Podcast-Interview ·

Zwei Weltreisen, vier Kinder und ein neues Leben auf Gran Canaria

Zwei Weltreisen, zweimal Zwillinge und anschließend zwei Jahre auf Gran Canaria: Wenn Dagmar von ihrem Familienleben erzählt, klingt das erst einmal nach ziemlich viel Mut. Sie selbst sieht das anders. Ihre Familie sei durchaus sicherheitsbedürftig, sagt sie – und genau deshalb habe sie Wege gesucht, große Auszeiten mit einem Sicherheitsnetz zu verbinden.

Die erste Weltreise begann nicht mit einer spontanen Kündigung am Flughafen, sondern mit einer Erkenntnis, die viele Eltern kennen: Zwei Jobs, zwei kleine Kinder, ständig Zeitdruck und kaum Gelegenheit, das gemeinsame Leben wirklich zu genießen. Als der Stress schließlich auch gesundheitliche Folgen hatte, war klar, dass sich etwas ändern musste.

Im NomadKids Podcast sprechen wir mit Dagmar über sechs Monate Weltreise im Jahr 2013, eine zweite Reise von 13 Monaten mit vier Kindern, improvisierte Routen während der Pandemie, Schule unterwegs und die Frage, was intensive Familienzeit langfristig verändern kann.

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Als das Hamsterrad nicht mehr funktionierte

Vor der ersten Reise waren Dagmars ältere Zwillinge fünf Jahre alt. Der Familienalltag bestand aus zwei Jobs, Kindergarten und dem permanenten Gefühl, irgendwo zu spät zu sein. Besonders Marcs Führungsposition brachte viel Stress mit sich. Als er einige Monate krankheitsbedingt ausfiel, wurde aus dem vagen Wunsch nach Veränderung eine konkrete Entscheidung.

Freunde hatten von ihrer eigenen Weltreise erzählt – und davon, unterwegs viele Familien getroffen zu haben. Bis dahin war für Dagmar und Marc eine Weltreise mit Kindern eher etwas gewesen, das wahrscheinlich nicht geht. Plötzlich gab es Beispiele dafür, dass es doch möglich war.

Marc nahm für sechs Monate Elternzeit. Dagmar hatte die Möglichkeit, Elternzeit zu übertragen, zuvor nicht rechtzeitig geregelt und kündigte schließlich ihren Job. Das fühlte sich nach einem großen Verlust an. Nach der Rückkehr wollte derselbe Arbeitgeber sie allerdings wieder einstellen. Dagmar entschied sich trotzdem dagegen und machte sich selbstständig, um nicht direkt in das alte Modell zurückzukehren.

„Am Anfang der sechs Monate haben wir gedacht: Wow, das ist once in a lifetime. Und schon während der sechs Monate haben wir festgestellt: Nee, das müssen wir noch mal machen.“

Einmal um die Welt – mit fester Route

Für die erste Weltreise buchte die Familie ein Around-the-World-Ticket und plante die Route für das halbe Jahr im Voraus. Von Washington ging es für einen Monat nach Hawaii. Danach reisten sie mit dem Camper ungefähr zwei Monate entlang der australischen Ostküste und weiter über Vietnam, Kambodscha, Thailand, Sri Lanka und Singapur.

Hawaii ist Dagmar besonders in Erinnerung geblieben: die Landschaft, die Strände und dieser spezielle Vibe. Schon 2013 war das Reiseziel teuer, doch früh gebuchte Unterkünfte machten den Aufenthalt noch einigermaßen bezahlbar. Bei der zweiten Weltreise überlegte die Familie erneut, einen Stopover dort einzubauen, verwarf die Idee aber vor allem wegen der Kosten für Unterkünfte und Mietwagen.

Die erste Reise war einmal rund um den Globus geplant. Bei der zweiten sollte fast nichts so laufen wie ursprünglich gedacht.

Die zweite Weltreise: 13 Monate ohne verlässlichen Plan

Mitte 2021 waren große Teile der Welt noch geschlossen. Australien, das eigentlich wieder auf der Wunschliste stand, war nicht erreichbar. Die Familie startete deshalb auf Malta, wo die älteren Kinder einen Englischkurs machen sollten, und flog anschließend nach Mexiko.

Nach drei Wochen auf Yucatán ging es in die USA. Die Einreise aus Europa war damals nicht möglich, über den vorherigen Aufenthalt in Mexiko aber schon. Acht Wochen lang fuhren die sechs mit einem Wohnmobil von New York bis Las Vegas.

Danach blieb die Route beweglich: zurück nach Mexiko, weiter durch Mittelamerika bis Panama, später über Istanbul nach Singapur, Malaysia, Bali und zum Abschluss Thailand. Regeln änderten sich teilweise nur wenige Tage vor der geplanten Einreise. Tests, Transitbestimmungen und neu geöffnete Grenzen bestimmten immer wieder, was als Nächstes möglich war.

Gerade diese ungewöhnliche Zeit hatte aber auch eine besondere Seite. In zwei Monaten USA traf die Familie nach Dagmars Erinnerung keinen einzigen ausländischen Touristen. Auch auf Nusa Lembongan und Gili Air waren kurz nach der Wiederöffnung deutlich weniger Reisende als üblich.

Ein Autokauf am Strand und fünf Grenzen später

Einer der spontansten Momente der Reise begann in Puerto Escondido. Dagmar hatte mittags Flüge nach Costa Rica gebucht. Am Nachmittag traf die Familie am Strand eine Schweizer Familie mit ebenfalls vier Kindern, die ihre Reise unterbrechen und zurück in die Schweiz musste.

Die Schweizer hatten in den USA einen großen Chevrolet Suburban gekauft, um damit durch Mittelamerika zu fahren. Nun fragten sie Dagmar und Marc, ob sie das Auto übernehmen wollten. Nach langem Überlegen stornierten die beiden noch in derselben Nacht ihre Flüge und sagten zu.

Die Umschreibung des in den USA zugelassenen Fahrzeugs dauerte einige Wochen. Danach fuhr die Familie damit bis Panama City. Das bedeutete bei jeder Grenze: das Auto aus einem Land exportieren, im nächsten wieder importieren und häufig eine neue Versicherung abschließen. Mit rudimentären Spanischkenntnissen und vier Kindern im Wagen war jeder Grenzübertritt eine Herausforderung.

Trotzdem würde Dagmar es wieder so machen. Ein eigenes Fahrzeug öffnete andere Routen und machte die Reise durch Mittelamerika unmittelbarer. Nicaragua überraschte die Familie besonders positiv. Als Gesamtpaket blieb jedoch die Wohnmobilzeit in den USA ihr größtes Highlight – vor allem wegen des Freiheitsgefühls.

Reisen zu sechst passt selten in Standardkategorien

Die zweite Weltreise war nicht deshalb aufwendiger, weil zwei weitere Kinder grundsätzlich mehr Chaos bedeuteten. Das eigentliche Problem war viel banaler: Die Reisebranche plant meistens für Familien mit maximal zwei oder drei Kindern.

Familienzimmer enden häufig bei vier Personen, mit Zustellbett vielleicht bei fünf. Normale Mietwagen haben fünf Sitze. Für sechs Personen braucht es oft direkt einen Bus, der deutlich teurer sein kann. Auch Unterkünfte mit drei Schlafzimmern werden rar – besonders dann, wenn eine Familie länger bleiben möchte und zwei Teenager etwas Rückzugsraum brauchen.

Gleichzeitig brachte der große Altersunterschied zwischen den beiden Zwillingspaaren Vorteile. Die Älteren waren auf der langen Reise bereits Teenager, konnten Gepäck tragen, Aufgaben übernehmen und ihre jüngeren Geschwister an die Hand nehmen. In Puerto Escondido gingen sie selbstständig zu ihrem Surfkurs, während der Rest der Familie etwas anderes unternahm.

Unterschiedliche Interessen verschwinden damit natürlich nicht. Aber ältere Kinder können eigene Pläne machen – und ein Spielplatz ist für Teenager offenbar deutlich leichter auszuhalten, wenn es dort WLAN gibt ;)

Die Patrone im Handgepäck

Dass Reiseerfahrung nicht vor Fehlern schützt, zeigte sich am Flughafen von Singapur. Beim Boarding nach Bali wurde im Federmäppchen eines Sohnes eine leere Patronenhülse gefunden. Er hatte sie Monate zuvor nach einem Besuch auf einem Schießstand in Alabama als Andenken bekommen. Bis Singapur war sie unbemerkt im Handgepäck mitgereist.

Die Polizei kam, nahm den Vorfall auf und sprach schließlich eine Verwarnung aus. Den Flug verpasste die Familie trotzdem. Weil sie bereits aus Singapur ausgereist war, brauchte sie für die erneute Einreise sowohl eine Unterkunft als auch einen Nachweis über die nächste Ausreise.

Also saßen sechs erschöpfte Menschen abends zwischen Ein- und Ausreise und versuchten, Hotel und Weiterfahrt zu organisieren. Am Ende reichte den Behörden eine WhatsApp-Nachricht eines Taxifahrers, der zugesagt hatte, sie am nächsten Tag nach Johor in Malaysia zu bringen. Von dort flog die Familie später weiter nach Bali.

„Wir haben dann echt nur noch so funktioniert. Und da war ich ganz froh, dass wir schon Reiseerfahrung hatten.“

Seitdem wird das Handgepäck kontrolliert. Die Frage, ob wirklich niemand eine Patrone dabeihat, ist zum Running Gag der Familie geworden.

Vor jedem Flug: Kindergepäck gemeinsam prüfen

Leert Federmäppchen, Jackentaschen und kleine Rucksackfächer vor dem Packen einmal vollständig aus. Souvenirs, Spielzeug und Dinge, die lange unbemerkt mitreisen, können bei Sicherheitskontrollen ernste Probleme verursachen – auch wenn sie harmlos gemeint sind.

Schule unterwegs: Hauptfächer, Sprachpraxis und zwei Monate Costa Rica

Für die zweite Weltreise waren die älteren Zwillinge ein Schuljahr lang freigestellt. Sie verließen Hamburg nach der sechsten Klasse, lernten unterwegs Inhalte der siebten Klasse und stiegen nach der Rückkehr in die achte Klasse ein.

Dagmar und Marc konzentrierten sich vor allem auf Mathematik und Deutsch. Englisch begegnete den Jugendlichen ohnehin im Reisealltag, zusätzlich schaute die Familie gemeinsam englischsprachige Serien. In Puerto Escondido kam alle zwei Tage eine Spanischlehrerin ins Hotel – erst für eine Stunde zu den Jungs, danach zu den Eltern.

Später wünschten sich die Jugendlichen selbst, wieder eine Schule zu besuchen. Knapp zwei Monate gingen sie deshalb auf eine internationale Privatschule in Costa Rica. Fachlich passte der Unterricht nicht unbedingt zum Lehrplan in Hamburg. Dafür brachte die Zeit englische Sprachpraxis, Schulroutine, Kontakte zu Gleichaltrigen und eine neue persönliche Erfahrung.

Das Unterwegslernen fühlte sich für die Eltern zeitweise nach zu wenig an. Im direkten Austausch eins zu eins oder eins zu zwei war es aber deutlich intensiver als eine normale Unterrichtsstunde.

Wie 13 Monate die Geschwister verändert haben

Vor der Reise hatten sich die älteren Zwillinge etwas auseinandergelebt. Sie besuchten bewusst unterschiedliche weiterführende Schulen, hatten eigene Freundeskreise und gingen zunehmend getrennte Wege. Die 13 Monate änderten ihre Beziehung grundlegend.

Seit der Rückkehr im Sommer 2022 verbringen sie wieder viel Zeit miteinander. Auch die Bindung zu den jüngeren Geschwistern wurde enger. In einem normalen Alltag wären Teenager, Schule, Freunde und die Routinen der Kleinen viel häufiger getrennt voneinander gelaufen.

„Die haben sich auf dieser Reise richtig wiedergefunden, und das ist natürlich ein Geschenk.“

Für Dagmar ist genau diese gemeinsame Zeit wichtiger als die Frage, ob eine Langzeitreise nach Hawaii, Südostasien oder mit einem alten Camper durch Europa führt. Nicht das möglichst luxuriöse Ziel prägt eine Familie am stärksten, sondern das lange Herauslösen aus dem Alltag.

Zwei Jahre Gran Canaria – auch die Teenager entscheiden mit

Noch während der zweiten Weltreise entstand der Wunsch, einmal länger im Ausland zu leben. Die älteren Kinder waren davon zunächst wenig begeistert. Nach 13 Monaten unterwegs wollten sie zurück zu ihren Freunden in Hamburg – und nicht schon ein Jahr später erneut aufbrechen.

Die Familie sprach lange darüber. Der klare Rahmen half: Gran Canaria sollte ein auf zwei Jahre begrenztes Auslandsabenteuer werden. Die Jugendlichen waren inzwischen 16, fanden vor Ort Freunde und sahen die Zeit selbst als wertvolle Erfahrung. Ihre Haltung blieb trotzdem eindeutig: Zwei Jahre sind genug.

Die Wahl der Insel war pragmatisch. Die Familie mochte die Kanaren und das ganzjährig milde Klima. Für die älteren Kinder kam wegen des geplanten Wiedereinstiegs in die Hamburger Oberstufe nur eine anerkannte deutsche Auslandsschule infrage. Eine solche Schule gibt es auf Gran Canaria und auf Teneriffa; auf Teneriffa war kein Platz frei.

Auch die Größe der Insel war wichtig. Jugendliche, die Hamburg gewohnt sind, sollten sich selbstständig bewegen und mit Freunden ins Kino oder zum Bowling gehen können. Ein abgeschiedenes Bergdorf wäre für diesen Lebensabschnitt keine passende Lösung gewesen.

Marc konnte seinen Job remote mitnehmen und wurde für zwei Jahre von seinem Arbeitgeber entsandt. Dagmar arbeitete ebenfalls von der Insel aus. Die Auswanderung auf Zeit war also kein Sprung ohne Netz, sondern eine sorgfältig ausgehandelte Veränderung.

Mut bedeutet nicht, jede Sicherheit aufzugeben

Dagmars wichtigste Botschaft ist angenehm undramatisch: Eine Langzeitreise ist nicht nur etwas für Menschen, die alles verkaufen und ohne Plan losziehen. Familien dürfen ihre eigene Risikogrenze ernst nehmen.

Elternzeit, ein Job für die Rückkehr, eine untervermietete Wohnung oder Remote-Arbeit können ein Sicherheitsnetz bilden. Und wenn die große Variante nicht funktioniert, ist vielleicht eine kleinere Auszeit, eine Europatour oder ein Schuljahr im Ausland möglich.

„Wenn man fragt, dann geht ganz vieles.“

Marcs Entsendung nach Gran Canaria erforderte monatelange Gespräche. Ein erstes Nein wäre für Dagmar noch nicht das Ende gewesen. Dann könne man nach den Bedenken und nach Bedingungen fragen, unter denen eine Idee doch möglich wird.

Ihr Leitsatz lautet: Never try, never know. Nicht im Sinne von blindem Optimismus, sondern als Einladung, aus Vermutungen konkrete Fragen zu machen. Erst dann lässt sich herausfinden, welche Tür wirklich geschlossen ist – und welche vielleicht nur schwer aufgeht.

Gelingenpartner statt Gegenwind

Als praktischen Tipp nennt Dagmar keine Packliste und keinen Buchungstrick. Familien, die von einer Weltreise träumen, sollten sich Menschen suchen, die denselben Wunsch haben oder bereits länger gereist sind.

Im direkten Umfeld treffen große Reisepläne manchmal auf Sorge, Ablehnung oder Unverständnis. Das ist nicht immer böse gemeint. Wer selbst noch zweifelt, lässt sich davon aber schnell verunsichern. Dagmar nennt Menschen, die zuhören, Erfahrungen teilen und bestärken, Gelingenpartner.

Über Instagram findet ihr Dagmar unter @flipflopblog.de. Weitere Reisegeschichten stehen auf ihrem Flipflopblog. Außerdem bietet ihre Weltreise-mit-Kindern-Community Austausch und regelmäßige Online-Treffen für interessierte und erfahrene Reisefamilien.

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