Podcast-Interview ·

Drei Jahre Weltreise im Wohnmobil: Online-Schule, Amazonas und Familienalltag

Zwölf Quadratmeter, drei Menschen und ziemlich viele ungebetene Mitbewohner: Kopfläuse, Reismehlkäfer, Mücken und sogar ein ganzer Ameisenstaat gehörten bei Wenke, Mario und ihrem Sohn Klaas zeitweise zum Camperleben dazu. Klingt anstrengend? Ist es manchmal auch. Trotzdem würden die drei ihr Leben unterwegs gerade gegen kein festes Zuhause tauschen.

Seit dem 1. August 2022 bereisen sie die Welt in einem mehr als 30 Jahre alten Allrad-Wohnmobil. Nach einer ersten Runde durch Europa verschifften sie ihr Zuhause nach Halifax. Von dort führte ihre Reise durch Kanada, die USA, Mexiko, Kolumbien, Ecuador, Peru und schließlich nach Brasilien. Als wir miteinander gesprochen haben, waren sie auf dem Weg an die brasilianische Atlantikküste.

Im NomadKids Podcast erzählen Wenke, Mario und Klaas von fünf Tagen auf dem Amazonas mit dem eigenen Wohnmobil, Schule am Laptop, Freundschaften unterwegs und einem Fahrzeug, das ursprünglich Richard Oetker gehörte. Und davon, warum ihr Plan inzwischen vor allem darin besteht, keinen festen Plan mehr zu haben.

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Erst Europa, dann immer weiter durch Amerika

Am Anfang gab es durchaus einen Plan. Von Weimar aus ging es zunächst nach Italien, Frankreich, Andorra, Spanien und Portugal. Nach etwa einem halben Jahr kehrte die Familie zurück, um am Wohnmobil einige Dinge zu verbessern. Im April wurde es dann nach Halifax verschifft.

Von Kanada aus wollten die drei innerhalb von anderthalb bis zwei Jahren die Panamericana von Nord nach Süd fahren. Doch je länger sie unterwegs waren, desto weniger passte der feste Zeitplan zu ihrem Leben.

Der Plan ist, keinen Plan zu haben.

Ganz ohne Ideen reisen sie natürlich nicht. Aber aus festen Vorhaben wurden Möglichkeiten. Besonders deutlich wurde das in Mexiko: Eigentlich sollte es nach einem Besuch in Deutschland über Hawaii nach Australien weitergehen. Dann lernte Klaas eine kanadische Familie mit zwei Kindern in ähnlichem Alter kennen. Die Familien verstanden sich so gut, dass Wenke und Mario ihre Route änderten und stattdessen nach Kolumbien verschifften.

In Cartagena trafen sie sich wieder und reisten gemeinsam durch Kolumbien und einen Teil Ecuadors bis zu den Galápagosinseln. Später trennten sich ihre Wege zunächst wieder. Genau so funktionieren viele Kontakte unterwegs: Man fährt ein Stück zusammen, nimmt Abschied und begegnet sich vielleicht ein paar Wochen oder Monate später erneut.

Mit dem eigenen Wohnmobil über den Amazonas

Der Amazonas hatte Wenke schon bei einer früheren Reise fasziniert. Dieses Mal wollte sie ihn nicht nur besuchen, sondern wirklich erleben. Dazu gehörte zunächst die BR-319, die Porto Velho mit Manaus verbindet.

Über diese Strecke kursieren unter Reisenden viele Warnungen. Die Familie brauchte fünf Tage und betont, dass man dort langsam fahren, mit Gegenverkehr rechnen und die Regenzeit meiden sollte. Für ihr Allrad-Wohnmobil war die Strecke unter den damaligen Bedingungen aber gut machbar.

Unterwegs schwammen sie mit rosa Flussdelfinen. Danach ging es in Manaus mit dem Wohnmobil auf ein Flussschiff. Unten standen Fahrzeuge und Ladung, auf zwei Decks hingen die Hängematten der Passagiere. Für zwei Wohnmobile war vorne auf dem Bug Platz reserviert.

Fünf Tage waren sie auf dem Fluss Richtung Belém unterwegs. Etwa 1.600 Kilometer Wasser, Menschen in kleinen Siedlungen entlang des Ufers und Abschnitte, an denen der Amazonas so breit wurde, dass kein Land mehr zu sehen war.

Der Fluss wird dann irgendwann zum Meer.

Natürlich wird er nicht wirklich zum Meer. Aber genau so fühlte es sich für die drei an. Wenke beschreibt diese Tage als einen Kindheitstraum, von dem sie vorher gar nicht wusste, dass sie ihn hatte.

Ein Wohnmobil mit ungewöhnlicher Geschichte

Ihr Zuhause auf Rädern sollte unbedingt Allradantrieb, ein festes Bett für Klaas, genügend Stauraum und möglichst eine getrennte Dusche und Toilette haben. Wenke fand das passende Fahrzeug 2022 bei Kleinanzeigen – mitten im damaligen Wohnmobil-Boom.

Die Familie stand zunächst auf Platz 50 der Interessentenliste. Weil der Verkäufer einige Bedingungen nannte, die sie erfüllen konnten, rückten sie auf Platz eins. Besichtigt hatten sie das mehr als 500 Kilometer entfernte Fahrzeug da noch nicht. Sie ließen sich Videos von innen, außen, oben und unten schicken, fragten ausdrücklich nach Schwachstellen und überwiesen schließlich das Geld, bevor sie das Wohnmobil zum ersten Mal mit eigenen Augen sahen.

Erst bei der Abholung entdeckten sie in den Papieren den früheren Eigentümer: Richard Oetker. Nach den Informationen, die die Familie zusammentragen konnte, gehörte das Fahrzeug zu einer Flotte von zwölf ähnlich gebauten Mobilen für „Columbus Reisen“. Später wurde es an einen Mitarbeiter und danach an den Vorbesitzer der Familie verkauft.

Die solide Bauweise hat sich bis heute bewährt. Abgesehen von Verschleißteilen hatten sie keine große Panne. Nachträglich eingebaute Dinge machen eher Ärger: Auf dem Dempster Highway kam ihnen zum Beispiel der Backofen entgegen. Fünf zusätzliche Schrauben später hielt er wieder.

In Mexiko bekam das grüne Wohnmobil schließlich sein heutiges Aussehen. Ein Spraypaint-Künstler namens Julian malte auf beide Seiten Frösche und hinten das Familienwappen. Seitdem ist der „Frosch“ endgültig ein Einzelstück.

Online-Schule zwischen Fahrtagen und Länderwechseln

Klaas war zum Zeitpunkt des Gesprächs zehn Jahre alt und seit drei Jahren mit seinen Eltern unterwegs. Seit der zweiten Klasse besucht er die Wilhelm-von-Humboldt-Online-Privatschule. Unterricht hat er an drei Tagen von neun bis zwei Uhr; freitags stehen für ihn nur zwei Stunden Mathematik auf dem Stundenplan.

Seine Klasse trifft sich online mit einer Lehrkraft. Seit dem Übergang in die fünfte Klasse sind 15 Kinder in der Gruppe. Klaas mag seine Schule und hat dort Freunde, mit denen er auch außerhalb des Unterrichts online spielt.

Manchmal würde er sich wünschen, genau diese Klasse gemeinsam vor Ort zu besuchen. Gleichzeitig sieht er auch die Vorteile seiner jetzigen Schule. Das wirkt angenehm undramatisch: Online-Schule ist für ihn weder die perfekte Abenteuerlösung noch ein trauriger Ersatz, sondern schlicht sein Schulalltag mit guten und weniger guten Seiten.

Für Wenke ist die externe Schulbildung eine klare Voraussetzung dafür, weiterzureisen. Sie möchte Mutter sein und nicht gleichzeitig die komplette Rolle einer Lehrerin übernehmen. Solange die Schule funktioniert, Klaas reisen möchte, alle gesund sind und die Finanzierung trägt, gibt es für die Familie keinen Grund, sesshaft zu werden.

Freundschaften entstehen unterwegs anders

Kontakte zu anderen Kindern lassen sich auf einer Langzeitreise nicht für jeden Ort vorausplanen. Vieles ergibt sich zufällig. Trotzdem achten Wenke und Mario bewusst darauf, dass Klaas nicht über längere Zeit ohne andere Kinder bleibt.

In den USA besuchte er eine Woche lang ein Skatecamp am Lake Tahoe. Auf der Reise trafen sie immer wieder Familien, mit denen sie einzelne Tage oder mehrere Monate verbrachten. In Ecuador begegneten sie beispielsweise einer brasilianischen Familie mit zwei Kindern. Gemeinsam reisten sie rund zwei Monate bis nach Brasilien, bevor jede Familie wieder ein Stück ihren eigenen Weg ging.

Wenn gerade Kinder vor Ort da sind, verbringt Klaas seine Zeit mit ihnen. Wenn nicht, spielt und spricht er häufiger online mit seinen Schulfreunden. Auch Wenke und Mario halten Kontakt zu engen Freunden in Deutschland und zu Menschen, die sie unterwegs kennengelernt haben.

Es ist kein kleinerer Freundeskreis geworden. Eher einer, der sich über sehr viele Länder verteilt.

Krabbeltiere, Ersatzteile und Alltag auf zwölf Quadratmetern

Wer nach drei Jahren Weltreise auf spektakuläre Katastrophengeschichten hofft, wird bei den drei fast enttäuscht. Zweimal hatten sie in Mexiko Ärger mit Polizisten. Ein Ersatzteilpaket ließ sie drei Monate auf der Baja California warten und kostete am Ende zusätzlich noch einmal einen mittleren vierstelligen Betrag.

Im Alltag beschäftigen sie aber oft viel banalere Dinge: keine Waschmaschine, keine Spülmaschine und wenig Platz. Dazu kommen in den Tropen eben gelegentlich Tiere im Wohnmobil. Reismehlkäfer in den Vorräten, Ameisen in der Fahrerkabine und Mücken sind auf zwölf Quadratmetern ziemlich nah.

Der Alltag ist eine Herausforderung, wie zu Hause auch. Ein Alltag auf zwölf Quadratmetern, damit fängt das an.

Das ist vielleicht einer der ehrlichsten Sätze der Folge. Eine Weltreise ersetzt den Alltag nicht. Dinge gehen kaputt, Menschen streiten sich und irgendjemand muss abwaschen. Nur die Umgebung wechselt – und manchmal sitzt vor dem Wohnmobil eben eine Vogelspinne.

Sicherheit in Brasilien: informieren und aufs Gefühl hören

Brasilien wird schnell als gefährliches Reiseland abgestempelt. Wenke, Mario und Klaas haben sich dort bis zum Gespräch nicht grundsätzlich unsicher gefühlt. Gleichzeitig reden sie Risiken nicht klein. Gerade in großen Städten achten sie darauf, wo sie parken und übernachten.

Nach der Ankunft in Belém wollten sie zunächst in der Stadt bleiben. Während der Fahrt fühlten sie sich jedoch unwohl. Statt dieses Gefühl wegzudiskutieren, fuhren sie zu einem gesicherten Campingplatz etwa eine Stunde außerhalb.

Ihre Regel ist einfach: Wenn auch nur eine Person kein gutes Gefühl hat, fahren sie weiter. Bei der Platzsuche helfen Empfehlungen anderer Reisender. Absolute Sicherheit gibt es dadurch nicht – aber eine bewusste Entscheidung statt unnötigem Risiko.

So entscheidet die Familie bei Stellplätzen

Aktuelle Erfahrungen anderer Reisender einholen, in großen Städten besonders bewusst parken und übernachten und das Bauchgefühl aller Familienmitglieder ernst nehmen. Fühlt sich auch nur eine Person unwohl, wird ohne lange Diskussion ein anderer Platz gesucht.

Mindestens genauso wichtig ist ihnen die andere Seite ihrer Erfahrungen: In Mexiko, Guatemala, Kolumbien, Ecuador und Peru begegneten ihnen immer wieder Menschen, die wenig besaßen und trotzdem bereit waren zu teilen. Die große Mehrheit erlebten sie als freundlich, hilfsbereit und stolz darauf, dass die Familie ihr Land besucht.

Haus verkauft und das Wohnmobil zum Zuhause gemacht

Ein festes Zuhause in Deutschland hat die Familie nicht mehr. Sie hat ihr Haus verkauft, und heute ist das Wohnmobil der Ort, an den sie „nach Hause“ kommt.

Finanziert wird die Reise aus dem Erlös des Hauses und Marios Arbeit. Er war 30 Jahre Sänger und Leiter einer Rock-Pop-Partyband. Vor der Abreise fand er einen neuen Sänger und kümmert sich seitdem unterwegs um das Management. Die organisatorische Arbeit kann er aus verschiedenen Ländern erledigen.

Die Entscheidung für dieses Leben entstand nicht aus dem Nichts. Während der Pandemie wollte die Familie ursprünglich drei Monate mit einem Kreuzfahrtschiff um die Welt reisen. Als diese Reise ausfiel und Mario als Musiker nicht arbeiten konnte, nutzten sie das gesparte Geld für eine Auszeit. Aus drei Monaten wurden elf Monate mit Aufenthalten unter anderem in Italien, auf Teneriffa, Malta, in Tansania und auf Sansibar.

Nach der Rückkehr fanden sie nicht mehr richtig in ihren früheren Alltag. Wenke hatte beim Radio in einer Morningshow gearbeitet, Mario war an vielen Wochenenden mit der Band unterwegs. Die intensive gemeinsame Zeit fehlte ihnen. Also suchten sie eine Schule, einen Ersatzsänger, ein passendes Wohnmobil und eine Finanzierung – und starteten erneut.

Den Sohn aufwachsen zu sehen in allen Lebenslagen, also dieses Glück hat, glaube ich, eine deutsche Familie im Normalfall nie.

Natürlich kracht es auch bei ihnen. Aber auf engem Raum kann niemand drei Tage lang beleidigt in ein anderes Zimmer verschwinden. Sie müssen schneller wieder miteinander sprechen. Genau diese Nähe ist für Wenke und Mario nicht nur eine Begleiterscheinung der Reise, sondern einer ihrer wichtigsten Gründe.

Warum langsamer reisen oft mehr bedeutet

Ursprünglich wollten die drei zwei Jahre unterwegs sein und spätestens zum Start der fünften Klasse nach Deutschland zurückkehren. Die guten Erfahrungen mit der Online-Schule machten diesen Fixpunkt überflüssig.

Rückblickend hätten sie das gern früher gewusst. Dann wären sie in Kanada langsamer gereist und hätten an manchen Orten mehr Zeit verbracht. Denn selbst nach drei Jahren müssen sie sich manchmal daran erinnern, warum sie losgefahren sind: nicht, um möglichst viele Punkte auf einer Bucketlist abzuhaken, sondern um Zeit miteinander zu haben.

Das gilt nicht nur für Open-End-Reisen. Auch mit begrenzter Zeit kann es erfüllender sein, weniger Orte intensiver zu erleben, statt von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu hetzen.

Ein Stück Sauerteig reist mit

Zum Schluss jeder NomadKids Folge fragen wir unsere Gäste nach einem Mitbringsel. Wenke, Mario und Klaas brachten Sauerteig mit – genauer gesagt zwei Kulturen, die sie unterwegs geschenkt bekommen hatten.

Eine stammte von einer niederländischen Familie, die andere von einem kanadisch-amerikanischen Paar. Dessen Ansatz ging auf einen 125 Jahre alten Sauerteig der italienischen Großmutter zurück. Wenke backt damit mehrmals pro Woche frisches Brot im Wohnmobil.

Ein passenderes Mitbringsel für diese Reise gibt es eigentlich kaum: etwas Lebendiges, das gepflegt werden muss, sich weitergeben lässt und ein kleines Stück Zuhause schafft – ganz egal, an welchem Ende der Welt der Frosch gerade steht.

Wenke, Mario und Klaas findet ihr auf Instagram unter @camperfamily2020.

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