Podcast-Interview ·

Zwei Weltreisen mit Kindern – vom Klassenzimmer auf die Kaffeefarm

Vier Koffer, zwei Kinder und eine Route, die von einer brasilianischen Kaffeefarm über Costa Rica und Mexiko bis nach Asien führte: Sabine und Daniel sind nicht nur einmal, sondern gleich zweimal mit ihren Kindern um die Welt gereist.

Ihre erste Weltreise 2019 dauerte viereinhalb Monate. Damals waren Jonas und Mila noch im Kindergartenalter, die Familie reiste schnell und weder Arbeit noch Schule mussten unterwegs Platz finden. Die zweite Reise war anders. Sabine und Daniel lösten ihre Wohnung auf, arbeiteten ortsunabhängig und übernahmen zusätzlich den Unterricht für ihre inzwischen schulpflichtigen Kinder.

Im NomadKids Podcast sprechen wir darüber, wie aus „Lasst uns noch einmal los“ zwei Jahre unterwegs wurden, was Kinder auf einer Kaffeefarm lernen und warum ein flexibler Reisealltag nicht automatisch ein müheloser ist.

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Noch einmal los – bevor der richtige Moment vorbei ist

Die erste Weltreise hatte vor allem eines hinterlassen: Lust auf mehr. Für die Sommerferien nach Jonas’ Einschulung war Bali geplant, dann kam die Pandemie. Als sich die Grenzen 2021 langsam wieder öffneten, kehrte der Gedanke zurück.

Die Kinder waren noch in der Grundschule. Sabine und Daniel sprachen mit ihnen, gingen frühzeitig auf die Schule zu und bekamen Unterstützung. Im Januar 2022 kündigten sie ihre Wohnung, lösten ihren Haushalt auf und bereiteten den Start im Sommer vor.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ein weiterer Baustein machte den großen Schritt greifbarer: Daniel, der selbstständig Kaffeekurse und Beratung anbietet, hatte in einer Rösterei einen deutschen Farmer aus Brasilien kennengelernt. Der lud die Familie ein, während der Erntezeit auf seiner Farm zu wohnen. So warteten am Anfang der Reise nicht nur ein konkreter Ort und vertraute Ansprechpartner, sondern auch eine besondere berufliche Erfahrung.

Ganz reibungslos begann die Reise trotzdem nicht. Wegen der Erkrankung eines Familienmitglieds konnte die Familie nicht wie geplant im Juni fliegen. Die Wohnung war bereits aufgelöst, alles gepackt. Freunde und Familie fingen sie auf, die Abreise wurde um einen Monat verschoben – und der Gesundheitszustand klärte sich glücklicherweise.

Diese Erfahrung hat ihnen gezeigt: Auch wenn ein Plan im ungünstigsten Moment zusammenbricht, kann es weitergehen.

Schulbefreiung und Lernen unterwegs

Sabine und Daniel lebten in Hessen. Dort entscheidet in ihrem Fall die Schulleitung über eine Schulbefreiung. Für Jonas stand das vierte, für Mila das zweite Schuljahr an. Beide kamen in der Schule gut zurecht, die Klassenlehrkräfte unterstützten das Vorhaben und die Familie erhielt zunächst eine Befreiung für ein Jahr.

Die Schule stellte Bücher und weitere Materialien zur Verfügung. Im zweiten Reisejahr bestellten sie erneut die Unterlagen, mit denen auch die Klassen zu Hause arbeiteten. Deutsch, Mathematik und bei Jonas Englisch bildeten den festen Rahmen.

Unterwegs merkten sie schnell, dass Schule nicht genauso aussehen muss wie im Klassenzimmer. Wenn ein Kind für das Einmaleins mehr Zeit brauchte, konnten sie diese geben. Anderes wurde kürzer behandelt. Die Sachkundelehrerin hatte schon vor der Abreise gesagt, dafür würde Mila auf der Reise genug lernen.

Und tatsächlich: Auf der Kaffeefarm sortierten die Kinder Rohkaffee und lernten, fehlerhafte Bohnen zu erkennen. In verschiedenen Ländern hörten sie Englisch und Spanisch. Beide begannen, eigene Geschichten zu schreiben. Mila malte sich das Einmaleins draußen auf und hüpfte die Aufgaben ab.

So bleibt es einfach auch drin mit diesem Spaß am Lernen.

Das klingt wunderbar – war aber nicht jeden Tag wunderbar. Sabine und Daniel sprechen offen darüber, dass Unterricht neben Arbeit und Familienalltag Aufwand bedeutet. Es gab Streit und Tage ohne Lust auf Lernzeit. An intensiven Sightseeing-Tagen blieb das Schulmaterial zu, weil der Input ohnehin schon groß genug war.

Lernzeit auf Reisen realistisch planen

Nutzt die frischen Stunden am Morgen und lasst die Hefte an vollen Reise- oder Sightseeing-Tagen geschlossen. Ein überschaubarer Rahmen für die Kernfächer kann Orientierung geben, ohne jedes Lernerlebnis unterwegs in einen Stundenplan zu pressen.

Von Brasilien über Mexiko bis nach Asien

Die zweite Weltreise begann mit zwei Monaten in Brasilien. Danach fuhr die Familie sechs Wochen lang mit einem Mietwagen durch Costa Rica. Von Mexiko-Stadt ging es weiter nach Chiapas, wo sie zwei Wochen auf einer weiteren Kaffeefarm wohnten.

Anschließend blieben sie zwei Monate in Playa del Carmen auf der Halbinsel Yucatán. Die Wohnung, der Vermieter und der Ort passten so gut, dass die Familie später immer wieder dorthin zurückkehrte.

Nach zehn Tagen in Los Angeles folgten Bangkok und fünf Wochen auf Koh Samui, dann rund zweieinhalb Monate Malaysia mit einem kurzen Abstecher nach Singapur. Auf Bali schöpften sie das 30-Tage-Visum aus. Die Großeltern kamen zu Besuch, was besonders die Kinder feierten.

Über Kuala Lumpur reisten sie nach Sri Lanka. Ihre hohen Erwartungen erfüllte das Land nicht. Nach einer Woche in Hongkong – Sabine und Daniel hatten dort 2011 ihre Hochzeitsreise verbracht – ging es zurück nach Deutschland.

Eigentlich sollte die Weltreise damit beendet sein. Doch die Wohnungssuche rund um Wiesbaden wurde schwierig und teuer. Eine passende Vier-Zimmer-Wohnung kostete inzwischen teils doppelt oder fast dreimal so viel wie vor der Reise. Gleichzeitig fühlte sich die Familie noch nicht fertig. Die Schule unterstützte ein weiteres Jahr, und nach Milas Genesung von einem Knochenbruch ging es zurück nach Mexiko.

Kaffeefarm in Brasilien: vom Pflücken bis zum Rösten

Für Daniel war die Zeit in Brasilien mehr als eine interessante Reisestation. Wer beruflich mit Kaffee arbeitet, möchte irgendwann erleben, wie er angebaut und verarbeitet wird.

Der Tag auf der Farm begann gegen halb sieben. Während der brasilianischen Erntezeit ist Winter und Trockenzeit; nachts konnten die Temperaturen unter zehn Grad fallen. Das Haus, in dem sie wohnten, hatte weder Isolierung noch Fensterscheiben. Morgens trafen sich alle in der Küche, tranken Kaffee und aßen eine Kleinigkeit.

Die jungen Pflanzen der Farm trugen noch keinen eigenen Kaffee. Stattdessen kaufte der Betrieb Bohnen umliegender Farmen, verkostete und sortierte Proben und besuchte andere Produzenten sowie Dienstleister für Aufbereitung und Lagerung.

Auf einer anderen Plantage pflückte die Familie schließlich 50 Kilogramm Kaffeekirschen. Der Kaffee wurde getrocknet, geschält, sortiert und eingelagert. Ein Jahr später trafen sie den Farmer in Deutschland wieder und rösteten ihre eigenen Bohnen in einer befreundeten Rösterei.

Man hat wirklich von der Ernte bis zur Röstung alles selbst gehabt.

Zur romantischen Vorstellung vom Farmleben gehört aber auch die Realität: Die Arbeit ist körperlich hart. Selbst dort, wo Maschinen eingesetzt werden, bleibt viel Muskelkraft nötig. Die Tage reichen oft von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Arbeiten unterwegs: möglich, aber nicht immer bequem

Sabine arbeitet als Journalistin, PR-Beraterin und Social-Media-Managerin. Viele Termine waren schon während der Pandemie in Videocalls gewandert, deshalb konnte sie ihre Arbeit mitnehmen. Daniel bot seine Kaffeekurse online an.

Die größere Herausforderung war die Zeitverschiebung. In Mexiko klingelte Sabines Wecker für Kundentermine manchmal um halb sechs, an anderen Orten stand sie sogar nachts um halb drei auf.

Ortsunabhängig zu arbeiten bedeutet eben nicht automatisch, dass alle Termine plötzlich zur Ortszeit passen. Gleichzeitig gab die Arbeit der Familie die Möglichkeit, länger unterwegs zu bleiben und nicht nur von Erspartem zu leben.

Lateinamerika mit Kindern: Bus, Flugzeug oder Mietwagen?

Ländergrenzen überquerten Sabine und Daniel in Lateinamerika meist mit dem Flugzeug. Innerhalb Kolumbiens waren sie während ihres viereinhalbmonatigen Aufenthalts häufig mit Überlandbussen unterwegs. Die Busse empfanden sie als bequem, doch aus angekündigten fünf Stunden konnten wegen der Straßenverhältnisse auch acht werden.

Sehr lange Strecken flogen sie. 24 Stunden Busfahrt von der Karibikküste nach Bogotá waren ihnen mit Kindern und Gepäck zu viel. Für einzelne Abschnitte nutzten sie einen Mietwagen, informierten sich aber vorher genau, welche Regionen aktuell empfohlen wurden.

Ihr Spanisch reichte für Bestellungen und kurze Gespräche. Ansonsten halfen Englisch und Übersetzungen auf dem Handy.

Kolumbien erlebten sie als bunt, laut und herzlich. In viereinhalb Monaten fühlten sie sich selbst nicht bedroht oder bedrängt. Das heißt ausdrücklich nicht, dass Sicherheitswarnungen ignoriert werden sollten. Eine andere Reisefamilie aus ihrem Umfeld wurde nach Missachtung einer lokalen Empfehlung bewaffnet ausgeraubt. Sabine und Daniel passten ihre Route ebenfalls an, als ihnen von einer Fahrt rund um Cali abgeraten wurde.

Für sie liegt der vernünftige Mittelweg zwischen Panik und Leichtsinn: aktuelle Informationen einholen, Empfehlungen ernst nehmen und vor Ort aufmerksam bleiben.

Mexiko wurde zum Herzensort

Playa del Carmen bot der Familie vieles, was auf einer langen Reise wichtig wird: warmes Wetter, Strand und Pool, gutes Essen, freundliche Menschen und einen hilfsbereiten Vermieter. Nach vielen Ortswechseln entstand dort etwas, das sich nach Alltag anfühlte.

Auch die Kinder fanden schnell Anschluss. Jonas spielte Fußball – wie zuvor schon für einige Wochen auf Koh Samui. In Thailand schaute er sich die Übungen bei den anderen Kindern ab und stellte sich hinten an, um zu verstehen, was zu tun war. Später spielte die Mannschaft ein Turnier und gewann.

In Mexiko trainierte er erneut im selben Verein wie beim ersten Aufenthalt. Am frühen Abend trafen sich Kinder außerdem auf dem Fußballplatz in der Nachbarschaft.

Man braucht nur einen Ball und hält den hoch, und dann ist schon klar, was jetzt gefordert wird.

Gerade bei längeren Aufenthalten sind solche Routinen oft wichtiger als das nächste Highlight. Sport schafft Kontakte, auch wenn die gemeinsame Sprache noch fehlt.

Was die Reise den Kindern zeigt

Unterwegs begegnete die Familie nicht nur schönen Landschaften und herzlichen Menschen. Besonders in Kolumbien sahen die Kinder große Armut, Obdachlosigkeit und sichtbare Drogenprobleme. Sabine und Daniel mussten immer wieder überlegen, wie sie das Gesehene altersgerecht erklären.

Die Kinder verstanden dadurch sehr konkret, wie privilegiert ihr eigenes Leben ist – und dass schon die Möglichkeit, als Familie durch verschiedene Länder zu reisen, nicht selbstverständlich ist. Solche Begegnungen sind kein einfacher Punkt auf einer Liste von „Lernchancen“. Manche Bilder beschäftigen die ganze Familie und lassen sich nicht mit einem schnellen Satz auflösen.

Gleichzeitig lernten alle, Menschen offen zu begegnen. Das ist auch Sabines wichtigstes Mitbringsel aus der Reise:

Man sollte den Menschen immer offen und freundlich entgegentreten. Und das ist dann auch, wenn man die Sprache nicht kann, schon mal die halbe Miete.

Weniger Gepäck, mehr Beweglichkeit

Das Leben der vier passt in vier Koffer. Trotzdem fühlt sich selbst das auf dem Weg zum Busbahnhof oder beim Wechsel in ein Taxi manchmal nach zu viel an.

Auch die Kinder sortierten unterwegs aus. Spätestens vor einem Flug wurde deutlich, dass fünf Kuscheltiere im Rucksack zwar theoretisch hineinpassen – aber nicht unbedingt mitreisen müssen.

Sabine und Daniels pragmatischer Rat lautet deshalb: weniger ist mehr. Denn wenn es schnell gehen muss, tragen am Ende häufig die Eltern zusätzliche Gepäckstücke.

Ihr zweites wichtiges Sicherheitsnetz ist die Gewissheit, jederzeit zurückkehren zu können. Die Familie hat keine eigene Wohnung mehr in Deutschland, aber Eltern, Verwandte und Freunde, die sie auffangen würden. Auch die Kinder wissen: Die Reise ist keine Prüfung, die um jeden Preis bestanden werden muss.

Wie es weitergeht, entscheidet die Familie gemeinsam. Als das Interview aufgenommen wurde, wollten sie zunächst ihre mögliche Aufenthaltsdauer in Mexiko nutzen und dann schauen, wie die Kinder sich fühlen – ob die Reiselust bleibt oder das Heimweh nach Großeltern und Freunden größer wird.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis aus zwei Weltreisen: Große Entscheidungen dürfen mutig sein. Sie müssen trotzdem nicht für immer gelten.

Sabine findet ihr auf Instagram unter @verrueckte_bunte_reise, Daniel und seine Kaffeeangebote unter @coffeeteller_wiesbaden.

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