Podcast-Interview ·

Auswandern aus Deutschland als Familie – worauf es wirklich ankommt

Sechs Töchter in einer Patchworkfamilie, mehrere Kontinente, Jahre des Reisens und heute eine Base auf Bali: Kirstin und Martin von Tabula Rasa Life kennen das Auswandern nicht nur aus Ratgebern. Sie haben selbst erlebt, wie viel Freiheit ein Leben außerhalb vertrauter Strukturen bringen kann – und wie viele schwierige Entscheidungen dazugehören.

In Folge 28 des NomadKids Podcasts sprechen wir darüber, wie eine Familie den Schritt aus Deutschland vorbereitet. Es geht um Schule, Wohnsitz, Steuern und Krankenversicherung, aber auch um etwas, das auf keiner Behörden-Checkliste steht: die innere Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Lebensmodell zu übernehmen.

Man kann nicht früh genug anfangen, zu reduzieren, zu minimalisieren, auszumisten.

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Vom Hamsterrad ins Wohnmobil

Martin beschreibt sein früheres Leben als das klassische Hamsterrad: Angestelltenjob, eine nebenberuflich aufgebaute Selbstständigkeit, Termine und wenig gemeinsame Zeit. Obwohl die Familie sich äußerlich ein gutes Leben geschaffen hatte, blieb kaum Raum, es tatsächlich zu leben. Die Partnerschaft litt, die Kinder sah er zu wenig.

2017 fiel deshalb die Entscheidung, radikal etwas zu verändern. Innerhalb von knapp sechs Monaten wurde aus einer Idee ein Aufbruch: Besitz reduzieren, das bisherige Leben auflösen und zunächst mit dem Wohnmobil durch Europa reisen. Das Ganze war nicht als einjähriger Versuch gedacht, sondern von Anfang an dauerhaft.

Kirstins Weg begann ebenfalls mit einer Reise. Ursprünglich wollte sie nach einem Jahr zurückkehren. In einem Familiencamp auf Koh Phangan begegneten sich ihre damaligen Familien. Erst später, nach Trennungen auf beiden Seiten und vielen persönlichen Umbrüchen, wurden Kirstin und Martin ein Paar.

Ihre gemeinsame Geschichte klingt in wenigen Sätzen geradliniger, als sie war. Kinder lebten zeitweise auf verschiedenen Kontinenten, Ex-Partner hatten eigene Vorstellungen, Corona erschwerte das Reisen zusätzlich. Martin flog zwischen Asien und Europa hin und her, um sowohl seine Kinder in Thailand als auch Kirstin zu sehen. Auswandern war hier kein sauberer Schnitt, sondern ein langer Prozess mit Verantwortung gegenüber vielen Beteiligten.

Warum Kirstin zunächst nach Deutschland zurückging

Nach ihrer Trennung kehrte Kirstin mit drei Töchtern für etwa ein Jahr nach Deutschland zurück. Das Leben im Wohnmobil war haltlos geworden, eine verlässliche Betreuung und ein Lernangebot fehlten, und finanziell musste sie sich neu aufstellen. Deutschland gab der Familie zunächst genau die Struktur, die sie in diesem Moment brauchte.

Als Sozialpädagogin arbeitete sie an der Schule ihrer Kinder. Gleichzeitig merkte sie, wie stark sie sich nach zwei Jahren unterwegs verändert hatte. Als die Pandemie begann, wurde ihr Wunsch, Deutschland wieder zu verlassen, sehr konkret.

Sie setzte sich ein persönliches finanzielles Ziel von 10.000 Euro, löste Versicherungen auf und verkaufte Auto, Möbel und alles, was entbehrlich war. Der Betrag, für den sie zunächst ein Jahr eingeplant hatte, war nach etwa einem halben Jahr erreicht. Dann ging es gemeinsam mit anderen Familien und auch dem Vater ihrer Kinder nach La Palma.

La Palma, Thailand, Portugal und Teneriffa

Anderthalb Jahre lebte die Familie auf La Palma. Dann brach in nur rund drei Kilometern Luftlinie von ihrem Zuhause der Vulkan aus. Das Haus lag im Evakuierungsgebiet, die Familie musste die Insel verlassen.

Es folgten fünf Monate in Thailand, einschließlich zehntägiger Hotelquarantäne, später Portugal und Deutschland. Als Kirstin schwanger wurde, suchten sie bewusst einen Ort, an dem sie länger bleiben konnten. Auf Teneriffa mieteten sie für ein Jahr ein Haus; dort kam ihre gemeinsame Tochter Enya zur Welt.

Die Kanaren sind bis heute ein Herzensort, besonders La Palma. Trotzdem wollen Kirstin und Martin nicht dauerhaft nur an einem Ort leben. Sie sammeln keine Länder und bleiben gern länger, wünschen sich aber Beweglichkeit. Ihre Idealvorstellung: eine Basis auf Bali, eine auf La Palma und dazwischen die Freiheit, weiterzureisen.

Bali als Base: bequem, flexibel und familienfreundlich

Seit etwa anderthalb Jahren vor der Aufnahme lebt die Familie auf Bali. „Zuhause“ bleibt für Kirstin ein schwieriger Begriff – La Palma fühlt sich für sie ebenso vertraut an. Bali kommt diesem Gefühl aber nahe.

Was den Alltag dort leichter macht, sind vor allem organisierbare Wege. Eine Tochter fährt mit Gojek, einem appbasierten Roller-Fahrdienst, zur etwa 20 bis 25 Minuten entfernten Schule. Die Fahrt lässt sich verfolgen und spart den Eltern tägliche Hin- und Rückwege. Essen gehen oder liefern lassen ist günstig, Unterstützung im Alltag leicht verfügbar.

Die Schule beginnt um neun. Acht Wochen Abwesenheit konnten sie vorher ankündigen, ohne kompliziertes Verfahren. Diese Flexibilität bedeutet nicht, dass die Familie ohne Struktur lebt. Sie hat Routinen, Schule, Betreuung, ein Netzwerk und viel Arbeit. Der Unterschied liegt für sie darin, Stresspunkte relativ schnell verändern zu können.

Wir haben uns einfach entschieden, die komplette Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.

Kirstin erzählt offen von der Erschöpfung, die sie früher als Mutter, Studentin und nahezu allein Verantwortliche begleitet hat. Auf Bali ist das Leben nicht untätig – beide arbeiten viel –, aber sie nennen es einen freiwilligen „Hustle“. Selbst ein klingelnder Wecker löst bei Kirstin noch Stress aus. Im Alltag wacht die Familie meist mit dem Sonnenlicht auf.

Selbstbestimmung ist mehr als Freiheit

Frei und selbstbestimmt leben: Das klingt schön, bleibt aber schnell ein Schlagwort. Für Kirstin und Martin heißt es, möglichst wenig von außen vorgegeben zu bekommen und das eigene Lebensmodell wie ein weißes Blatt zu gestalten.

Das ist nicht immer bequem. Wer selbstbestimmt lebt, muss recherchieren, Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen tragen. Es gibt weniger Institutionen, an die Verantwortung abgegeben werden kann. Genau darin liegt für die beiden aber auch die befreiende Seite.

Selbstständigkeit war ein wichtiger Baustein. Martin finanzierte das Familienleben zunächst über seine Werbeagentur. Tabula Rasa Life entstand auf La Palma eher nebenbei: Immer wieder fragten andere Familien nach Wohnsitz, Versicherung, Schule, Steuern und Finanzen. Statt dieselben Antworten einzeln über Instagram zu verschicken, wollten Kirstin und Martin das Wissen in einem Buch bündeln.

Aus dem Buch entwickelten sich Beratungen und Gruppencoachings. Ihr Schwerpunkt sind Familien, die Deutschland verlassen möchten und dafür ein stimmiges Gesamtmodell brauchen.

Auswandern mit Kindern: Warum Einzelfragen zusammenhängen

Eine Auswanderung besteht nicht aus voneinander unabhängigen Punkten. Wohnsitz, Steuerpflicht, Schulpflicht, Kindergeld, Krankenversicherung und Unternehmensstruktur beeinflussen sich gegenseitig.

Martin beschreibt es im Gespräch so: Zieht man an einer Strippe, bewegt sich eine andere mit. Eine Familie kann deshalb nicht automatisch alle Vorteile behalten und gleichzeitig alle Pflichten beenden. Entscheidend ist zunächst die Frage: Was ist für unser Familienmodell wirklich wichtig?

Im Podcast nennen Kirstin und Martin typische Themen aus ihren Beratungen:

  • Wo besteht ein Wohnsitz und welche Folgen hat er?
  • Wo kann eine Steuerpflicht entstehen?
  • Wie endet die Schulpflicht im konkreten Fall?
  • Unter welchen Voraussetzungen kommt Kindergeld infrage?
  • Welche Krankenversicherung passt zum geplanten Aufenthalt?
  • Wo sitzen Unternehmen, Bankkonten und weitere Strukturen?

Gerade bei Schule und Behördenpraxis können Bundesland und individuelle Situation einen Unterschied machen. Was bei Familie A funktioniert hat, muss für Familie B nicht gelten. Auch Aussagen einzelner Sachbearbeiter sind nicht automatisch verlässlich.

Wichtig: Die Folge ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Versicherungsberatung. Gesetze, Beträge und Verwaltungsabläufe ändern sich. Prüft für eure Situation aktuelle Primärquellen und holt euch bei Bedarf fachkundige Beratung.

Schulpflicht als häufigster Auswanderungsgrund

In Webinaren fragen Kirstin und Martin regelmäßig nach den Beweggründen der Teilnehmenden. Als häufigste Antwort nennen sie die Schulpflicht, gefolgt vom Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Leben.

Das bedeutet nicht, dass alle Familien Deutschland grundsätzlich ablehnen. Nach ihrer Erfahrung beschäftigen sich inzwischen auch Menschen mit Auswanderung, die ihr Heimatland gern mögen, aber mit einzelnen gesellschaftlichen, schulischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr zurechtkommen.

Für Familien ist die Bildungsfrage besonders emotional. Wer unterwegs lernen oder homeschoolen möchte, muss die rechtlichen Voraussetzungen sauber klären. Eine Abmeldung kann Konsequenzen in anderen Bereichen haben. Genau deshalb reicht es nicht, lediglich die Erfahrung einer anderen Reisefamilie zu kopieren.

Die drei ersten Schritte vor der Auswanderung

Auf die Frage, womit Familien anfangen sollten, nennen Kirstin und Martin drei Bereiche: Mindset, Minimalismus und Finanzen.

1. Die eigene Entscheidung festigen

Das Umfeld reagiert nicht immer begeistert. Was ist mit den Freunden der Kinder? Mit den Großeltern? Mit Schule, Sicherheit und Zukunft? Wer selbst noch völlig unsicher ist, kann unter dieser Kritik schnell einknicken.

Das heißt nicht, berechtigte Einwände zu ignorieren. Es heißt, die eigene Motivation ehrlich zu prüfen und eine Entscheidung zu treffen, die auch dann trägt, wenn nicht alle sie verstehen.

2. Sofort mit dem Ausmisten beginnen

Beide kennen die letzte Nacht vor einer Wohnungs- oder Hausübergabe aus eigener Erfahrung. Martin räumte noch Zimmer leer, während die Hausverwaltung bereits durch die anderen Räume ging. Vor der Tür stand das überladene Wohnmobil.

Heute leben sie deutlich minimalistischer. Auch im Coaching erleben sie immer wieder, dass Familien monatelang verkaufen, verschenken und entsorgen – und der Hausstand trotzdem kaum kleiner zu werden scheint. Der Prozess braucht Zeit, verändert aber auch den Blick auf Konsum.

3. Ein eigenes Finanzmodell entwickeln

Die Frage „Wie macht ihr das finanziell?“ ist verständlich, aber die Antwort einer anderen Familie ist keine fertige Lösung. Berufe, Rücklagen, Reisetempo, Zielländer und Sicherheitsbedürfnis unterscheiden sich.

Andere Lebensmodelle können inspirieren. Die tragfähige Rechnung muss jede Familie trotzdem selbst aufstellen: laufende Kosten, Rücklagen, Versicherungen, Einkommen unterwegs und ein realistischer Puffer.

Ein sinnvoller Start für eure Planung

Nehmt nicht zuerst die Kündigung oder Abmeldung vor. Schreibt zunächst euer gewünschtes Lebensmodell auf: Wie lange wollt ihr weg, wo ungefähr leben, wie lernen die Kinder, woher kommt Einkommen und welche Absicherung braucht ihr? Beginnt parallel mit einer kleinen Ausmist-Routine – zum Beispiel jeden Tag eine Schublade oder fünf Gegenstände. Prüft rechtliche und steuerliche Folgen anschließend als zusammenhängendes System und nicht als isolierte To-do-Liste.

Beratung oder selbst recherchieren?

Natürlich kann eine Familie ohne Coaching oder Auswanderungsberatung losgehen. Kirstin und Martin haben das anfangs selbst getan. Der Preis dafür ist vor allem Zeit: Gesetze lesen, Verweise verstehen, Quellen prüfen und erkennen, welche Entscheidung welche weitere Folge auslöst.

Problematisch sind veraltete Forenbeiträge oder pauschale Tipps aus sozialen Medien. Selbst korrekte Erfahrungen können an eine andere Ausgangslage gebunden sein. Im Podcast nennen die beiden als Beispiel Familien, die lange außerhalb Europas leben, weiterhin Kindergeld beziehen und später mit hohen Rückforderungen konfrontiert werden.

Wer Beratung nutzt, sollte ebenfalls genau hinschauen: Welche Qualifikation liegt vor, wie aktuell sind die Informationen und wo endet die Beratungsbefugnis? Kirstin und Martin aktualisieren ihren Auswandererguide nach eigener Aussage regelmäßig, weil sich Gesetze und Beträge verändern.

Warum Gemeinschaft den Aufbruch leichter macht

Viele Familien kennen in ihrem direkten Umfeld niemanden, der eine Langzeitreise oder Auswanderung plant. Plötzlich fühlt man sich mit Fragen, Ängsten und Zweifeln wie ein Außenseiter.

Kontakte zu Menschen in einer ähnlichen Situation verändern den Blick. In den Gruppencoachings von Tabula Rasa Life sind laut Kirstin und Martin Freundschaften, Reisegemeinschaften und gemeinsame Wohnprojekte entstanden. Eine Frage aus der Gruppe bringt manchmal ein Thema ans Licht, an das man selbst noch gar nicht gedacht hat.

Auch ohne Coaching gibt es heute viele Wege, sich zu vernetzen: Reiseaccounts, Podcasts, lokale Treffen, Worldschooling-Angebote und Online-Communitys. Entscheidend ist nicht, den Weg anderer nachzubauen. Es geht darum, überhaupt zu sehen, wie unterschiedlich Familien leben können.

Freiheit darf auch eine Langzeitreise auf Probe sein

Nicht jede Familie muss sofort für immer auswandern. Ein Jahr Elternzeit, eine längere Reise oder zwei Jahre im Ausland können ein genauso passender Schritt sein.

Die Erfahrung von Kirstin und Martin zeigt allerdings: Wer beginnt, das bisherige Modell zu hinterfragen, stößt schnell auf viele Verbindungen zu Deutschland – von Krankenversicherung und Meldestatus bis Schule und Steuern. Ein zeitlich begrenzter Aufbruch verdient deshalb dieselbe sorgfältige Prüfung wie eine dauerhafte Auswanderung.

Und er darf trotzdem ein Experiment bleiben. Man kann zurückkommen. Man kann unterwegs Pläne ändern. Man darf merken, dass ein Land doch nicht passt. Kirstin und Martin selbst wollten Portugal ausprobieren und stellten fest, dass es nicht ihr Ort war.

Drei Regeln für schwierige Momente

Am Ende der Folge teilen Kirstin und Martin drei Sätze, nach denen sie seit einiger Zeit leben:

Es gibt immer eine Lösung.
Es gibt immer eine bessere Lösung.
Die Lösung ist immer nah.

„Nah“ kann dabei tatsächlich räumlich gemeint sein. Vielleicht kennt man bereits jemanden, der helfen kann und nur eine Nachricht entfernt ist. Vor allem nimmt dieser Gedanke in stressigen Situationen den Druck, sofort die eine perfekte Antwort finden zu müssen.

Auswandern mit Kindern ist weder ein einfacher Fluchtweg noch ein Privileg für Menschen ohne Ängste. Es ist eine Folge vieler konkreter Entscheidungen – und oft ein langer innerer Prozess. Je früher Familien ihre Motivation klären, Besitz reduzieren, Finanzen aufstellen und die rechtlichen Zusammenhänge prüfen, desto weniger muss in der letzten Woche bei Nacht und Nebel erledigt werden.

Kirstin und Martin findet ihr bei Tabula Rasa Life und auf Instagram unter @tabularasalife.

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