Podcast-Interview ·

133 Tage Weltreise auf dem Kreuzfahrtschiff mit Kindern

Einmal einchecken, die Koffer auspacken und in den nächsten viereinhalb Monaten die Welt sehen: Für Marina, Roman und ihre beiden Töchter war genau das die Alternative zu ständig neuen Flügen, Unterkünften und Reisetagen.

133 Tage lang lebte die Familie auf einem AIDA-Kreuzfahrtschiff. Von Hamburg ging es über den Atlantik, durch den Panamakanal, nach Hawaii, Asien und rund um Afrika wieder zurück. 63 Seetage, 70 Tage an Land, Schule auf dem Schiff und fast 2.000 Mitreisende inklusive.

Im NomadKids Podcast erzählt Marina sehr offen, warum sie vor der Reise Angst hatte, irgendwann nur noch vom Schiff zu wollen, wie der Familienalltag an Bord wirklich funktionierte und weshalb ausgerechnet die langen Seetage zu den erholsamen Phasen wurden.

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Warum eine Weltreise mit dem Kreuzfahrtschiff?

Marina und Roman waren keine eingefleischten Kreuzfahrtfans. Vor dieser Reise hatten sie zwei Kreuzfahrten gemacht, beide lange her, die Kinder noch gar keine. Die Idee entstand vielmehr aus einer ziemlich pragmatischen Frage: Wie können wir unseren Kindern viel von der Welt zeigen, ohne alle paar Tage umzuziehen?

Die Familie war 2022 nach Zypern ausgewandert. Die Töchter besuchten eine Online-Schule, Marina arbeitete online und Roman beschäftigte sich beruflich mit Investments. Ortsunabhängigkeit war also vorhanden. Nach zweieinhalb Jahren auf Zypern merkten sie aber, dass ihre Kinder außer Deutschland und ihrer neuen Heimat noch wenig von der Welt gesehen hatten.

Ein Wohnmobil war ihnen für vier Personen auf Dauer zu eng. Häufiges Fliegen bedeutete viel Gepäck, Packen und organisatorischen Stress. Beim Schiff war der entscheidende Vorteil offensichtlich: einmal einchecken, ein festes Zuhause beziehen und trotzdem zahlreiche Länder erleben.

Im August 2024 wurde aus dem Gedanken eine echte Option. Marina verglich verschiedene Weltreisen und entschied sich für AIDA – wegen der deutschsprachigen Umgebung, der Route und des Starts in Hamburg. Im Oktober buchte die Familie für November 2025.

Die größte Sorge: Was, wenn wir nur noch runterwollen?

Vier Monate auf einem Schiff klingen nach Komfort. Sie können aber auch nach wenig Rückzug, vielen Menschen und sehr viel Meer klingen.

Marinas größte Sorge war deshalb nicht die Route, sondern das Leben an Bord:

„Meine einzige Sorge war, ob ich dann nicht irgendwie nach 30 Tagen oder 60 Tagen sage: Oh, ich will runter vom Schiff, das geht gar nicht, mich nerven irgendwie die Leute, das Enge.“

Dieses Gefühl kam während der Reise kein einziges Mal. Erst an den letzten Tagen, als die Koffer schon wieder gepackt wurden, war für alle klar: Jetzt ist es auch gut. Nicht als Fluchtreflex, sondern als natürlicher Abschluss nach 133 Tagen.

Ganz folgenlos blieb die lange Dauer für andere Passagiere allerdings nicht. Marina berichtet, dass am Ende rund 180 Menschen weniger an Bord waren als zu Beginn. Die Gründe reichten von medizinischen Notfällen und Ereignissen zu Hause bis zu Menschen, die schlicht nicht weiterreisen wollten. Ihre Familie hatte deshalb eine Reiserücktritts- und Abbruchversicherung abgeschlossen, die laut Marina rund 4.000 Euro kostete.

Hamburg, Hawaii, Asien und Afrika: die Route

Dass die Reise in Hamburg begann und dort auch endete, war für die Familie ein wichtiges Argument. Neun Gepäckstücke erst zu einem weit entfernten Startpunkt zu fliegen, wäre wenig attraktiv gewesen.

Von Hamburg führte die Route zunächst nach England und über den Atlantik nach Kanada. Es folgten Boston, New York, Charleston und Miami. Über Mexiko, Guatemala, Honduras und Costa Rica erreichte das Schiff den Panamakanal – für Marina eines der großen Highlights der Reise.

Auf der Pazifikseite ging es über San Diego, Santa Barbara, Los Angeles und San Francisco nach Hawaii. Dort verbrachte die Familie Silvester, bevor die längste Etappe begann: zehn Seetage in Richtung Südkorea.

Danach folgten mehrere Stopps in Japan sowie Taiwan, Vietnam, Thailand, Malaysia und Singapur. Über die Malediven, Sri Lanka, die Seychellen und La Réunion ging es weiter nach Südafrika und Namibia. Die letzte Etappe führte über die Kapverden, die Kanaren und Portugal zurück nach Hamburg.

Nicht jeder Hafen bedeutete nur wenige Stunden an Land. In San Francisco und Singapur blieb das Schiff jeweils drei Tage. Gleichzeitig zeigte die Reise viele Orte tatsächlich nur in Ausschnitten. Genau das empfand Marina aber auch als Stärke: Man bekommt einen ersten Eindruck und merkt, wohin man später noch einmal länger reisen möchte.

Besonders überrascht hat die Familie La Réunion mit seiner grünen Landschaft. Von den Kapverden hatte sie sich dagegen mehr versprochen. Beides sind persönliche Eindrücke eines einzelnen Landgangs – und gerade das macht im Gespräch deutlich, wie stark Erwartungen eine kurze Begegnung mit einem Reiseziel prägen können.

63 Seetage – und plötzlich freut man sich darauf

Vor dem Start klangen 63 Seetage für Marina eher nach einer Horrorvorstellung. An Bord wurden sie zu den Tagen, auf die sich die Familie nach mehreren Häfen hintereinander freute.

Ein typischer Seetag begann für Marina und Roman im Fitnessstudio oder mit Runden auf dem Pooldeck, während die Kinder noch schliefen. Nach dem Frühstück folgte am Vormittag Schule. Ein tagsüber geschlossenes Restaurant wurde dafür zum Lernraum. Die Eltern arbeiteten in dieser Zeit oder planten die nächsten Landgänge.

Nachmittags blieb Zeit für Pool, Eis, Freunde, Aktionen für Kinder oder einfach die Kabine. An anderen Tagen nutzte die Familie Spa, Sauna oder Friseur. Abends gab es Shows im Theatrium, einen Film auf der Kabine oder Treffen an der Bar.

Das klingt fast wie ein Ferienprogramm ohne Ende. Im Alltag war aber gerade die Mischung entscheidend: Nicht jede angebotene Aktivität musste mitgenommen werden. Die Kinder gingen nur punktuell in den Kids Club, spielten lieber mit ihren Freunden und bewegten sich mit der Zeit selbstständig auf dem Schiff.

„Die Seetage waren: Wir planen unsere Ausflüge, wir verarbeiten unsere Ausflüge, wir entspannen uns.“

Nach sechs oder sieben Landtagen hintereinander wollten selbst die Kinder wieder einen Tag auf dem Schiff. Die Seetage waren also keine Lücken zwischen den Reisezielen, sondern der Rhythmus, der diese Route überhaupt familienfreundlich machte.

Schule auf dem Schiff: Erst online, dann ganz anders

Die beiden Töchter waren bereits vor der Weltreise an einer Online-Schule. Eigentlich sollte der Unterricht an Bord einfach weiterlaufen. Technisch war das Internet weniger problematisch als befürchtet – die Zeitzonen waren die größere Hürde.

Mit wachsender Zeitverschiebung konnten die Kinder nicht mehr live teilnehmen und sahen nur noch Aufzeichnungen. Fragen an die Lehrkraft kamen an, wenn dort Nacht war. Die Motivation sank, und die Familie merkte: So funktioniert es gerade nicht.

Die Online-Schule erlaubte eine Pause. Dann ergab sich an Bord eine unerwartete Lösung. Miriam, eine 19-jährige Mitreisende mit frischem Abitur, bot an, die Mädchen zu unterrichten. Vormittags lernte sie mit ihnen Lesen, Schreiben und Mathematik. Zusätzlich nutzten sie ein von einer anderen Mutter erstelltes Reisebuch mit Aufgaben zu den angelaufenen Häfen.

Marina zufolge arbeiteten die Kinder dabei so viel vor, dass sie große Teile des Schuljahres bereits auf dem Schiff abschlossen.

Wichtig ist: Diese Lösung entstand zufällig aus der Gemeinschaft an Bord und lässt sich nicht als fertiges Konzept buchen. Sie zeigt aber gut, warum Schule auf Langzeitreisen flexibel bleiben muss. Ein Plan kann zu Hause sinnvoll wirken und unterwegs trotzdem an Zeitzonen, Motivation oder Familienrollen scheitern.

Schule für eine lange Schiffsreise vorbereiten

Verlasst euch nicht nur auf Live-Unterricht. Ladet Bücher vorab herunter, nehmt schlanke Übungshefte mit und klärt mit der Schule, wie Aufzeichnungen, Pausen und Rückfragen funktionieren. Prüft außerdem früh die Zeitzonen der längsten Etappen. Ein Plan B nimmt Druck heraus, falls Internet oder Tagesrhythmus nicht mitspielen.

Landgänge lieber individuell planen

Vor der Abreise hatte die Familie keinen einzigen Ausflug gebucht. Erst an Bord plante Marina die kommenden Häfen – mit den Angeboten der Reederei als Orientierung, Social Media, Buchungsplattformen und KI-Unterstützung.

Nur zwei Landgänge buchten sie direkt über AIDA. Der große Vorteil eines Reederei-Ausflugs zeigte sich in Thailand: Als ein Boot ausfiel und die Gruppe etwa eineinhalb Stunden zu spät zurückkam, wartete das Schiff.

Meistens war die Familie individueller unterwegs. Mal mit Uber oder einem lokalen Fahrdienst, mal zu Fuß, mit einem vorab gebuchten Privatfahrer oder über GetYourGuide. Entscheidend war nicht, möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Fahrzeiten und Interessen der Kinder mussten zur verfügbaren Zeit passen.

Marina weist im Gespräch auch auf einen wichtigen Fehler hin: Eine KI hatte ihr eine Insel mit frei lebenden Faultieren empfohlen. Vor Ort gab es dort keine – lediglich einige Tiere in Käfigen. Ihr Fazit ist eindeutig: Digitale Planungshilfen können eine Route strukturieren, ersetzen aber keine verlässliche Prüfung aktueller Informationen.

Platz, Gepäck und Freundschaften an Bord

Für viereinhalb Monate buchte die Familie bewusst eine Balkonkabine. Der Balkon war nicht nur schön, sondern ein zusätzlicher Rückzugsraum. Eine Innenkabine kam nach früheren Erfahrungen für diese Reisedauer nicht infrage.

Mitgenommen hatten sie drei große Koffer, drei kleine Trolleys und drei faltbare Reisetaschen. Die kleineren Gepäckstücke passten auf der Kabine in die großen Koffer, diese wiederum unter das Bett. Auf der Packliste standen Kleidung für sehr unterschiedliche Klimazonen, Schulsachen, Feiertage und praktische Kleinigkeiten wie zusätzliche dünne Kleiderbügel.

In den letzten Wochen zog die Familie gegen Aufpreis in eine frei gewordene Suite. Mit getrenntem Schlaf- und Wohnbereich wurde sie schnell zum Treffpunkt der Kinder.

Anschluss fanden die Töchter schon am Check-in. Eine WhatsApp-Gruppe für Familien hatte vorab erste Kontakte ermöglicht. Die anschließenden sechs Seetage nach dem ersten Hafen gaben Kindern und Eltern Zeit, sich kennenzulernen. Einige Freundschaften bestehen laut Marina bis heute.

Was kostet eine Weltreise mit AIDA?

Über die Kosten spricht Marina sehr konkret. Die Balkonkabine kostete für die vierköpfige Familie 76.000 Euro, hinzu kamen rund 4.000 Euro für die Versicherung. Das spätere Upgrade in die Suite kostete nach ihrer Aussage zusätzlich 500 Euro pro Tag.

Die Preisspanne an Bord war groß: Marina nennt etwa 43.000 Euro für eine Innenkabine mit vier Personen und bis zu 180.000 Euro für eine Suite. Ihre Kinder kosteten bei dieser Reise jeweils 1.000 Euro zusätzlich. Diese Zahlen beziehen sich ausdrücklich auf ihre konkrete Buchung und sind keine allgemeingültigen AIDA-Preise.

Dafür waren Unterkunft, Transport, ein großer Teil der Verpflegung und viel Unterhaltung enthalten. Genau dieser Komfort war für die Familie ein wesentlicher Teil des Konzepts. Nicht einkaufen, kochen und spülen zu müssen, empfand Marina nach früheren Reisen mit Auto und Wohnmobil als echten Luxus.

Seekrankheit, acht Meter Wellen und medizinische Notfälle

Dass man auf großen Schiffen gar nichts vom Seegang spürt, bestätigte sich für die Familie nicht. Bei der Atlantiküberquerung ging es Roman und der jüngeren Tochter besonders schlecht. Später erlebten sie vor Kapstadt laut Kapitän Wellen von etwa acht Metern.

Mit Hilfsmitteln bekamen sie die Seekrankheit besser in den Griff, ganz vermeiden ließ sich das Schaukeln aber nicht. Marina rät Menschen, die empfindlich reagieren, vor einer Weltreise erst eine kürzere Kreuzfahrt zu testen und eher mittig sowie auf einem niedrigeren Deck zu buchen.

Noch eindrücklicher waren medizinische Notfälle. Auf dem Weg von Hawaii nach Südkorea drehte das Schiff nach rund zwölf Stunden um, um zwei betroffene Personen zurück nach Hawaii zu bringen. Die Familie erlebte auch Hubschraubereinsätze.

Mitten auf dem Pazifik wird sehr greifbar, wie weit der nächste Hafen entfernt sein kann. Angst vor dem Schiff selbst hatte Marina nicht. Aber die Frage, was bei einem akuten Notfall fernab vom Land passiert, begleitete sie.

War das Schiff überfüllt?

Fast 2.000 Passagiere klingen nach Gedränge. Marina erlebte das Schiff im Alltag jedoch nur selten als voll. Eine freie Liege fand sich immer, in den Restaurants meist auch ein Tisch. Bei besonderen Shows, Weihnachtsgala oder Abschiedsveranstaltung waren gute Plätze dagegen knapp.

Auch das Essen wurde nicht so eintönig wie befürchtet. Mehrere inklusive Restaurants, reservierungspflichtige Angebote und kostenpflichtige Spezialitätenrestaurants brachten Abwechslung. An Land aß die Familie außerdem bewusst lokale Gerichte – etwa Ramen oder Sushi in Asien – statt für jede Mahlzeit aufs Schiff zurückzukehren.

Nach 133 Tagen gab es trotzdem den Moment, in dem Marina auf keines der verfügbaren Restaurants Lust hatte und einfach eine Banane aß. Mehr Alltag kann eine Weltreise eigentlich kaum bieten ;)

„Die Reise unseres Lebens“ – aber nur einmal

Würde die Familie noch einmal 133 Tage auf Weltreise gehen? Nein. Nicht, weil es ihnen nicht gefallen hätte, sondern gerade weil diese Reise so besonders bleiben soll.

„Für uns war es die Reise unseres Lebens. Und es wird einmalig so sein.“

Marina beobachtete, dass erfahrene Weltreise-Passagiere vieles mit früheren Fahrten verglichen. Genau das möchte sie vermeiden. Weitere Kreuzfahrten kann sich die Familie vorstellen, ebenso längere Reisen in die USA oder nach Australien. Aber diese eine Runde um die Welt soll nicht zur Messlatte für eine Wiederholung werden.

Geblieben ist vor allem ein anderes Gefühl für Entfernungen und Möglichkeiten:

„Die Grenzen sind nur in unserem Kopf.“

Nach Hawaii, 62 Zeitumstellungen und 133 Tagen auf See wirkte die Welt für Marina nicht größer, sondern erreichbarer. Vielleicht ist das die stärkste Erkenntnis dieser ungewöhnlichen Familienreise: Ein Kreuzfahrtschiff nimmt einem nicht jede Herausforderung ab. Aber es kann aus einer riesigen Welt für ein paar Monate ein Zuhause mit täglich wechselndem Blick machen.

Marina und Roman findet ihr auf Instagram unter @teamsagert.

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