Auswandern nach Finnland: Carinas Familienalltag in Helsinki
Eigentlich wollten Carina und Thomas nach Norwegen. Finnland stand nicht einmal auf ihrer Reiseliste. Dann änderten die Einreiseregeln ihre Pläne, Carina entdeckte das Weihnachtsmanndorf bei Rovaniemi – und aus dem Abstecher wurde der Anfang eines ganz anderen Familienlebens.
Heute lebt die Familie mit ihren beiden Töchtern in Helsinki. Im NomadKids Podcast sprechen wir mit Carina darüber, wie aus einer Europareise der Wunsch auszuwandern wurde, warum ein finnischer Sommer auch einen überzeugten Südenliebhaber umstimmen kann und weshalb sich zu Hause fühlen und wirklich ankommen nicht immer gleichzeitig passieren.
Ein großes Haus und eine ziemlich große Frage
Vor der Reise sah vieles nach einem Leben aus, das gut funktioniert: Haus, Arbeit, Autos und schöne Urlaube. Dann verlor die Familie innerhalb kurzer Zeit mehrere Menschen aus ihrem engen Umfeld.
Plötzlich stand eine andere Frage im Raum. War das wirklich das Leben, das sie leben wollten? Oder hatten sie vor allem erfüllt, was von ihnen erwartet wurde?
Carina und Thomas entschieden sich für ein Jahr auf Europareise. Auswandern war dabei eine Möglichkeit, aber kein festes Ziel. Sie wollten erst einmal unterwegs sein und schauen, wie sich ein anderer Alltag anfühlt.
Dass sie ausgerechnet während der Corona-Zeit losfuhren, machte die Reise nicht einfacher. Gleichzeitig veränderten die damaligen Einreiseregeln ihre Route – und brachten sie schließlich an einen Ort, den sie vorher gar nicht im Blick hatten.
Carina wollte nach Schweden, Thomas lieber nach Spanien
Bei der Richtung waren sich die beiden nicht sofort einig. Thomas zog es in den Süden. Carina wollte unbedingt einmal nach Schweden, auch im Winter.
Sie setzte sich mit diesem Wunsch durch, und der Norden gefiel ihnen überraschend gut. Danach sollte es eigentlich weiter nach Norwegen gehen. Als das wegen der Einreisebestimmungen schwierig wurde, begann Carina nach anderen Möglichkeiten zu suchen.
Dabei stieß sie auf das Weihnachtsmanndorf in Finnland. Für eine Familie, die Weihnachten liebt, war das ein ziemlich überzeugendes Argument. Eine Woche später machten sie sich auf den Weg.
Die Fahrt Richtung Rovaniemi führte sie durch eine Dunkelheit, die Carina bis dahin so nicht kannte. Es war November. Statt Strand und Wärme warteten Finsternis, Winter und ein Land, mit dem sie sich kaum beschäftigt hatten.
Ein Waldspaziergang, der geblieben ist
Die Familie verbrachte zunächst einige Tage im Hotel und danach Zeit in einem Apartment. Hinter dem Apartment lag ein Wald. Dort ging Carina spazieren – und fühlte sich plötzlich zu Hause.
Sie kannte den Ort vorher nicht. Trotzdem hatte sie das Gefühl, angekommen zu sein. Aus dem unerwarteten Reiseabschnitt wurde der Gedanke, hier vielleicht wirklich leben zu wollen.
Die Entscheidung fiel nicht sofort. Nach der Reise lebte die Familie noch in Österreich und kam immer wieder nach Finnland zurück. Der Wunsch blieb, wurde mit weiteren Besuchen konkreter und gehörte längst zu ihren Gesprächen, bevor sie schließlich auszogen.
Auch ihr Umfeld war deshalb nicht völlig überrascht. Später kamen Angehörige und Freunde zu Besuch, um selbst zu sehen, was die Familie so in den Norden gezogen hatte.
Der Sommer überzeugte auch den Südenliebhaber
Für Thomas spielte der erste Sommer in Helsinki eine wichtige Rolle. Bis dahin kannten sie Finnland vor allem im Winter. Nun erlebten sie lange helle Tage, Badestellen und eine Stadt, in der plötzlich überall Menschen draußen unterwegs waren.
Carina erzählt von Seen, Stränden und Eiscreme. Von Sommertagen, an denen man viel Zeit draußen verbringen kann, ohne dass es wochenlang drückend heiß sein muss. Für sie selbst kommt dazu, dass sie ihre Allergie dort deutlich weniger belastet.
Thomas, der vorher lieber nach Spanien gefahren wäre, war begeistert. Der Norden bestand für ihn nun nicht mehr nur aus Winter und Dunkelheit. Er konnte sich auch den Alltag dort vorstellen.
Das ist vielleicht eine der schönsten Wendungen dieser Geschichte: Ein Reiseziel, das zunächst gar nicht geplant war, überzeugte die beiden auf ganz unterschiedliche Weise.
Sich zu Hause fühlen erledigt noch keine Formulare
So klar das Gefühl für Finnland wurde, so mühsam war ein Teil des tatsächlichen Ankommens. Carina arbeitet als virtuelle Assistenz und kann ihre Arbeit remote erledigen. Thomas musste als Lkw-Fahrer vor Ort einen Job finden.
Das dauerte länger, als sie erwartet hatten. Besonders die Sprache erwies sich als Hürde. Mit Englisch kamen sie bei vielen Begegnungen zurecht. Für die Arbeit und einen dauerhaften Alltag brauchte es aber mehr.
Auch die finnischen Formulare und organisatorischen Schritte kosteten Kraft. Carina erzählt, wie vieles für die Familie an der persönlichen Identifikationsnummer hing und wie erleichternd es war, als sie bei Arbeit und Anmeldung endlich weiterkamen.
Finnisch lernen sie weiterhin. Inzwischen gelingt ihnen nach Carinas Schilderung mehr im Alltag. Der Weg dorthin war trotzdem deutlich anstrengender, als sie sich vor dem Umzug vorgestellt hatte.
Die Kinder bringen ihre eigenen Fragen mit
Die beiden Töchter erlebten den Umzug unterschiedlich. Die jüngere fühlte sich nach Carinas Beobachtung schon bei früheren Besuchen besonders frei in Finnland. Die ältere machte sich zunächst mehr Gedanken: Wie würde das mit der Sprache werden? Würde sie Freunde finden?
Diese Fragen verschwinden nicht dadurch, dass die Eltern sich für einen Ort entschieden haben. Carina erzählt offen vom Ankommen der Kinder und davon, dass Kontakte mal leichter, mal schwieriger entstehen.
Ein wichtiger Teil ihres Blicks auf Finnland ist das Gefühl, dass Kinder willkommen sind und mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen ernst genommen werden. Das beschreibt sie sowohl bei Begegnungen im Alltag als auch beim Thema Lernen.
Die Familie hatte bereits in Österreich Erfahrungen mit häuslichem Unterricht gesammelt. Im Gespräch geht es deshalb auch darum, welche Unterstützung ein Kind braucht und wie unterschiedlich Familien ihren Lernalltag erleben können.
Segeln, schwimmen, kochen – und Platz für Kinder
Besonders begeistert ist Carina von den Freizeitangeboten. Sie erzählt von Ferien- und Nachmittagsaktivitäten, von Schwimmen, Segeln, Kochen und vielen Möglichkeiten, Neues auszuprobieren.
Diese Angebote sind für sie mehr als ein nettes Extra. Sie geben Kindern Raum, sich zu bewegen, Interessen zu entdecken und Teil des neuen Umfelds zu werden.
Gleichzeitig blickt Carina auf den Alltag ohne rosarote Brille. Ein neuer Freundeskreis wächst nicht automatisch. Sprache, Arbeit und Integration bleiben Themen, auch wenn die Landschaft gefällt und man sich am richtigen Ort fühlt.
Zufrieden sein kann ziemlich unspektakulär aussehen
Im Gespräch fragen wir natürlich auch nach dem Bild vom besonders glücklichen Finnland. Carina beschreibt ihren Eindruck lieber als Zufriedenheit.
Sie erzählt von einfachen Sommerhäusern, Zeit am See, Fischen und einem Alltag, in dem nicht immer das größere Haus oder Auto im Mittelpunkt stehen muss. Diese Ruhe ist für sie ein Teil dessen, was sie am Leben dort mag.
Auch die Eigenheiten im Umgang miteinander werden Thema. Gesprächspausen können länger sein, als sie es gewohnt war. Nicht jede Stille muss sofort gefüllt werden. Anfangs wirkt das ungewohnt, später lernt man, sich darauf einzulassen.
Auswandern heißt nicht, nie wieder zu zweifeln
Carina hat die Entscheidung durchaus hinterfragt. Sich ein neues Umfeld aufzubauen und in einer anderen Sprache zurechtzukommen, ist anstrengend. Dass sie sich angekommen fühlt, macht diese Schwierigkeiten nicht unsichtbar.
Gleichzeitig wäre es für sie schwer gewesen, den Wunsch gar nicht auszuprobieren. Wenn etwas nicht funktioniert, darf die Familie erneut entscheiden. Zurückgehen oder einen anderen Weg wählen wäre möglich.
Vielleicht liegt darin der Gedanke, der von dieser Folge bleibt: Die Europareise musste nicht schon am ersten Tag zur Auswanderung führen. Und die Auswanderung muss nicht jede zukünftige Entscheidung festlegen. Die Familie hat unterwegs entdeckt, was sich gut anfühlt, und dann Schritt für Schritt darauf zugearbeitet.
Mehr von Carina findet ihr auf Instagram unter @marlinabelle.
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