Allein mit zwei Kindern auf Weltreise – Kathrins Jahr zwischen Schulpflicht und Freiheit
Die Great Ocean Road, einer dieser Ausblicke, für die Menschen einmal um die halbe Welt fliegen – und auf der Rückbank zwei Kinder, die sagen: „Nee, kein Bock, da jetzt noch mal auszusteigen. Ist doch alles gleich schön.“
Kathrin musste in diesem Moment etwas lernen, das wahrscheinlich jede länger reisende Familie irgendwann lernt: Kinder erleben eine Weltreise nicht als endlose Reihe großer Highlights. Sie bleiben Kinder. Manchmal wollen sie Abenteuer, manchmal Freunde, manchmal WLAN und manchmal einfach im Auto sitzen bleiben.
Ein Jahr lang war Kathrin allein mit ihrem damals zehnjährigen Sohn und ihrer zwölfjährigen Tochter unterwegs. Die drei bereisten 16 Länder, von Namibia und Südafrika über Südostasien und Australien bis nach Hawaii, Mexiko und Mittelamerika. In dieser Folge des NomadKids Podcasts sprechen wir darüber, wie sie die Schulbefreiung organisiert hat, warum ihr intuitives Reisen trotzdem viel Arbeit bedeutete, was die Reise ungefähr kostete – und weshalb die Rückkehr für ihre Kinder leichter war als für sie selbst.
Eine Kündigung und die Frage: Soll das wirklich alles sein?
Die Idee zur Weltreise entstand nicht aus einem perfekt ausgearbeiteten Fünfjahresplan. Kathrin arbeitete damals im Personalbereich, der Alltag war voll, die Zeit mit ihren Kindern knapp. Nach einer Kündigung reiste sie zum ersten Mal eine Woche allein. Diese kurze Auszeit reichte, um vieles infrage zu stellen.
Sie wollte mehr reisen, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und nicht wieder in denselben Alltagstrott zurückkehren. Gleichzeitig waren da die Fragen, die fast automatisch auftauchen: Ist eine Weltreise allein mit zwei Kindern verantwortungsvoll? Was passiert mit der Schule? Wie gelingt die Rückkehr? Und kann das finanziell überhaupt funktionieren?
Kathrin beschreibt diesen inneren Konflikt nicht als etwas, das vor dem Abflug plötzlich verschwindet. Mut bedeutete für sie nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Zweifeln loszugehen.
„Es lohnt sich, mutig zu sein.“
Schulbefreiung: Erst ein Netzwerk schaffen, dann den Antrag stellen
Ihre Kinder waren beim Start zehn und zwölf Jahre alt und damit schulpflichtig. Kathrin ging das Thema deshalb lange vor der Reise an. Sie sprach zunächst mit allen wichtigen Bezugs- und Fachpersonen: mit dem Vater, den Lehrkräften, dem Kinderarzt und der Ergotherapie.
Ihr Ziel war nicht nur, Zustimmung einzuholen. Sie wollte Menschen ins Boot holen, die ihre Kinder kannten und gegenüber der zuständigen Stelle begründen konnten, warum die Reise für sie wertvoll sein würde.
Danach entwickelte sie gemeinsam mit den Lehrkräften ein Lernkonzept. Sie sichteten Materialien in der Schulbibliothek und überlegten, wie die Zusammenarbeit unterwegs aussehen könnte. In ihrem Fall in Hamburg stellte schließlich der Schulleiter, gestützt auf Kathrins eigenen Antrag und das Lernkonzept, den Antrag an die Schulaufsichtsbehörde.
Der Prozess dauerte lange, war am Ende aber erfolgreich. Kathrins Erfahrung ist dabei keine pauschale Anleitung: Zuständigkeiten, rechtliche Voraussetzungen und Entscheidungen unterscheiden sich je nach Bundesland und Einzelfall. Ihr Vorgehen zeigt jedoch, wie hilfreich eine frühe, transparente Zusammenarbeit sein kann.
Schule und Reise gemeinsam vorbereiten
Beginnt frühzeitig und bezieht nicht nur die Schule, sondern auch weitere wichtige Bezugspersonen der Kinder ein. Entwickelt ein nachvollziehbares Lernkonzept und klärt den konkreten rechtlichen Weg mit Schule und zuständiger Behörde. Kathrins Genehmigung war eine Einzelfallentscheidung – kein allgemeiner Anspruch auf Schulbefreiung.
Lernen unterwegs: Mathe, Deutsch und sechs Reisetagebücher
Auf dem Papier stand zunächst ein Lernkonzept. Unterwegs musste die Familie trotzdem erst herausfinden, was im echten Reisealltag funktioniert. Zwei Kinder parallel zu begleiten, die unterschiedliche Aufgaben bearbeiten, empfand Kathrin als herausfordernd.
Die drei konzentrierten sich bei den klassischen Schulfächern vor allem auf Mathe und Deutsch. In Phasen, in denen sie drei oder vier Wochen an einem Ort blieben, gab es einen strukturierten Alltag mit Lernzeiten am Vor- und Nachmittag. Während intensiver Reiseetappen rückte das formale Lernen in den Hintergrund.
Dafür entstanden Fragen ganz von selbst: durch andere Kulturen, Natur, Tiere und Begegnungen. Die Kinder besuchten zeitweise eine Schule auf Bali, lernten dort balinesische Lieder, meditierten, machten Yoga und erlebten ein völlig anderes Schulkonzept.
Auf einer Sache bestand Kathrin während des ganzen Jahres: Beide Kinder sollten handschriftlich Tagebuch führen. Begeistert waren sie davon nicht. Heute gibt es sechs dieser Bücher – voller Orte, Gefühle und Erinnerungen aus der Perspektive eines zehn- und eines zwölfjährigen Kindes.
„Es sind sechs an der Zahl, glaube ich. […] Das ist so ein richtiger Schatz für mich und hoffentlich auch später für die Kinder.“
Kathrin selbst schrieb während der Reise einen Blog. Der wurde später zur Gedächtnisstütze für ihren Ratgeber und ein noch unveröffentlichtes Manuskript mit Reiseerzählungen. Denn selbst ein außergewöhnliches Jahr verblasst erstaunlich schnell in den Details.
Eine Route mit Plan – aber ohne festgezurrte Weltreise
Der erste Monat war vorbereitet. Am 1. August starteten die drei in Namibia und reisten anschließend durch Südafrika. Danach ging es über Singapur nach Südostasien. Thailand, Bali, Sumatra und Malaysia füllten ungefähr vier Monate.
Weihnachten verbrachten sie in Malaysia, Silvester in Sydney. Es folgten Australien im Wohnmobil, Hawaii sowie Stationen in Mexiko, Panama und Costa Rica. Große Städte baute Kathrin bewusst ein, weil ihre Tochter andere Interessen hatte als ihr natur- und abenteuerbegeisterter Sohn. Aus einem ohnehin nötigen Zwischenstopp in Städten wie Bangkok, Singapur, Los Angeles oder Miami wurden deshalb manchmal mehrere Nächte. New York plante sie gezielt für die Kinder ein.
„Intuitiv reisen“ bedeutete also nicht, morgens spontan einen Kontinent auszusuchen. Die Familie hatte Wünsche und eine grobe Bucketlist, buchte aber häufig zunächst nur wenige Nächte. Vor Ort entschieden sie: Bleiben wir länger? Brauchen wir Ruhe? Oder haben wir gerade Lust auf das nächste Abenteuer?
So kam Sumatra überhaupt erst auf die Route. Andere Reisende erzählten davon, die drei hörten zu und änderten ihren Plan. Aus einem Ziel, das vorher niemand auf dem Zettel hatte, wurde eine besonders wertvolle Etappe.
Weniger abhaken, mehr wahrnehmen
Diese Freiheit hatte eine Kehrseite: Wer wenig vorbucht, plant viel unterwegs. Flüge suchen, Unterkünfte finden, Wege organisieren – all das erledigte Kathrin zusätzlich zum Alltag und Lernen mit zwei Kindern.
Trotzdem war die Flexibilität wichtig. Sie konnten länger bleiben, wenn es ihnen gutging, und weiterziehen, wenn ein Ort nicht passte. Vor allem konnten sie Pausen einlegen, bevor aus der Fülle an Eindrücken nur noch Erschöpfung wurde.
Die berühmte Szene an den Zwölf Aposteln an der Great Ocean Road bringt das ziemlich gut auf den Punkt. Für Kathrin war der Ausblick etwas Besonderes, für ihre Kinder irgendwann nur noch der nächste schöne Aussichtspunkt. Statt Undankbarkeit darin zu sehen, musste sie ihre Perspektive ernst nehmen.
„Kinder haben halt auch eine andere Sicht auf die Dinge, haben andere Prioritäten.“
Eine Langzeitreise wird nicht besser, je mehr Sehenswürdigkeiten auf einer Liste abgehakt sind. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr – gerade für Kinder, die Eindrücke häufig schneller verarbeiten müssen als Erwachsene.
Allein reisen heißt: Die Verantwortung ist immer dabei
Organisatorisch bereitete Kathrin sich gründlich vor. Obwohl sie nach eigener Aussage das alleinige Sorgerecht hatte, reiste sie mit Vollmachten des Vaters. Geburtsurkunden, Vollmachten und weitere Nachweise lagen ausgedruckt in einer dünnen Mappe im Handgepäck und zusätzlich digital auf ihrem Handy.
Welche Dokumente für eine Einreise aktuell notwendig sind, sollte man immer für das jeweilige Land und die eigene familiäre Situation prüfen. Kathrin erinnert sich beispielsweise an ein notariell beglaubigtes Dokument für eine Reise im südlichen Afrika, betont im Gespräch aber selbst, dass sie nicht weiß, ob diese Vorgabe heute noch gilt.
Die größere Belastung war für sie ohnehin nicht ein einzelner Grenzübertritt, sondern die Verantwortung rund um die Uhr. Der Vater der Kinder und seine damalige Partnerin besuchten die Familie an mehreren Orten. Das schränkte die spontane Route etwas ein, war für alle aber ein Geschenk: Die Kinder hatten Zeit mit ihrem Vater, konnten sich im Hotel erholen und Kathrin war für einige Tage nur für sich selbst verantwortlich.
Diese Pausen nutzte sie unter anderem zum Schreiben. Gleichzeitig konnten Schulhefte ausgetauscht und Erinnerungsstücke nach Deutschland mitgegeben werden.
Der Backpack-Traum endete beim Rollkoffer
Vor der Reise klang die Gepäckidee logisch: drei Menschen, drei Backpacks. In der Realität waren die Rucksäcke für die Kinder anstrengend. Bei langen Visa- und Einreisekontrollen standen sie schwer beladen da und schauten neidisch auf die Rollkoffer anderer Reisender.
Als der Vater sie besuchte, ging deshalb erst der eine und später der zweite Kinder-Backpack zurück nach Deutschland. Beide Kinder bekamen Rollkoffer. Kathrin blieb bei ihrem Rucksack.
Es ist eines dieser kleinen Reise-Learnings, die auf keiner großen Weltreise-Vision auftauchen: Die praktischste Lösung ist nicht immer die, die am meisten nach Abenteuer aussieht.
Rund 40.000 Euro für ein Jahr zu dritt
Kathrin wollte ihre Ausgaben ursprünglich genau dokumentieren. Als ihr Handy ungefähr zur Hälfte der Reise kaputtging und die Aufzeichnungen verloren waren, hörte sie damit auf. Deshalb ist ihre Kostensumme ausdrücklich eine Schätzung.
Sie geht von ungefähr 40.000 Euro für ein Jahr Weltreise zu dritt aus. Darin waren auch besondere Erlebnisse enthalten. Finanziert wurde die Reise hauptsächlich durch die möblierte Untervermietung ihres Hauses in Hamburg. Hinzu kamen nach ihrer Aussage Kindergeld und Unterhalt.
In Südostasien lebte die Familie deutlich günstiger, teurere Stationen wie Hawaii glichen das wieder aus. Für Kathrin lagen die Gesamtkosten damit nicht weit von dem entfernt, was ein Jahr Alltag in Deutschland gekostet hätte.
Das ist kein allgemeines Weltreise-Budget. Route, Reisestil, Flugpreise, Versicherungen und persönliche Voraussetzungen verändern die Rechnung erheblich. Aber ihre Erfahrung widerspricht der Annahme, dass eine lange Reise zwangsläufig unbezahlbar sein muss.
Wieder zu Hause: Sicherheit für die Kinder, Fernweh für die Mutter
Für die Kinder war von Anfang an klar: Nach einem Jahr kommen wir zurück. Nicht nur nach Deutschland, sondern in dasselbe Zuhause, zu ihren Freunden und wieder in die Schule. Diese feste Perspektive gab ihnen Sicherheit.
Kathrin ging es anders. Sie hatte Deutschland und den Alltag nicht vermisst und hätte nach eigener Aussage noch drei Jahre weiterreisen können. Als die drei schließlich zu Hause ankamen, kam trotzdem ein Gefühl, mit dem sie nicht gerechnet hatte.
„Ich habe meine Kinder gesund wieder nach Hause gebracht, wir haben so ein tolles Jahr gehabt, ich habe das geschafft und alles ist gut gegangen.“
Erst in diesem Moment spürte sie, welche Verantwortung sie das ganze Jahr getragen hatte. Gleichzeitig waren plötzlich die vertrauten Kleinigkeiten wieder da: eine warme Dusche, das eigene Bett, Brot und Käse.
Die Reise war damit aber nicht abgeschlossen. Kathrin reist weiterhin gern, allein und mit ihren inzwischen jugendlichen Kindern. Ihr ist wichtig, ihnen verschiedene Lebensentwürfe zu zeigen – ohne zu verlangen, dass sie später ihren Weg kopieren. Ihre Kinder wollten zurück in die Schule und ihren Abschluss dort machen. Auch das gehört für sie zu einem selbstbestimmten Familienleben.
Was von diesem Jahr bleibt
Kathrin nennt die Weltreise das schönste Jahr ihres Lebens. Nicht, weil alles leicht war. Lernen, Planen und Entscheiden lagen oft allein bei ihr. Ihre Kinder fanden nicht jedes Ziel großartig, wollten anfangs nicht nach Sumatra, vermissten Freunde und hatten ganz eigene Vorstellungen davon, was eine gute Reise ausmacht.
Gerade deshalb ist ihre Geschichte mehr als ein „Mach es einfach“. Sie zeigt, wie viel Vorbereitung Freiheit manchmal braucht: Gespräche mit der Schule, passende Dokumente, finanzielle Grundlagen, Pausen und die Bereitschaft, Pläne zu ändern.
Ihr Mitbringsel aus der Folge fasst ihre Haltung am besten zusammen:
„You will never know until you go.“
Man kann nicht vorher wissen, wie sich ein Jahr Weltreise mit zwei Kindern anfühlt. Aber man kann anfangen, die richtigen Fragen zu stellen – und aus einem riesigen Traum viele konkrete nächste Schritte machen.
Mehr über Kathrin findet ihr auf ihrer Website und auf Instagram bei @myworld4you. Ihren Ratgeber „Zu dritt einmal um die Welt“ findet ihr über den Buchlink aus den Shownotes.