kalenderdatum festgemacht werden, sondern an vier Fragen: Wie geht es allen? Möchten wir weiter im Wohnmobil reisen? Brauchen wir Deutschland? Oder haben wir Lust auf eine ganz andere Reiseform?

Ein Reisetagebuch, das mehr kann als Erinnerungen sammeln

Am Ende jeder NomadKids Folge bitten wir unsere Gäste um einen Tipp. Rahel bringt eine Idee mit, die gleichermaßen Erinnerung, Lernmaterial und Familienprojekt ist: Ihr Sohn führt ein Reisetagebuch.

Er schreibt Erlebnisse auf, malt dazu und klebt Museumstickets, Fahrkarten oder andere kleine Fundstücke ein. Nach der Asienreise konnte er das fertige Buch den Großeltern und Freunden zeigen. Nun entsteht die nächste Dokumentation.

Reisetagebuch mit Kindern

Sammelt unterwegs Eintrittskarten, Tickets und kleine Papiererinnerungen. Schulkinder können selbst kurze Texte ergänzen; jüngere Kinder malen ein Bild oder diktieren, was ihnen wichtig war. So entsteht ohne großen Druck eine persönliche Reisechronik – und ganz nebenbei Schreibpraxis.

Auch Richards Tipp ist herrlich praktisch: Vor der Reise viel Tabu spielen oder auf andere Weise Pantomime üben. Denn wenn eine gemeinsame Sprache fehlt, helfen Gesten, Mut und Humor oft erstaunlich weit.

Viel reden mit Körpersprache. Und es funktioniert dann doch immer.

Vielleicht ist genau das der rote Faden dieser Reise: Es muss nicht alles perfekt vorbereitet sein. Ein altes Wohnmobil darf zu klein wirken. Ein Winterziel darf zu kalt sein. Ein spontaner Flug darf die Route unterbrechen. Entscheidend ist, dass eine Familie merkt, was sie gerade braucht – und ihren Plan verändern kann.

Rahels Reisealltag findet ihr auf Instagram unter @raheliebts.

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